Christina/ Juli 23, 2019/ Kultur

Wer seinen Adrenalinspiegel mal wieder so richtig hochtreiben will, sollte den Brocken, den Harzer Hexenstieg, Pullmann City und all dieses moderne Gedöns vergessen. Ich empfehle euch, geht dahin, wo der Harz wirklich wild ist: Im Karstgebiet – jawohl! Da, wo einen wahlweise die Herdenschutzhunde oder alte Männer anfallen. Da, wo es durch das hohe Gras geht und nur eine lange Hose vor der Zeckenplage schützt (auch bei 30 Grad). Da, wo die Ausschilderung auch mal in die Irre führen kann. Und da, wo Opas sich in die Hosen machen. Kurzum: Heute berichte ich euch von dem wohl wildesten Abenteuer, das der Harz(rand) derzeit zu bieten hat: Der Karstwanderweg von Osterode nach Herzberg.

Der Karstwanderweg im Südharz umfasst 239 km und verläuft durch drei Bundesländer. Die Etappe von Osterode nach Herzberg bietet sich an, weil An- und Rückreise mit dem Niedersachsenticket erfolgen können. Ich marschiere also wagemutig los. Der Ausgangpunkt liegt kurz vor dem Freizeitbad ALOHA. Auf Nachfrage erfahre ich, dass ich mich nicht auf dem direkten Weg nach Herzberg befinde. Die freundliche Dame sagt mir aber, dass ich über die Ortschaften Düna und Hörden nach Herzberg käme. Unbeirrt setze ich meinen Weg also fort. Schnell stelle ich fest, dass dieser Teil des Karstwanderwegs wohl eher selten begangen wird. Abgesehen davon, dass mir kaum jemand begegnet, stapfe ich durch hohes Gras und bin froh, dass ich die „Beine“ meiner ZIP-Hose dabei habe, um mir die Zecken vom Leib zu halten.

Ein völlig verblödeter Herdenschutzhund

Kaum jedoch habe ich dieser Gefahr getrotzt lauert schon der nächste Feind. Ich werde auf ein Schild am Wegesrand aufmerksam. Dieses Schild hängt an einem Pfahl und fällt mir auch nur deshalb auf, weil ich es zunächst aufgrund der roten Farbe für eine Wandermarkierung halte. Nun lese ich, dass hier in der Nähe Schafe gehalten und von Hunden bewacht werden. Wanderer werden gebeten, einen größeren Bogen um die Schafherde zu machen. Gut, sollte ja kein Problem sein – denkste. Als an der nächsten Kreuzung die eindeutige Ausschilderung fehlt, gehe ich zunächst in die falsche Richtung. Zufällig ist das aber die Richtung, wo die Schafe weiden. Als ich gerade umdrehen will, ist es schon zu spät. Der blöde Drecksköter hat mich bereits gewittert und obwohl ich weder etwas von ihm noch von seinen blöden Schafen will und er wohl auch zu doof ist zu erkennen, dass ich KEIN Wolf bin läuft er auf mich zu, fletscht die Zähne und verfolgt mich. Ich überlege kurz. Vermutlich hat der Köter ein höheres Körpergewicht als ich, sodass ich wahrscheinlich umfallen werde, sollte er mich anspringen. Da, wie gesagt, weit und breit niemand zu sehen ist, kann ich mir also auch keine Hilfe holen. Schöner Mist. Es ist auch egal, wo ich hingehe, der Köter folgt mir auf Schritt und Tritt, obwohl er angeblich nur auf Spaziergänger reagiert, die dem Elektrozaun zu nahe kommen (ha,ha,ha): „Wer also bei einem Spaziergang auf die Herde trifft, sollte einen angemessenen Sicherheitsabstand einhalten und das Revier des Hundes unbedingt respektieren, das innerhalb des Elektrozaunes liegt.“ Da möchte ich mal wissen, wie diese Blödis „Nähe“ definieren, dann sollen sie doch einfach den offiziellen Wanderweg gleich sperren lassen, denke ich mir.

