Christina/ Februar 7, 2019/ Kultur

Wenige Quadratmeter werden für vier Menschen zum Schicksalsraum. Sie kennen sich nicht, begegnen sich zufällig und können sich doch nicht entrinnen. Am Ende hängt ihr Selbst wie abgezogene Tapete von der Wand und nichts ist mehr, wie es vorher war. Diese unfreiwilligen Häutungen hat die Italienerin Sara Angius temporeich, wandlungsreich und mit einer atemberaubenden Choreographie in einem Stück inszeniert, das sie Wallpaper nennt. Am letzten Samstag habe ich mir die Vorstellung im LOT-Theater (https://www.lot-theater.de/St%C3%BCck/wallpaper-sara-angius/) angeschaut.

Tanzen statt sprechen

Alles beginnt mit einem Missverständnis. Den Flyer zum Stück bekomme ich beim Sport in die Hände. Die Handlung ist schnell überflogen. Die Eintrittskarte kaufe ich dann mit der festen Vorstellung, es handele sich bei „Wallpaper“ um ein philosophisches Theaterstück. Als ich schließlich am letzten Samstag auf den Einlass in den Zuschauerraum warte, kommt zunächst die Ernüchterung: Tanztheater! Zugegeben, damit habe ich zum einen nicht gerechnet. Zum anderen war ich mir nicht sicher, ob das etwas für mich ist. Egal, jetzt war ich ja schon mittendrin.

Biegsamer als Filz- und Gummipuppen

Und es hat sich gelohnt. Zunächst kommt mir alles sehr abstrakt vor. Ich brauche ein paar Minuten, um mich auf die Choreographie einzulassen. Am Anfang versuche ich immer noch, eine Handlung zu erkennen und dieser zu folgen. Irgendwann bin ich mittendrin in den unglaublichen Verbiegungen, Drehungen und Wendungen der Tänzer. Und es ist nicht nur der Tanz, auch ihre Mimik beeindruckt mich. Immer wieder frage ich mich, ob ich das auch so hinbekäme. Bei der tänzerischen Leistung sieht das anders aus, da bin ich chancenlos. Die Performance erinnert mich an die biegsamen Filz- und Kunststoffpuppen aus meiner Kindheit, deren Gelenke man in alle Richtungen und um 360 Grad drehen konnte. Unfassbar, denke ich, das gibt es auch „in echt“.

Die ganze Aufführung (Spieldauer eine Stunde ohne Pause) geht so schnell vorbei, dass ich erst hinterher richtig begreifen kann, was ich da gerade gesehen habe. Eine der Protagonistinnen, zum Beispiel, verliert immer wieder buchstäblich ihren Kopf und auch ihre Hand. Die anderen sammeln alles wieder auf, wollen ihr helfen. Es nützt aber nichts – sie bleibt kopflos. Ein anderer versucht sisyphusartig ein Stück abgerissene Tapete wieder anzukleben – vergebens. Eine dritte Darstellerin bekommt vor der Wand einen derart hysterischen Anfall, dass die nicht vorhandenen Glasscheiben im Raum bersten.

Die seelischen Abgründe kaschieren

Neben der Choreographie gefällt mir auch die Musikauswahl richtig gut. Sie unterstreicht die unterschiedlichen Charaktere der dargestellten Personen. Metaphorisch gesprochen, versucht jeder der Darsteller, seine seelischen Abgründe zu verdecken. So wie man Tapete an die Wand klebt und nicht mehr sieht, was eigentlich dahinter ist. Nur, die Bahnen machen einfach nicht, was sie sollen. Sie halten nicht, gehen immer wieder ab. Schließlich hängen sie in Streifen von der Wand, wie die bloßgelegte Seele.

Mein Fazit: Manchmal ist es gut, vorher nicht zu wissen, was auf einen zukommt. Sonst besteht die Gefahr, etwas zu verpassen.

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