Abschied von Kurt Wallander
In seinem letzten Werk mit dem Titel „Der Feind im Schatten“ lässt der schwedische Autor Mankell seinen Romanhelden (oder ist es ein Anti-Held?) Sätze sagen wie: „Ich fühle mich alt“, sagte Wallander. „Jeden Tag erwache ich mit dem Gefühl, dass es so wahnsinnig schnell geht. Ich weiß nicht, ob ich hinter etwas herlaufe oder vor etwas davonlaufe. Ich laufe nur. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich große Angst vor dem Altwerden“.
Langsam bereitet Mankell den Leser auf den Abschied von seinem Kommissar vor. Immer wieder hat der schrullige Kommissar Gedächtnislücken. So schließt der Roman folgerichtig mit den Zeilen: „Der Schatten hatte sich vertieft. Und langsam sollte Kurt Wallander in einem Dunkel verschwinden, das ihn einige Jahre später in das leere Universum entließ, das Alzheimer heißt. Danach ist nichts mehr. Die Erzählung von Kurt Wallander geht unwiderruflich zu Ende. Die Jahre, die er noch zu leben hat, vielleicht zehn, vielleicht auch mehr, sind seine eigene Zeit, seine und Lindas, seine und Klaras, keines anderen Menschen Zeit“.
Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wann ich meinen ersten Wallander-Roman gelesen habe. Auch kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie der erste Fall des leicht verschrobenen, menschenscheuen und doch so sympathischen Kommissars in meine Hände geraten war. War es der Zufall? War es die Empfehlung einer Freundin, eines Freundes? Ich weiß es leider nicht mehr. Bestimmt muss es aber so gewesen sein, dass mir sowohl die Person des Protagonisten als auch die mörderische Geschichte dahinter gut gefallen hat. Vermutlich sogar so nachhaltig, dass ich die restlichen neun Bände nacheinander auch gelesen habe. Warum nur neun, wenn es doch insgesamt zehn Fälle gibt? Nun, das liegt daran, dass ich den zehnten und letzten Fall mit dem Titel „Der Feind im Schatten“ erst kürzlich entdeckt habe. Über eine Recherche nach einem der anderen Mankell-Bücher bin ich über den letzten Wallander-Roman gestolpert. Und was soll ich sagen? Sogleich haben mich sowohl die Handlung über einen Spion, der nicht enttarnt werden möchte als auch die Sorgen Wallanders vor dem Älterwerden und der Einsamkeit in den Bann gezogen. Naja, irgendwie bin ich selbst mit diesem schwedischen Polizisten älter geworden. Denn, es muss wohl so um das Jahr 2007 herum gewesen sein, als ich „meinen“ ersten Wallander-Roman in den Händen hielt – ich meine es war die „Weiße Löwin“, also offiziell der dritte Roman -. Das sind dann mal fast schlappe zwanzig Jahre, die seitdem vergangen sind. Wow!
Wenn ich sagen müsste, was mich an den Romanen fasziniert hat, so würde die Antwort am wahrscheinlichsten lauten, dass es der Charakter Wallanders ist, mit all seinen menschlichen Schwächen, privaten Problemen und dem Umstand, dass ich mich immer wieder mit den Gedankengängen des Individualisten Kurt Wallander identifizieren kann. So ist dann mein Abschied von der Schlüsselfigur Mankell’s auch kein leichter. Irgendwie habe ich diesen schrulligen Charakter liebgewonnen. Trotzdem kann ich verstehen, dass auch eine äußerst erfolgreiche und zugleich so nahbare Romanreihe irgendwann einmal zu Ende geht. Und ich finde, auch dieses Ende hat Henning Mankell wirklich gut gemeistert.
Und zum Trost, auch das darf noch gesagt sein, hat Mankell zum Glück ja noch ein paar andere, nicht minder gute Romane geschrieben, die es sich zu lesen lohnt. So sage ich leise adieu zum Abschied von Kurt Wallander und danke dem Autor dafür, dass er mich über Jahre hinweg mit seinen Bücher so gut begleitet hat.
Und hier noch zum Schluss die „Kurt-Wallander-Reihe“:
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1. Mörder ohne Gesicht (Mördare utan ansikte, 1991)
2. Hunde von Riga (Hundarna i Riga, 1992)
3. Die weiße Löwin (Den vita lejoninnan, 1993)
4. Der Mann, der lächelte (Mannen som log, 1994)
5. Die falsche Fährte (Villospår, 1995)
6. Die fünfte Frau (Den femte kvinnan, 1996)
7. Mittsommermord (Steget efter, 1997)
8. Die Brandmauer (Brandvägg, 1998)
9. Vor dem Frost (Innan frosten, 2002 — mit Linda Wallander)
10. Der Feind im Schatten (Den orolige mannen, 2009)