Schließlich merke ich, dass die Töle zurückweicht, wenn ich auf ihn zugehe. Der Hund fängt an, mir mächtig auf die Nerven zu gehen. Schließlich weiß ich ja auch nicht, ob er mich nicht doch noch anfällt. Ich nehme meinen Mut zusammen und schreie den Köter aus vollem Halse an, dass er sich verpissen soll. Kurze Stille. Der Hund ist irritiert. Damit scheint er nicht gerechnet zu haben. Ich lasse ihn schließlich links liegen und gehe den ausgeschilderten Weg weiter. Nach einer Weile haut der Köter ab. Ich überlege mir ernsthaft, den ganzen Puff (wie Stromberg sagen würde) anzuzeigen. Aufgewühlt stapfe ich weiter. Nach kurzer Zeit bin ich aber bereits wieder von der schönen Landschaft gefangen und genieße die wiedererlangte Ruhe.

„Wo willste denn hin? Wo kommste denn her?

Nach einer Weile erreiche ich meine erste Etappe: Düna, einen Ortsteil von Osterode. Dort treffe ich auf einem Wanderparkplatz auf ein paar nette Spaziergänger und erkundige mich nach dem weiteren Weg. Ich lande schließlich auf einem Lehrpfad der Gipskarstlandschaft Hainholz . Ich bin positiv überrascht von dem abwechslungsreichen Weg und lese mir ein paar der Informationstafeln zur Geschichte des Schutzgebietes durch.

Der weitere Weg soll mich nach Hörden führen und von dort nach Herzberg. Noch ist die Ausschilderung gut und ich wähne mich auf dem rechten Weg. Doch dann passiert es: Ich gelange an eine Kreuzung ohne Ausschilderung. Na toll! Ich habe Glück im Unglück und ein Auto kommt zufällig des Weges. Ich spreche den Fahrer an und frage diesen, auf welchem Weg ich nach Hörden komme. Der etwas ältere Typ mit Schnauzbart („Respektbalken“) mustert mich von oben bis unten und zeigt nach links. Sogleich kann ich seine Gedanken lesen: „Na Blondchen, haste dich verlaufen?“, so sagt es zumindest sein Blick. Anstatt mir einfach zu sagen, wo ich lang muss, fängt er an, mich auszufragen. „Wo willste denn hin?“ Ähm, duzen wir uns? Und, was geht den das denn an? Nach Herzberg, sage ich. „Ah ha. Und wo kommste her?“ Was soll denn der Quatsch? „Nach Herzberg? Da musste ja über den Berg“ (Schenkelklopfer!). Kommst wohl aus Berlin, wa? Kennst dich hier ja gar nicht aus.“ Ich frage ihn kurz, was ihn das anginge und gehe dann meines Weges.

Ich erreiche Hörden. Diesmal klappt es mit der Ausschilderung, der Weg nach Herzberg ist leicht zu finden. Nun ja, bis zu einem gewissen Punkt. Irgendwann merke ich, dass ich im Kreis gehe. Ich entscheide mich dafür, mir den Rest des Weges zu erleichtern und folge einfach dem Radweg. Dieser verläuft teilweise parallel zum Karstweg, sodass ich irgendwann wieder auf der richtigen Spur bin.

„Wie läufst du denn, Opa?“

Nach einer halben Stunde habe ich es geschafft, das Herzberger Schloss ist erreicht. Endlich fahre ich mal nicht mit dem Zug dran vorbei. Ich mache ein paar Bilder. Leider hat das Schloss-Café gerade Ferien. Ich habe aber noch Zeit bevor der Zug kommt, also gehe ich auf einen Kaffee in die Herzberger Fußgängerzone. Plötzlich schreit ein Kind: „Opa, wie läufst du denn? Das sieht ja aus, als wenn du dir in die Hosen gemacht hättest.“ Ich schaue irritiert zu den beiden hinüber, dann lache ich. Das hätte ich mir früher nicht herausnehmen dürfen, so viel ist sicher.

Bei einem Kaffee lasse ich die „wilde“ Tour auf dem Karstwanderweg Revue passieren. Aufregend war’s, schön war’s!

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