[:de]900 Millionen – warum?[:en]On the brink[:]

Christina/ Januar 8, 2019/ Kultur

[:de]An den Rändern des Abgrunds?

Der Kontrast könnte nicht größer sein: Auf der einen Seite die Open-Air-Ausstellung „An den Rändern des Horizonts“ und auf der anderen Seite der millionenschwere Wahnsinnsbau der Elbphilharmonie. Die beiden Impressionen liegen räumlich nah beieinander und könnten inhaltlich doch nicht weiter voneinander entfernt sein.

Hier stellt sich die Frage: Ist die Welt einfach von unauflösbaren Widersprüchen geprägt? Ist das eine Tatsache, die wir einfach so hinnehmen müssen, weil Reichtum ungleich verteilt ist und der „Machthabende“ sich immer größenwahnsinniger darstellen muss, um wahrgenommen zu werden und das Erreichte von gestern heute unbedingt übertreffen zu müssen? Ist es angemessen auf Kosten anderer Ländern, anderer Völker, anderer Menschen immer aufwändiger zu leben? Und dabei ist die Armut von den Rändern des Horizonts längst in die deutschen Städte gezogen. Auch in Hamburg dürfte es genug soziale Ungerechtigkeit geben, bei der man mit 866 Millionen sicherlich einiges hätte bewegen können. Ist da ein neues Wahrzeichen in der Stadt einfach wichtiger? Bringt es so viel neue Touristen und Besucher, dass die Einnahmen daraus die Baukosten übersteigen? Und, fließen diese Mehreinnahmen dann in die Kanäle, die es brauchen? Off the record: Die Hafen-City kommt ziemlich seelenlos daher und kann mit dem Rest von Hamburg m.E. nicht mithalten. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich ja (nicht) streiten.

Und, das wahre Leben findet doch sowieso auf der Straße statt, wie uns ein Musiker direkt vor der Elbphilharmonie deutlich machte. Für mich ist er das wahre Gesicht der Hafenstadt, einfach aber ehrlich. Mein Tipp: Anstatt einen zweitklassigen Kaffee im wenig ansehlichen Café der Elbphilharmonie zu trinken, geht einfach ein Stückchen weiter und macht Halt in der schwedischen Kirchen um die Ecke. Da gibt es im Kyrkans-Caféet selbstgebackenen Kuchen und Glögg (kommt von Glück)!

Holzhafen, Frischeparadies und Geisterseher

Nach der Stärkung geht es weiter Richtung Holzhafen. Eine sehr schöne Ecke der Stadt mit tollen Einrichtungshäusern, leckeren Lokalen und einem sensationellen Frischeparadies. Ein Besuch lohnt sich auch nur zum Schauen. Ausgefallene Leckereien soweit das Auge reicht. Neben frischem Fisch, gibt es ausgefallene Fleischsorten, leckeren Käse und eine Joghurt- und Konfitürenauswahl, die sich sehen lassen kann.

Nach so viel Augengenuss bekommen wir richtig Hunger. Weiter geht es nach Ottensen auf die Bahrenfelder Straße. Hier finden wir genau das, was wir instinktiv gesucht haben: Den Kumpir-Altona. Was Kumpir ist? Nun Kumpir kenne ich aus der Türkei, genauer gesagt aus Istanbul. Im Stadtteil Üsküdar z.B. kann man diese großen gefüllten Kartoffeln überall an Freiluftständen kaufen. Sehr nahrhaft, sehr lecker. Ich wundere mich allerdings, warum der Laden mit türkisch und arabischen Spezialitäten „under Indian management“ steht. Innovation und Flexibilität? Egal, wir sind gesättigt und damit fit für den Rest des Abends. Wir haben nämlich Karten für die Premiere vom „Geisterseher“ im Thalia-Theater in der Gaußstraße ergattert.

„Armenier oder was?“

Die moderne Inszenierung des Schiller-Stücks hat uns restlos begeistert. Zwei Stunden lang beste Unterhaltung, dank zweier wirklich beachtlicher schauspielerischer Leistungen. Die Zutaten des Stückes haben bereits im Vorhinein alles versprochen:

„Geisterseher“, die Sex­, Drogen­ und Gangsterstory vom reichen Prinzen, den unerträglicher „Realitätsterror“ in die Ferne treibt, um dort die „Schranken der Gegenwart“ niederzureißen, dieser Youngster­Thriller wurde prompt ein Hit.“

Dem manchmal unerträglichen Realitätsterror mit Handy, sozialen Medien und Selfies zu entgehen – wer träumt nicht ab und zu davon? Am besten hat uns der völlig absurde Ausspruch gefallen: „Da trägt einer eine Kapuze, darunter eine Maske, was soll das? Armenier oder was?“

