Christina/ August 20, 2018/ Kultur

Zugegeben, trotzdem ich selbst ein „Kleinstadtmädchen“ bin, habe ich nach meinem Umzug in die Löwenstadt doch ziemlich mit Braunschweig gefremdelt und tue es ab und zu immer noch. Nach Stationen in Hamburg, Kairo, Amman, Istanbul und Stuttgart kam im Spätherbst 2006 der kulturelle Abstieg: Braunschweig. Alle eingefleischten Braunschweig-Fans mögen an dieser Stelle Nachsicht üben. Die Stadt hat ihre Vorzüge, ich weiß. Ich fahre Rad anstatt Auto, weil hier alles so schön zentral ist. Mein geliebtes Mittelgebirge, der Harz, liegt um die Ecke und zwei Mal in der Woche bietet mir die Rebenhalle das beste Zirkeltraining der Stadt im wunderbaren Ambiente meiner „social contacts.“ Wenn da nicht die Wochenenden wären und die Erinnerung an die „wilden“ Zeiten in Hamburg, wo die Herausforderung darin bestand, sich zwischen einer Auswahl verlockender Angebote entscheiden zu müssen, anstatt überhaupt ein attraktives Angebot zu finden.

Immer wieder mittwochs

Diesen Samstag sollte alles anders werden. Seit einiger Zeit habe ich den wöchentlichen Veranstaltungsnewsletter der Stadt abonniert. Oftmals ist es so, dass ich diesen mittwochs erwartungsvoll öffne und keine fünf Minuten später enttäuscht wieder schließe. Diesmal ist es anders, denn ich finde Verbündete im Geiste. Drei Literaten wollen mir am Samstagabend erklären, ob und wie ich mir die Stadt schön trinken kann, inkl. Selbstversuch dank anschließender Cocktail-Performance. Voilà, das ist doch mal etwas.

Im Rahmen der Kulturviertelnacht im Quartier (Was für ein Quartier?) lerne ich also erstmals die Jakob-Kemenate kennen. Da wollte ich eigentlich immer schon mal hin – gute Location. Neugierig macht mich der Einladungstext. Verspricht er doch, die nachfolgenden Fragen zu beantworten:

1. Muss man sich Braunschweig schön trinken?
2. Gibt es sie noch, die typisch deutsche Eckkneipe?
3. Den verrauchten Schuppen am Ende der Straße, wo über Gott und die Welt debattiert wird?
4. Wo aus Fremden Freunde werden?

Aufklärung verschaffen wollen mir die (selbsternannten?) Kneipen- und Literaturexperten (wodurch zeichnet sich denn ein Kneipenexperte aus?) Christoph H. Winter, Merle Janssen und Gerald Fricke. Da ich keinen der drei Experten kenne, gibt es keine Erwartungshaltung meinerseits – ich kann als quasi nur positiv überrascht werden. Und so ist es dann auch.

Von schwulen Bassisten und wahrer Liebe

Merle Janssen legt los mit ihren Erfahrungen über Barnaby‘s Blues Bar, während sich das Publikum hocherfreut an seinen (kostenfreien!!!) Getränken labt. In der ersten Geschichte dreht sich alles um Don Papa und schwule Bassisten. Ein typisches Frauenschicksal eben – wer kennt es nicht? Die Vortragende macht dabei keinen schlecht Job, ahnt vermutlich aber bereits, dass sie gleich von ihrem eloquenten Nachbarn zur rechten (von ihr aus gesehen) ziemlich platt an die Wand gedrückt wird. Allerdings, und das muss man ihr zugutehalten, war sie so schlau als erste zu lesen. Christoph Winter (das „H.“ lasse ich mal weg) hat in diesem Fall das deutlich schlechtere Los gezogen, wie sich ziemlich schnell in seinem Gesicht abzeichnen wird.

Dann legt der kongeniale, mir bis dahin unbekannte, Gerald Fricke mit einem Wortwitz los, dass selbst knallharte und äußerst kritische Gemüter wie ich, ihre Gesichtszüge zunächst entspannen und dann zu einem Lächeln verziehen müssen. War mir ein literarisches Juwel entgangen? Nun, schnell wird deutlich, wer der Liebling der Zuschauer ist. Seine beiden Mitstreiter scheinen nichts anderes erwartet zu haben und geben dem Gerald freie Bahn (Chapeau!). Völlig entfesselt könnte dieser vermutlich auch das Telefonverzeichnis von Brauschweig vorlesen und das Publikum würde immer noch an seinen Lippen hängen und nach einer Zugabe verlangen. Aber tatsächlich erzählt er auch noch von der „wahren Liebe“. Aber Vorsicht, diese besteht in Braunschweig bekanntlich von Männern nur zur Eintracht (Braunschweig).

Money for nothing and the chicks for free

Nach gut einer Stunde ist der Zauber vorbei. Im Hof der Kemenate werden nun Cocktails (again free of charge), Wein, Bier und Schnittchen gereicht. Schnell fühle ich mich an die kulinarisch herausragenden Zeiten im Turiner Caffè Platti (http://www.platti.it) erinnert. Aber selbst da musste man zumindest den Wein bezahlen, um das unfassbare Buffet mit italienischen Spezialitäten stürmen zu dürfen. Um hier jeglicher Verwirrung entgegen zu treten: Das Platti ist natürlich unerreicht!

Nach drei Glas Wein (zwei davon immerhin als Schorle) und einem (Whisky Sour-)Cocktail versuche ich zu reflektieren, ob die eingangs aufgeworfenen Fragen, ob man sich Braunschweig schön trinken müsse und ob es die typisch deutsche Eckkneipe noch gebe, denn überhaupt beantwortet wurden.

Ich fürchte fast, dass mein Wissensstand derselbe ist, wie vor der Lesung. Aber was soll’s, ein schöner Abend war es trotzdem. Vielleicht ist die Jakob-Kemenate meine neue wahre Liebe?

Link:
Leseprobe: Braunschweig schön trinken?
Zum Verlag

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