Christina/ Juli 26, 2010/ Kultur

„Dubai Speed“ als Anspielung auf das Übermorgenland. Klar, das geht immer. Rechtzeitig zum Ausbruch der
weltweiten Finanzkrise erschien also „Dubai Speed“ von Michael Schindhelm, dem ehemaligen Kulturdirektor
der Dubai Culture and Art Authority. Ein (fast) sicherer Treffer am Buchmarkt – schließlich möchte man auch mal was Negatives lesen über das Land, das sich bis dahin nur auf der Überholspur zu bewegen schien. Und nun schienen die Finanzmarkt-Probleme auch die erfolgsverwöhnten Emiraties erreicht zu haben – so jedenfalls die Ankündigung im Klappentext: „Die Metropole am Golf warangetreten, alle Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen und in jeder Beziehung Superlative zu schaffen. Doch dann kam die Finanzkrise …“

Letztendlich widmet sich das Buch, geführt in tagebuchartigen Einträgen, nur auf den letzten sechs Seiten
nennenswert den Geldproblemen (02.12 – 31.12.2008).

Leider hält auch der zweite Teil des Klappentextes nicht, was er verspricht: „Der Bericht über ein kühnes
Gesellschaftsexperiment und die Sehnsucht nach einer neuen Kulturwelt als Tagebuch einer Begegnung von
Orient und Okzident voller Missverstädnisse und (Selbst-)Erkenntnisse. Vielleicht bis auf das Wort „Missverständnisse“ passt da nicht wirklich viel zusammen. Beim Lesen des Buches wird an keiner Stelle das Gefühl vermittelt, es ginge um eine Begegnung, von einer Selbst-Erkenntnis des Autoren keine Spur. Vielmehr erhält man den Eindruck, dass hier gängige, weil verkäufliche Klischees, intellektuell verpackt werden.

Hierzu möchte ich ein Beispiel geben: „Es gibt Menschen in dieser Stadt, die so gut wie nie mit Emiratis
in Kontakt kommen und sich deshalb auch nicht vorstellen können, wie sich ein Kontakt gestaltet.“ Dieses Buchzitat könnte fast als Selbsterkenntnis des Autors gewertet werden; zwar kommt er, weil es sich beruflich nicht vermeiden lässt mit den Einheimischen in Berührung, nicht aber in Kontakt. Denn das würde ja voraussetzen, dass er sich mit der Kultur am Golf als auch mit seiner eigenen auseindandersetzte, was an keiner Stelle des Buches geschieht.

Tief blicken, wie „Expats“ sich in einer moslimischen Gesellschaft verhalten, lässt hingegen diese Passage (sie spielt während einer Abendveranstaltung der deutsch-emiratischen Gesellschaft): „Das Rätsel, wer hinter der Gesellschaft steckt, bleibt ungelöst. Die Araber setzen sich an die Tische […], die Westler nehmen vor dem Fenster Platz. Man kommt nicht miteinander ins Gespräch […]. Obendrein ist die Stimmung dadurch beeinträchtigt, dass es keinen Alkohol
gibt.“

Den Höhepunkt des arroganten, westlichen Gehabes im Kolonialstil erreicht das Werk mit seiner Beschreibung der Hauptstadt Jordaniens: Amman. Natürlich muss sich unser „Künstler“ auch hier ein fachmännisches Wort zur Architektur der Stadt erlauben, die er quasi als verfallen und gesichtslos beschreibt. Zudem habe er auf dem Hinflug nach Amman im Bordmagazin über die geplante Modernisierung der Stadt gelesen, was er mit den Worten „Die Frage ist, wer sich diesen Mist leisten kann und dafür bezahlen will“, kommentiert. Die Frage sollte lauten, warum ein Verlag einen solchen Mist eines offensichtlich frustrierten, selbstgerechten und in die Jahre gekommenen ehemaligen Theaterindentanten druckt?

Und schließlich hätten die Finanznöte Dubais für den ehemaligen Generaldirektor der Opernstiftung in Berlin
doch keine Hürde sondern eine erneute Herausforderung darstellen müssen. Hier betrat er doch bekanntes
Terrain, nachdem (seiner Wikipedia-Biografie zufolge) er doch bereits seinen Posten in Berlin verlassen hatte,
weil „seiner Meinung nach auf Grund der schlechten Haushaltslage des Landes Berlin zu wenig Geld für die Kultur bzw. die Arbeit der Stiftung vorhanden sei.“ Ist da ein Herr Schindhelm etwa vom Regen in die Trauf gekommen?
Dann führe er sich allerdings in seiner Aussage, dass „das kulturelle Engagement in Dubai letztlich nur der
Finanzierung großer Immobilienareale zugute kommen sollte, ohne kulturellen Eigenwert“, ad absurdum.
An dieser Stelle möchte man fragen: „Ja, was denn nun, lieber Herr Schindhelm, Geld oder Kultur?

Links zu relevanten Artikeln:
Süddeutsche Zeitung: „Niemand traute sich, die Wahrheit zu sagen“
Stern: „Warum Michael Schindhelm so gigantisch scheiterte“
Welt online: „Wie Michael Schindhelm in Dubai scheiterte“

Zur Person:
Wikipedia: Michael Schindhelm
3sat: Michael Schindhelm

Zum Buch:
Dubai Speed
Hamburger Abendblatt: „Michael Schindhelm, ein Europäer im Morgendland“

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