The living and the dead

Am nächsten Tag steht die Anton Corbijn-Aussstellung im Bucerius-Kunst-Forum auf dem Programm, die an dem Tag zu Ende ging. Unter dem Titel „The living and the dead“ zeigt die Ausstellung zum einen Porträts von bekannten Pop- und Rock-Künstlern, so wie man es von Corbijn gewohnt ist. Zum anderen wird eine eher unbekannte Seite des niederländischen Fotografen gezeigt: Selbstporträts und Friedhofsbilder. Dazu wird ein Kurzfilm über das Schaffen von Corbijn gezeigt, vornehmlich aus der Sicht befreundeter Künstler. Besonders eindrucksvoll fand ich die Aufanhmen von Kylie Minogue, Dava Gahan und Bono. Deshalb sind diese auch in meiner Bildergalerie.

Fazit: Ein tolles Wochenende in einer tollen Stadt! Wir kommen wieder …

[:en]The discrapencies could not be bigger than this: On the one hand the open-air-exhibition: “On the edge of the horizon” and on the other hand the worth several millions crazy building of the Elbphilharmonie. Both impressions are located close to each other, however, they could not be further away from each other – ethically.

The question is: Is the world shaped by indissoluble contradictions? Is that a fact we have to put up with, because wealth is unequally distributed and the “powers” have to express themselves as megalomanic as they can in order to be noticed and to outmatch yesterday’s achievements? Is it justified to live more and more lavish at the expense of other countries, other nations, other people? And thus the poverty from the edge of the horizons has already reached German cities. Also in Hamburg there might be enough social injustice which might have been relieved with the help of 866 Millions of Euros (the construction costs). Is it really more important for a city to have a new town’s landmark than social peace and welfare? Does that lead to so many new tourists and visitors that the earnings exceed the construction costs? And, does that money run into the channels in need? Off the record: The “Hafen-City” looks rather soulless and cannot keep up with the rest of Hamburg – in my opinion. As you know: there is no accounting for taste.

And real life takes place on the streets not on the glamorous plazas of some concert halls anyway. This was verified by a musician in front of the Elbphilharmonie. For me, guys like him are the real faces of Hamburg, simple but honest. My tip: Ignore the inhospitable café at the Elbphilharmonie and choose the Swedish Church café just around the corner. The Kyrkans-Caféet offers home-baked cake and “Glögg”.

Holzhafen, Frischeparadies and Ghost Seer

After some refreshment we continue our walk in direction of the “Holzhafen”. It is a very nice quarter of the city with great furniture shops, mouth-watering restaurants and a sensational supermarket with fresh and fine food (“Frischeparadies”). It’s worth a visit, even for a stop by. Fancy goodies as far as the eye can see. Next to fresh fish there are unusual kinds of meat, delicious cheese and a selection of yoghurt and jams that’s outstanding.

After so much eye-candy we get hungry. We move on to Ottensen, Bahrenfelder Straße. Here we find exactly what we have been looking for: The “Kumpir-Altona”. What Kumpir is? Well I know it from Istanbul. You can buy those big stuffed potatoes for example in Üsküdar, one of Istanbul’s districts. It is nutritious and delicious. However, I wonder why this place offering Turkish and Arabic food is under “Indian” management? Innovation and flexibility? No matter what we are satisfied and therefore fit for the rest of the evening. We were lucky: We are first nighter at the Thalia Theater displaying the “Ghost Seer”.

Armenian or what?

Die modern staging of the Schiller-play thrilled us completely. Two hours of great entertainment, thanks to the truly remarkable stagecraft of the two actors. Die play’s “ingredients” were already a pledge for divertissement. “Ghost Seer”, the sex, drugs and gangster story of a rich prince pushed afar due to “reality terror” in order to tear down the “walls of presence”, this youngster thriller became a success instantly.
To escape the unbearable reality terror provoked by mobile phones, social media and selfies from time to time – who does not want that? Most of all we liked the absurd saying “there is somebody who wears a hood, underneath a mask, what is that good for? Armenian or what?”

The living and the dead

Next day we visit the Anton Corbijn exhibition at the Bucerius Kunst Forum which terminates that day. Entitled “The living and the dead” the show displays portraits of well-known rock and pop musicians on the one hand as expected. On the other hand a different perspective on Corbijn’s work is shown: self-portraits and pictures of cemeteries. Additionally a film on Corbijn’s oeuvre is represented, primarily from the point of view of artists he knows. I especially liked the pictures of Kylie Minogue, Dave Gahan and Bono. That’s why I put them into my picture gallery underneath.

My conclusion: A very nice weekend in a wonderful city. We’ll come back.

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