Christina/ Februar 25, 2019/ Kultur

Die zweite Etappe des Klosterwanderwegs führt uns von Ilsenburg nach Wöltingerode. Neben der herrlichen Natur am Wegesrand gibt es allerlei Geschichtsträchtiges zu entdecken. Da ist zunächst das Kloster Ilsenburg. Entlang des Grünen Bandes (der ehemaligen innerdeutschen Grenze) entdecken wir den Jungborn und das ehemalige Forsthaus Eckerkrug. Im Schimmerwald erfahren wir zum einen, dass es vegetarische Restaurants bereits im 19. Jahrhundert gab. Zum anderen, so lesen wir, bestand nach Meinung der DDR-Oberen auch bei Senioren im Altersheim noch Fluchtgefahr. Wir begegnen der Reminiszenz des Forsthaus Schimmerwald. Im Mühlendorf machen wir Bekanntschaft mit einem sehr geschichtsbeflissenen und netten Gutsbesitzer. Schließlich passieren wir dort die Brücke der Einheit. An dem Ort Lochtum vorbei erreichen wir Wiedelah. Dort werfen wir noch einen Blick auf die malerisch gelegene Burg, bevor wir nach Vienenburg zurückkehren.

Ora et labora

Wir starten unsere Tour bei himmlischem Wetter am Bahnhof von Ilsenburg. Zunächst schauen wir uns ein wenig in dem pittoresken Kleinstädtchen um. An dem Landhotel und Restaurant „Rothe Forelle“ genießen wir am angrenzenden Teich für einen Moment die sonntägliche Ruhe. Langsam gehen wir Richtung Kloster und Schloss. Für 10:30 Uhr sind wir zu einer Klosterführung verabredet. Leider versetzt uns unser Gästeführer jedoch, sodass wir das Kloster schließlich auf eigene Faust erkunden. Schade. Während die Besichtigung des Geländes also zu empfehlen ist, kann ich das von der Klosterführungsorganisation leider nicht behaupten.
Beim Kloster Ilsenburg handelt es sich um ein ehemaliges Benediktinerkloster im romanischen Baustil. Es wurde zwischen 1003 und 1018 errichtet. Die zum Kloster gehörende Kirche (wird gerade restauriert) wurde 1087 erbaut. Leider sind Klosterkirche und Klausur nicht mehr in Gänze erhalten. Trotzdem kann man sich noch ein sehr gutes Bild davon machen, wie das Gelände wohl im ursprünglichen Zustand einmal ausgesehen haben mag. Unterstützend wirkt dabei die Computersimulation, die wir uns im kleinen Refektorium anschauen. Das Kloster ist von einer wunderschönen Parkanlage umgehen. Leider fehlt uns die Zeit, diese zu erkunden. Einen zweiten Besuch jedoch können wir uns sehr gut vorstellen, zumal im Innenhof das „Café im Schloss“ mit selbstgebackenem Kuchen lockt.

Den ganzen Tag nackig

Wir verlassen das Klostergelände und gehen zum Marktplatz zurück. Vorbei am Forellenteich gehen wir die Kastanienallee entlang, bis wir zum Eckertal kommen. Durch waldiges Gelände erreichen wir das ehemalige Forsthaus Eckerkrug. Dort erleben wir unsere erste historische Überraschung. Zunächst ist es eine Schande, dass es dieses herrliche Forsthaus mit Gartenlokal nicht mehr gibt. Mit der Grenzziehung wurde das Kleinod abgerissen. Die aufgestellten Schautafeln lassen erkennen, wie schön es dort einst gewesen sein muss. Die eigentliche Sensation ist aber, dass die erste Naturheilstätte Deutschlands am Jungborn gewesen ist. Gegründet von Alfred Just im Jahre 1896 unter dem Motto der vier Elemente „Licht, Luft, Lehm und Wasser“ entstand eine Freikörpereinrichtung der besonderen Art. Nicht nur, dass dort bereits vegetarisches Essen serviert wurde. Zur Erholung hielt man sich tagsüber je nach Geschlecht im „Damen- oder Herrenpark“ völlig unbekleidet auf. Kein Wunder, dass sich diese Heilkunst schnell herumsprach und Gäste aus der ganzen Welt zum Jungborn pilgerten. Unter ihnen so prominente Namen wir Marika Röck und Franz Kafka.
An die damalige Zeit erinnern nunmehr neben den Schildern „Damenpark“ und „Herrenpark“ zwei liebevoll und detailgetreu gestaltete Licht-Luft-Häuschen, die zur Rast einladen.

