Radtour im Nettal: 40 Kilometer, 550 Höhenmeter und ein ziemlich unfreiwilliger Ehemann

Christina/ Oktober 9, 2026/ Alltagsgeschichten, Kultur/ 0Kommentare

In dem Bewusstsein, dass dies vielleicht unsere letzte MTB-Tour des Jahres sein könnte – zumindest bei sommerlichen Herbsttemperaturen – treten wir am Sonntagmittag die Autofahrt nach Bockenem an. Von hier aus wollen wir die Radtour Rundweg Nettal radeln. Der Ausflug soll uns entlang einiger Sehenswürdigkeiten führen und ist mit einer Länge von 40 Kilometern und 550 Höhenmetern auch nicht ganz anspruchslos. Als „Überraschungsgast“ auf der Tour lernen wir später Hubertus von Wohldenberg kennen, einem Pfau, dem das Eheleben aufgezwungen wurde.

Pilzkitsch in Bockenem
Los geht’s in Bockenem, einer Stadt im Zentrum des Ambergaus. An diesem Sonntagmittag scheint der Ort im Mittagsschlaf zu liegen. Wir finden leicht einen Parkplatz und schnallen die Räder vom Fahrradträger ab. Als erstes führt uns der Weg durch die Fachwerkstadt. Wir werfen einen Blick auf die gotische Hallenkirche St. Pankratius, bewundern den Glockenstuhl davor und radeln dann zum Marktplatz weiter, besteht doch das historische Stadtbild der Kernstadt fast nahezu ausschließlich aus Fachwerkgebäuden. Aber auch durchaus Unattraktiveres findet sich, zumindest in den Fenstern der Häuser. Eine kitschige Pilzsammlung fällt uns dabei ins Auge.

Eine 1000-jährige Linde, die Honig spendet
Von Bockenem aus starten wir in Richtung Upstedt, wo die nächste Sehenswürdigkeit auf uns wartet: eine 1000-jährige Linde. Da uns die Sonne so fröhlich anlacht und vor der mächtigen Linde ein paar schöne Bänke auf uns warten, machen wir eine kurze Rast und lassen alles auf uns wirken. Da entdecke ich im Haus gegenüber einen Honigverkauf. Tatsächlich scheint die Linde dort ihre Pollen zu spenden und der gelbe Blütenstaub wird dann in die Sorten „Frühtracht“ und „Sommertracht“ verwandelt. Hm, also muss man wohl auch mit 1000 Jahren auf dem Buckel noch arbeiten:-)

Wir verlassen Upstedt und machen uns in Richtung Weinberg auf. Dort entdecken wir, eben auf diesem Berg, die Brandissäule. Dabei handelt es sich um eine historische, rund vier Meter hohe Sandsteinsäule. Sie wurde im Jahr 1825 unter der Leitung des berühmten Mathematikers und Physikers Carl Friedrich Gauß im Rahmen der ersten hannoverschen Landesvermessung erbaut und diente als wichtiger trigonometrischer Vermessungspunkt für die damalige Kartierung der Region.

Kunstgehabe auf dem Lande
Über Henneckenrode geht es nach Derneburg, einem kleinen Kunstmekka. Das Kunstmuseum Schloss Derneburg in der Gemeinde Holle bei Hildesheim gilt als echtes Eldorado für zeitgenössische Kunst. Es verbindet eine fast tausendjährige Geschichte mit hochkarätigen modernen Ausstellungen und ist eines der größten öffentlich zugänglichen Museen in Privatbesitz in Europa. Dieses Kleinod scheint zwischenzeitlich einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht zu haben, so lässt es jedenfalls die nicht gerade geringe Anzahl der sonntäglichen Besucher erahnen. Besonders im Café im Glashaus und im Museumscafé tummeln sich die Gäste. Manches schick oder auffällig gekleidetes Pärchen schiebt sich über den Hof, aber auch Sätze wie: „Das ist ja teuer“ als Kommentar zum Museumseintritt lassen sich vernehmen. Wir nehmen kurz im Außenbereich des Museum-Cafés Platz, finden das ganze Kunstgehabe dann aber doch nicht so spannend und schwingen uns wieder auf die Drahtesel. Und jetzt wird es richtig anstrengend, denn es geht hinauf zur Burg Wohldenberg und der Name ist durchaus wörtlich zu nehmen.

Kaffeegenuss auf Wohldenberg
Oben angekommen staune ich etwas. Es ist nicht meiner erster Besuch auf der Burganlage, aber die letzten beiden sind halt schon ein paar Jahre her und ich staune, wie schön es hier oben ist. Besonders das Burgcafé gefällt mir ausnahmslos gut. Hier ist es schön ruhig, kein Schickimicki oder sonstiges Schaulaufen. Hier können wir einfach entspannen, nachdem wir die längste und anstrengendste Etappe unseres Radwegs bewältigt haben. Nachdem Genuss eines schwarzen Wachmachers soll es noch auf den Bergfried gehen. Ich erinnere mich, dass man von dort oben einen schönen Ausblick hat.

Begegnung mit Hubertus
Als wir vor die Tür treten sehen wir ihn zum ersten Mal: Hubertus. Das ist der ortseigene Pfau. Und der liegt oder sitzt nicht irgendwo, nein, er hat sich majestätisch auf dem Dach eines Jeeps niedergelassen. Dort lässt er sich vom Publikum bewundern und ablichten. Allerdings hat es dieser Ziervogel mit auffälligem, dekorativem Schwanzgefieder nicht immer leicht in seinem Leben gehabt. Er wurde nämlich, so lese ich es später nach, von Veterinäramt zum Eheleben mit Berta gezwungen! Die Hildesheimer Allgemeine Zeitung schreibt dazu: „Liebe auf den ersten Blick scheint es bei Pfau Hubertus und der jungen Henne auf dem Wohldenberg nicht zu sein. Aber immerhin vertragen sich die Tiere und der Pfarrer vom Wohldenberg hat die Auflagen des Veterinäramtes erfüllt“. So viel zur Zwangsehe in Deutschland;-)

Langsam wird es an diesem fast sommerlichen Oktobertag doch kühler. Wir ziehen unsere Jacken über und schwingen uns nochmals auf’s Fahrrad. Wir sausen den Wohldenberg herunter und treten über Schlewecke und Werder den Rückweg nach Bockenem an. Unser Fazit: Ganz schön viel erlebt an einem Nachmittag!

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