Christina/ März 27, 2011/ Kultur

Samstag abend. Kinozeit. Die Vorhalle ist gerammelt voll. Die Masse stürmt in die Mainstream-Filme, die „meine erfundene Frau“ oder „Powder Girl“ heißen. Ich bin erstaunt als es an der Kasse heißt, dass „Almanya – willkommen in Deutschland!“ im größten Kinosaal liefe. So groß ist das Interesse am türkischen Mitbürger – oder ist es vielmehr die Aussicht auf einen amüsanten Abend auf Kosten der „Anderen“?

Wir sitzen bequem in geräumigen Kinositzen als die weniger bequeme Reise durch die Anfänge der Einwanderungsbewegung nach Deutschland auf der Leinwand stattfindet. Im Mittelpunkt des Films steht zunächst „Hüseyin“, der durch eine großzügige Geste seinerseits das vermeintliche Pech hat, nur als 1.000.001 Gastarbeiter in Deutschland zu stranden und somit leider nicht in den Genuss eines nagelneuen Zündapp-Rollers zu kommen, den die deutsche Regierung spendierte. Es beginnt eine abenteuerliche Reise, die mal – in Rückblicken – in Deutschland oder Anatolien der 1960er Jahre spielt.

Man ahnt es bereits, Hüseyin macht seinen Weg in Deutschland, holt seine Familie nach, die interessanterweise Anfangs mindestens genauso viele Vorurteile gegenüber Deutschen („Man hört die Deutschen seien so schmutzig) hegt, wie umgekehrt. Der Zuschauer mag zudem im Laufe des Films davon überrascht sein, dass die Enkelin Hüseyins, die 22-jährige Canan, die von einem „Nicht-Türken“ schwanger ist, entgegen der hier weit verbreiten Meinung weder aus der Familie ausgestoßen wird, noch von Entehrung der Familie gesprochen wird.

Peinlich berührte mich u.a. eine Szene am Anfang des Films, als in der Schule der 6-jährige Enkel Hüseyins, Cenk, seiner Lehrerin sagen soll, wo er denn „wirklich“ herkäme (obwohl er in Deutschland geboren ist) und sie Anatolien auf der Karte nicht mit einem Fähnchen abstecken kann, weil die Wandkarte nur bis Istanbul (wohl noch Europa?) reicht. Was vordergründig komödiantisch, ja einem interkulturellen Missverstädnis geschuldet zu sein scheint, wirkt nicht zuletzt hinsichtlich der hiesigen gängigen Schulpraxis – man denke nur an die PISA-Ergebnisse – schal nach.

Jetzt kommt die Frage, die wir uns alle mal stellen sollten: Angenommen, die Situation wäre umgekehrt gewesen und die Türkei hätte seinerzeit Arbeitsmigranten gesucht. Mal Hand auf’s Herz: Wieviele von uns hätten sich nach Anatolien getraut und hätten sich dort so eingelebt, wie es sich die deutsche Regierung hierzulande vorstellt, sprich fließend türkisch gelernt und das „Deutschsein“ abgelegt? Ist es nicht vielmehr so, dass der verwöhnte Europäer davon ausgeht, dass egal wo und in welcher Funktion er ins Ausland geht, er stets willkommen ist und dass sich die Bevölkerung des Gastlandes an ihn und seine Gewohnheiten anpasst und nicht umgekehrt?

Denn jetzt mal ehrlich: Wer hat sich als Expatriate einer z.B. großen deutschen, englischen, französischen oder auch amerikanischen Firma schon wirklich die Mühe gemacht Mandarin, Hindi oder etwa Arabisch zu lernen, geschweige denn sich der jeweils anderen Kultur anzunähern und sich um eine sogenannte ethnorelativistische Haltung zu bemühen? Vielmehr sind doch im Ausland häufig die „Aldi-Uwes“ anzutreffen, die bei jeder Gelegenheit auf Firmenkosten nach Hause jetten, den guten Aldi leer kaufen, nach sechs Mal hin und her die Senator-Karte der LH einstecken und einmal im Jahr freudig die „Buschzulage“ instecken, damit sie auch ja weiterhin im „schlimmen“ Ausländer-Ghetto ausharren und sich abends gepflegt zum Stelldichein oder Bierchen in den „In“-Lokalen der Stadt treffen.

Wenn sich diese Damen und Herren ein wenig von der interkulturellen Kompetenz auf die Fahnen schreiben würden, die sie in ihrem Heimatland wie selbstverständlich allen (Arbeits-)Migranten abverlangen, wäre schon viel erreicht.

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