Christina/ August 6, 2019/ Kultur

Für alle, die an Einblicken in und nicht über den Iran interessiert sind, hat Ramit Navi mit „Stadt der Lügen, Liebe, Sex und Tod in Teheran“ eine interessantes und vielschichtiges Buch vorgelegt. In acht Geschichten porträtiert sie die Stadt mit den Menschen, die darin leben. Die Erzählungen sind aus Interviews entstanden, die die Autorin mit den Protagonisten geführt hat, mal witzig, mal irritierend, mal traurig. So wie das Leben – nicht nur in Teheran. Das Buch führt mir zwei Dinge mal wieder ganz deutlich vor Augen: Wie wenig wir über die Lebensrealitäten im Iran wissen – trotz oder wegen der (sozialen) Medien? Und: Unterscheiden sich unsere Lebensweisen, Bedürfnisse und Wünsche wirklich so sehr voneinander?

Lügen, um zu überleben

Lügen, so die Quintessenz des Buches, sei in Teheran notwendig, um überleben zu können. Und das passiert reichlich, egal, ob es der Selbstbetrug ist oder die Täuschung eines anderen. Lügen werden verwendet, um sich selbst zu schützen, aber auch, um sich Freiheiten zu erkaufen, die mit Ehrlichkeit nicht zu erlangen sind. Alle wissen um dieses doppelte Spiel und machen mit.

Aus unserer westlichen Perspektiven mögen diese Verhaltensweisen befremdlich bis abstoßend wirken. Aber, erstens sind wir vermutlich nicht (mehr) in der Zwangslage aus politischen Gründen lügen zu müssen. Zweitens dürfte Doppelmoral auch in unseren Breitengraden kein unbekanntes Phänomen sein.

In den Biographien dreht es sich um fünf Männer und drei Frauen. Und immer geht es um individuelle Beweggründe und Erfahrungen, die mit staatlichen und gesellschaftlichen Vorstellungen kollidieren und die Hauptfigur mal gewinnen, mal scheitern und mal resignieren lassen. Und es gibt noch eine Besonderheit: die Erzählungen spielen alle rund um die Valiasr-Straße, Teherans fast 20 km lange Hauptverkehrsader, die den wohlhabenden Norden mit dem armen Süden verbindet, aber gleichzeitig die Stadt zweiteilt.

Dariush

Da ist zum einen Dariush, der eigentlich nicht mehr in Teheran lebt. Während der Revolution 1979 ist er mit seiner Mutter ins Ausland geflohen. Als Volksmudschahedin kehrt er in den Iran zurück und soll ein Attentat auf den ehemaligen Polizeichef von Teheran verüben. Ausgebildet wird er im berüchtigten Camp Ashraf im Irak. Nun, der Anschlag geht schief, Dariush landet im Gefängnis. Das ist auch der Ort, an dem Dariush zum Lügner wird. Er paktiert mit der Regierung, um den Preis seines Lebens. Gleichzeitig kämpft er mit dem Verrat an seinen Freunden und deren Verlust.

Somayeh

In vielen muslimisch geprägten Ländern richtet sich der Wert einer Frau nach ihrer Keuschheit. Ob diese Jungfräulichkeit bei der Eheschließung noch besteht, hängt auch von den Vermögensverhältnissen der betroffenen Person ab – schließlich lassen sich auch Jungfernhäutchen wieder kosmetisch herstellen.

Aber auch die, die wirklich tugendhaft sind, haben bei Weitem keinen Anspruch darauf, einen entsprechenden Partner zu finden, der diese Tugendhaftigkeit auch zu schätzen weiß. Das zeigt die Geschichte von Somayeh, die sowohl aufgrund ihrer konservativen Erziehung als auch der Naivität ihrer Jugend (sie heiratet im Teenageralter) an den Falschen gerät. Sie wächst auf mit Glaubenssätzen wie: „Psychologen sagen, wer sich unschicklich kleidet und viel Make-up verwendet, hat Probleme mit der Persönlichkeit“ und „Ein Mädchen in einem Tschador ist wie eine Rosenknospe, die Schönheit versteckt sich im Inneren, so dass sie noch schöner und näher bei Gott ist.“

Sie ist ungeschminkt und sie ist religiös. Genau aus diesen Gründen wird sie von ihrem durchtriebenen Cousin ausgewählt, der bald das Interesse an ihr verliert und lieber mit den geschminkten, operierten, freizügigeren und weniger religiösen Mädchen der Oberschicht abhängt. Als Somayeh herausfindet, mit wem sie es da zu tun hat, ist es bereits zu spät. Zwar kommt es zur Scheidung, aber um den Preis des Alleinseins, denn „second hand“ lässt sich im Iran nicht mehr verkaufen, wie der Film „Im Bazar der Geschlechter“ eindrücklich zeigt.

Asghar

Persönlich berührt hat mich besonders die Geschichte von Asghar und Pari. Hier geht es um jemanden, der seiner Frau immer wieder Versprechungen macht, die er nicht hält: „Für sie [die anderen – A.d.R.] war Pari eine streitsüchtige Furie, die auf ihren Platz verwiesen werden musste. Sie wussten nicht, dass sie es Jahrzehnte lang ertragen hatte, dass er seine Versprechen nicht einhielt. Asghar war wütend auf sie, […], weil sie ihn immer dazu brachte, sich miserabel zu fühlen.“

Und doch ist Pari seine große und einzige Liebe. Nur ein einziges Mal hatte er sie (vor der Ehe) betrogen. Er bereut es und kämpft um Pari: „Er brauchte beinahe sechs Monate seines Lebens. Eine Woche lang schlief er auf der Treppe zu ihrem Haus und bettelte um eine zweite Chance. Ein derartiges Risiko würde er nie wieder eingehen.“

Gibt es solche starken Männer wirklich?

Und ja, beide haben ihre „Geschichten“. Pari wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, wird von ihren Eltern an einen alten Mann verkauft. Der wiederum verkauft sie nach einiger Zeit an ein Bordell, schließlich landet sie als Tänzerin in einem Nachtclub. Nach iranischen Maßstäben ein No-Go für jeden Heiratskandidaten. Asghar hat eine klassische Gangsterkarriere hinter sich. ER sieht Pari nicht in ihrer Rolle als Tänzerin, sondern sieht in ihr, was sie wirklich ausmacht und setzt sich mutig über Konventionen hinweg.

Doch seine Versprechen Pari gegenüber bricht Asghar immer wieder. Bis es zu spät ist und Pari stirbt. Jetzt kommt die plötzliche Erkenntnis: „Er sah es als seine Aufgabe an, all die Versprechen zu erfüllen, die er ihr gemacht und nie eingelöst hatte. Es ging ihm dabei weniger darum, seine Schuldgefühle zu mildern, er wollte vielmehr sicherstellen, dass sie im Jenseits wieder zusammen sein konnten.“
Und auch, wenn die melancholische Liebesgeschichte kein Happy-End hat, so doch eine wunderbare Erkenntnis: „Und das war ja das Wunderbarste an Pari gewesen; selbst wenn er etwas Falsches tat, wusste er, dass sie es verstehen würde.“

Zum Weiterlesen:
Rezension auf Qantara.de

Share
Share this Post