Christina/ Juli 27, 2018/ Kategorien, Kultur

Philipp Staab hat mit seinem Essay „Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus“ eine sowohl spannende als auch erschreckende Analyse des gegenwärtigen Einflusses der Digitalisierung auf die Ökonomie und damit gleichfalls auf die Lebenswelt und damit auch Arbeitswelt jedes Einzelnen vorgelegt.

Selten habe ich ein Sachbuch so zügig und mit so viel Interesse durchgelesen. Es fühlte sich fast wie eine Kriminalgeschichte nur mit dem Unterschied, dass es sich hier um reale und nicht um fiktive Verhältnisse dreht.

Dabei versteht es der Autor den Leser mit seiner kritischen Auseinandersetzung von Anfang an in den Bann zu ziehen: sehr gut nachvollziehbar beschreibt Staab zunächst die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen dem Mantra der kontinuierlichen Produktivitätssteigerung durch technischen Fortschritt und der gleichzeitig benötigten Nachfragesteigerung durch den Verbraucher. Diese Korrelation nennt er das Konsumtionsdilemma. Ein Begriff, der sich durch den ganzen Aufsatz zieht und an dem Staab beschreibt, wie digitale Unternehmen durch Disruption der alten Ökonomie (Old Economy) versuchen, diesen Zielkonflikt zu überwinden.

Die GAFA-Ökonomie

Das Faszinierende an dieser Darstellung ist aus Konsumentensicht- und das sind wir ja alle – einerseits die Mittel und die Methoden der GAFA-Ökonomie (Google, Apple, Facebook und Amazon) zu beleuchten und andererseits die Aufgabe des Prosumenten in diesem Geflecht zu schildern. Denn letztendlich spielen wir alle eine Rolle in dieser Entwicklung, indem wir diese durch vermehrten Konsum unterstützen oder uns durch Abstinenz zu entziehen versuchen.

Ein Sachverhalt ist mir bei der Lektüre deutlich geworden: Dem Verbraucher mag oftmals gar nicht bewusst sein, dass er der Digitalisierung keineswegs machtlos gegenübersteht, sondern sich von dieser vielmehr (unbewusst) durch „falsche Versprechen“ in Form von vorgegaukeltem Mitspracherecht manipulieren lässt und somit in eine schlechtere Position gerät als er diese bei vollem Bewusstsein einnehmen könnte.
Staab verdeutlicht diesen Fakt an einer Begebenheit, die sich zwischen dem Autobauer Ford und einem Gewerkschaftsvertreter ereignet haben soll. Auf die Frage Fords, wie der Gewerkschaftsvertreter die Fertigungsmaschinen dazu bringen will, Gewerkschaftsbeiträge zu zahlen, antwortete dieser, wie Ford wohl die Maschinen dazu bringen will, Ford-Autos zu kaufen?

Ich kann jedem nur empfehlen dieses Buch zu lesen, der einerseits die wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklungen des Kapitalismus nachvollziehen und andererseits die Mechanismen der digitalen Marktwirtschaft verstehen möchte.

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