Christina/ Juni 7, 2011/ Kultur

Es ist still geworden um den Wüstenstaat Dubai. Keine neuen Glitzerbauten in Sicht und die von vielen Medien in 2009/2010 heraufbeschworene Endzeitkatastrophe wollte sich auch nicht einstellen.

Jüngst versuchte der Spiegel die alten Zeiten durch einen lauwarmen Aufguss Altbekanntem wieder aufleben zu lassen. „Oasen am Tropf“ heißt es da skandalträchtig. Das Ganze liest sich dann auf sechs Seiten wie eine Zusammenschrift alter Artikel im neuen Gewand. An anderer Stelle wird so was als Kompendium verkauft. Spannende und differenzierte Berichterstattung geht anders.

Auf ein paar Punkte des Artikels, die ich für als unausgewogen dargestellt erachte, möchte ich im Folgenden eingehen:

  1. “Die Golfstaaten sind neo-partrimoniale, autoritäre bürokratische Monarchien“, heißt es da zum Beispiel. Hm, wenn ich das recht erinnere, hat das bisher niemanden aus der westlichen Welt so richtig gestört solange das Öl floss, oder? Und wie steht es Staatschefs wie Berlusconi, der gerne auch mal kurzfristig das eine oder andere Gesetz zu seinen Gunsten ändert oder einem Putin, der sich mit durchtrainierter Brust im Urlaub zeigt und ansonsten gerne radikal gegen die Opposition vorgeht und der angeblich ein freundschaftliches Verhältnis zum Alt-Kanzler Schröder pflegt?
  2. “Es kann nicht sein, dass rund 90 Prozent der Bürger gar keine sind, sondern weitgehend rechtlose Arbeitsnomaden, die bei der erstbesten Gelegenheit wieder hinausgeworfen werden können“, so an anderer Stelle. Hm, harte Worte. In diesem Fall empfehle ich dem Autor die Lektüre dieses Artikels „Abgefangen vor der Grenze“. Noch Fragen, Shaft? Amüsanterweise heißt es dann noch später im Text: „Eine Gesellschaft, die glaubt, auf Grundrechte verzichten zu können, wird keine Zukunft haben.“ Stehen die USA deshalb gerade mit dem Rücken an der Wand? Hier frage ich mich auch, wie sich wohl Einwanderinnen in den USA, wie sie der Spiegel im Artikel „Kampf um Ruf und Ehre“ beschreibt fühlen, wenn sich so hochangesehene Politiker vom Range eines Strauss-Kahn und aus demokratischem Lande stammend, an ihnen „bedienen“.
  3. Der Satz: “Dubai ist der Versuch, mittels Architektur eine Identität zu erzeugen. Nur wird Identität mit Marke verwechselt“ ist der nächste Punkt, den ich aufgreifen möchte. In der Tat macht der Stadtstaat den Eindruck, dass die eigene Kultur ob der Glitzerfassaden und der Übermacht der amerikanischen Schnellketten in den Hintergrund gerät. Andererseits, warum wird dann in Ostafrika und Zentralasien – dies berichtet der Artikel an anderer Stelle – von „Dubaization“ gesprochen, wenn es um erfolgreiche Konzepte zur Nachahmung geht, die immerhin Stoff für eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Büchern über das Übermorgenland liefert. Übrigens liefert der Spiegel auch hier gleich wieder den Widerspruch mit. Eine Seite später stellt der Autor etwas herabwürdigend fest: „Das wichtigste Kulturereignis in Abu Dhabi (liegt ja auch noch in der VAE) ist nach wie vor das „Dattelfest“. Dann gibt es ja doch noch so etwas wie Identifizierung mit der eigenen Kultur.
  4. So, jetzt gönnen wir uns noch ein Schmankerl zum Schluss: „Die VAE haben nach der Pazifikinsel Nauru die höchste Diabetes-Rate der Welt, jedes dritte Kind ist übergewichtigt.“ Müssen wir da jetzt gratulieren, weil die VAE endlich zum Westen aufschließen können, auch wenn es nur um das Körpergewicht geht? Wenn wir ein Blick auf die Fettleibigkeits-Statistik von Männer und Frauen weltweit werfen, werden wenige darüber verwundert sein, dass die USA mal wieder unangefochten auf Platz eins liegen, dicht gefolgt von Großbritannien und Australien. Alles irgendwie keine Länder die zum arabischen Kulturkreis zählen.

Wer jetzt noch Lust auf einen Perspektivenwechsel hat, dem empfehle ich zwei Artikel. Zum einen das nachdenklich stimmende aber bisweilen auch frustriert wirkende Essay der palästinensischen Schriftstellerin Sahar Khalifeh „Who is hidden beneath the Burqa? An appeal to the West” über die islamistischen Geister, die der Westen rief. Zum anderen die Studie “Who speaks for Islam? What a billion Muslims really think” (http://www.gallup.com/press/104209/who-speaks-islam-what-billion-muslims-really-think.aspx) vom Gallup Center for Muslim Studies.

Meinen Beitrag möchte ich mit einem Zitat abschließen. Dieses stammt aus einem Artikel von Karin Gothe : „Fear of the sinister unknown means Europe continues to keep its borders closed. Fear of the sinister unknown, of an unfettered Muslim people, has led to pacts with military rulers and dictators. It is a fear that extends to a total rejection of Islam, which we often equate with Islamism and terrorism – something we are passionately afraid of.“

Zum Weiterlesen:

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