Christina/ November 14, 2018/ Kategorien, Kultur

“Türkei, da traust du dich hin?” So die Frage einer Kollegin, als ich ihr erzähle, dass ich meinen Geburtstag im Ausland, genauer gesagt an der türkischen Ägäis, verbracht habe. Mit dieser Frage mag meine Kollegin, nicht zuletzt aufgrund der unvorteilhaften Berichterstattung deutscher Medien über Präsident Recep Tayyip Erdoğan und sein Regime, nicht alleine dastehen.
Ja, wir haben uns in die Türkei getraut und haben es keine Sekunde bereut. Und um ganz ehrlich zu sein, habe ich das auch nicht für eine mutige Tat gehalten, sondern für normal. Ich habe während meiner Studienzeit vier Monate in Istanbul gelebt und bin schon öfter dort gewesen – für mich ist die Türkei ein Stück Heimat. Und das war auch diesmal nicht anders. Auch die Menschen vor Ort waren höflich und gastfreundlich wie immer. Mein Freund, der zum ersten Mal in der Türkei war, ist mittlerweile ebenso begeistert wie ich von Land und Leuten und würde jederzeit wiederkommen wollen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Erdoğan ist nicht die Türkei, Putin ist nicht Russland und Trump ist nicht Amerika. Mit anderen Worten, die Meinung eines einzelnen Politikers sollte nicht mit der Haltung eines ganzen Volkes gleichgesetzt werden.

Izmir – die liberalste Stadt der Türkei

Diesmal hatte es mich an die türkische Ägäis verschlagen, nachdem ich die türkische Riviera und den Lykischen Weg bereits erkundet hatte. In Çeşme, einem ehemaligen Fischerdorf, haben wir unser Lager aufgeschlagen. In der Nachsaison ist es hier herrlich ruhig, für manchen vielleicht zu ruhig. Für uns war die Atmosphäre allerdings genau richtig. Am zweiten Urlaubstag haben wir von Çeşme den Bus nach Izmir genommen. Izmir gilt als die liberalste und westlichste Stadt der Türkei. Und tatsächlich hatten wir an nur einem einzigen Tag viele positive Begegnungen mit den Menschen der Stadt. Da ist z.B. die nette Bedienung im Wasserpfeifen-Kaffee, die sich sehr darüber freut, ausländische Gäste begrüßen zu dürfen. Zum Abschluss bekommen wir einen Tee geschenkt. Als wir die Rechnung begleichen und ein Trinkgeld hinterlassen, fragt uns die Bedienung ganz erschrocken, ob wir aus Versehen den Tee bezahlt hätten. Wir erklären dem Mann dann natürlich, dass das Geld für ihn ist, weil er uns so nett bedient hat und ernten ein erstauntes und sehr freundliches Lächeln dafür.

„You are a guest here“

Auf dem Weg zurück von Karşıyaka nach Konan spricht uns auf der Fähre ein Herr an. Er lebt seit 50 Jahren in Deutschland und stellt sich als Landmann vor. Er beeilt sich uns zu versichern, dass Erdoğan nicht stellvertretend für die Türkei stünde und Izmir eine sehr liberale Stadt sei. Er fragt uns auch, wie uns die Stadt und die Türkei überhaupt gefallen. Wir erklären ihm, dass alles in Ordnung sei und wir den Aufenthalt sehr genießen. Als wir die Metro zurück zum Busbahnhof nehmen wollen, haben wir das nächste verblüffende Erlebnis. In Izmir ist es leider nicht möglich, einen einzelnen Fahrschein zu lösen, macht braucht eine Karte, die mit Geld aufgeladen werden muss. Als wir Passanten ansprechen wird uns schnell geholfen. Eine Frau zieht ihre Magnetkarten für uns durch den Automaten. Als ich ihr das Geld für die Fahrkarte geben will lehnt sich mit den Worten „You are a guest here“ hier ab. Ich schäme mich fast für diese nette Geste, weil ich daran denken muss, wie sich eine ähnliche Szene wohl in Deutschland abgespielt hätte. Vermutlich hätten sich die meisten Deutschen nicht so freundlich um einen Türken bemüht, der nur englisch spricht. Nur wenige Minuten später, werden wir erneut beschämt. Wir kommen am Busbahnhof an und haben keine Ahnung, wo unser Bus abfährt. In dem Gewühl haben wir keine Chance uns zu orientieren, deshalb sprechen wir erneut einen Passanten an. Dieser lässt seinen Bus „sausen“, um uns höchstpersönlich zur Abfahrtsstelle unseres Busses zu bringen. Mein Freund und ich schauen uns nur an und sind völlig perplex über die völlig selbstlose und gleichzeitig selbstverständliche Gastfreundschaft der Türken.

Als wir zwei Tage später einen Wagen anmieten erleben wir nochmals eine Überraschung. Der Besitzer der Firma bringt uns den Wagen direkt ins Hotel, macht einen völlig relaxten Eindruck und als wir ihm sagen, dass wir nicht genug Bargeld dabei haben, bietet er uns an, dass wir den Mietwagenpreis einfach im Hotel hinterlegen – er holt dann alles bei der Rückgabe ab. Gesagt getan. Vielleicht lag es an der Nachsaison, aber vielleicht ist auch einfach die relaxte Lebenseinstellung der Türken in der Westtürkei, die wir in diesem Urlaub im Grunde genommen überall erlebt haben, wo wir hingekommen sind. Sogar die streunenden Katzen und Hunde machten einen total entspannten und zufriedenen Eindruck.

Evet, in die Türkei – da traue ich mich hin.

Bilder von der türkischen Ägäis

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