Forsthaus Schimmerwald

Wir wandern weiter entlang der Ecker und erreichen zunächst das Örtchen Eckertal. Hier wurde am 11.11.1989 nach Berlin erstmals die innerdeutsche Grenze geöffnet. Wir folgen weiterhin dem Lauf der Ecker (einem 26 km langen Zufluss der Oker) in Richtung Abbenrode. Wir laufen am Schimmelwald entlang, einem alten Buchenwald mit sehr hohen Bäumen. Dort machen wir unsere nächste Entdeckung. Zwischen Abbenrode und Lochtum liegt das „Mühlendorf“. Kurz vorher erreichen wir jedoch ein Denkmal und eine Info-Tafel, die an das ehemalige Domkapitularische Jagdhaus von 1757 erinnern, das vegetarische (!) Erholungsheim Waldhaus Lange Altfeld Abbenrode und das Forsthaus Schimmerwald. Leider waren mal wieder Vandalen am Werk und haben die Info-Tafel beschädigt. Neugierig und verblüfft lesen wir die Geschichte des Waldhauses nach, dessen Besitzer 1945 von den Russen enteignet wurde. Das Waldhaus war dann zunächst ein Altenheim, wurde in DDR-Zeiten dann allerdings geschlossen, weil angeblich Fluchtgefahr bestand (?). Leider ist das ehemalige Erholungsheim dann verfallen.

Napoleon und Wallenstein

Auf der ehemaligen Heerstraße, auf der auch Napoleon und Wallenstein einst ritten, entdecken wir linker Hand ein wunderschönes Gutshaus. Zufällig sieht uns der Besitzer, wir kommen ins Gespräch. Er erzählt uns, dass das Konterfeit von Wilhelm I. anlässlich seiner Krönung in Versailles 1871 in die Fassade des Hauses eingelassen wurde. Wir sprechen noch kurz über die Verwandtschaft Herzog Anton Ulrichs mit der österreichischen Kaiserin Maria Theresia (der Adel ist damals halt unter sich geblieben) und dem historischen Grenzverlauf zwischen dem Königreich Preußen und dem Herzogtum Braunschweig (heute Sachsen-Anhalt und Niedersachsen). Der Eigentümer berichtet auch von den einmal geplanten Dreharbeiten über den Gutshof und dessen idyllisches Ambiente. Diese sind dann aber nicht zustande gekommen. Die Familie befürchtete ein zweites Glottertal, vermutlich zu Recht.

Die Brücke der Einheit

Der Weg vom „Mühlendorf“ Richtung Wiedelah führt uns über die Brücke der Einheit (Grenzöffnung am 27.1.1990). Dort biegen wir scharf rechts auf einen Feldweg ein. Vorbei am „Vienenburger Steakhouse“ gehen wir unter der Autobahn 395 hindurch und erreichen schließlich Wiedelah. Von der idyllisch gelegenen Burg sind wir sehr überrascht. Leider lässt sich diese nicht besichtigen, sie wurde zu einem Wohnhaus umfunktioniert. Wir folgen weiterhin dem Klosterwanderweg und biegen rechts Richtung Vienenburg ab. Am Bahnhof von Vienenburg endet unsere Wanderung. Mit einem Kaffee bzw. Glühwein „auf die Faust“ genießen wir die letzten Sonnenstrahlen. Glücklich und zufrieden begeben wir uns auf die Heimreise.

Mein Fazit: Eine Wanderung mit der Wirkung eines Jungbrunnens!

Zusammenfassung:
Streckenlänge: 18 km – Gehzeit: ca. 4 Stunden (ohne Pausen, ohne Besichtigungen) – Höhenmeter: 213 hoch, 290 runter.

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