Christina/ September 14, 2020/ Kategorien

Es ist inzwischen September geworden. Das Wetter meint es immer noch gut mit uns. Morgens und abends ist es zwar schon recht kühl, aber während des Tages strahlt die Sonne kräftig vom Himmel und wärmt die Luft auf – teilweise bis auf 30 Grad. Bereits vor zwei Wochen hatte ich mich mit zwei Freundinnen zu einer Radtour nach Gifhorn verabredet. Das Internationale Wind- und Wassermühlen-Museum der Stadt soll unser Ziel sein. Die Strecke ist mit insgesamt 76 km recht lang, aber technisch leicht zu bewältigen. Neben dem Museum hat Gifhorn noch ein Schloss und eine schöne Innenstadt zu bieten. Der Besuch lohnt sich also. Neu war für mich das verstärkte Aufkommen russischer Mitbürger, ob das wohl an der Russisch-Orthodoxen Kirche auf dem Museumgelände liegt?

Im Gänsemarsch nach Vordorf
Über den Ölpersee, Thune und Wenden kommen wir nach Eickhorst. Durch ein Waldstück erreichen wir Vordorf. Vorbei an einem Sportplatz, wo sich kräftige Schenkel in einer Sonntagspartie die Bälle zuspielen, passieren wir das Eickenhofer Spargelreich. Da begegnen uns jede Menge „Kochtopfaspiranten“, Gänse, die auf ihre Bestimmung warten. Die Versammlung erinnert an einen Frühschoppen, da die Futterstellen wie Biertische aussehen – mit etwas Fantasie zumindest. Als die Gänse uns als Beobachter wahrnehmen, laufen diese zunächst aufgeregt umeinander und dann irritiert auf uns zu. Wie eine Armee, die marschiert sieht das aus. Als sie schließlich merken, dass keine Gefahr droht, drehen sie wieder ab und gehen zum Tagesgeschäft über. Noch ahnen die Gänse nicht, dass es langsam aber sicher auf Weihnachten zugeht. Denn die Eickhofer Weidegans, so lerne ich aus dem Internet, kann der Feinschmecker ganz bequem vom Sofa aus bestellen.

Französisches Flair im Gifhorner Süden
Von Vordorf geht es wieder in den Forst. Wir durchqueren den Maaßeler Lindenwald, ein 193 Hektar großes Naturschutzgebiet. Das Waldgebiet Maaßel umfasst die Gemeinden Rötgesbüttel, Vordorf und Ribbesbüttel.
Am Ostenhop, einem kleinen Rastplatz, entdecken wir zum Glück eine Karte der Umgebung. Von unserem Standpunkt aus erkunden wir den Weg nach Rötgesbüttel.

Wir kommen nach Rötgesbüttel. Im Vorbeifahren stellen wir fest, dass hier ein paar schöne Häuschen stehen. Vor einem recht herrschaftlichen Anwesen hat der Besitzer seiner Rossliebe mit einer Pferdefamilienskulptur vor dem Haus Ausdruck verliehen.

Nach dem Ort geht es wieder in ein Waldstück. Kurz vor Gifhorn erreichen wir ein historisches Bauwerk: Die Gifhorner Napoleonbrücke. Der französische Feldherr Napoleon Bonaparte soll hier dereinst seinen Fuß auf Gifhorner Boden gesetzt haben. Ob der kleine Franzose sie wirklich überquert hat ist wohl nicht bewiesen. Tatsächlich wurde das Bauwerk aber kurz vor seiner Zeit errichtet. Als es die Braunschweiger Straße noch nicht gab, war die Brücke die Hauptverbindung von Gifhorn nach Braunschweig. Historie hin oder her, die 200.000 Euro teure Sanierung der Brücke soll wohl so manchem Steuerzahler schwer im Magen liegen.

Grausame Bäckertaufe
Vom Süden kommend durchqueren wir die Innenstadt von Gifhorn. Am Schloss machen wir einen kurzen Stopp. Die ehemalige Welfenresidenz ist von einem schönen See und Park umgeben. Es gibt zudem ein einladendes Restaurant und ein Museum, aktuell mit einer Bauhausausstellung. Der Eintritt wäre am heutigen „Tag des offenen Denkmals“ sogar frei. Leider fehlt uns die Zeit für einen Besuch.

Vom Schloss sind es ungefähr noch fünf Minuten mit dem Rad bis zum Internationalen Wind- und Wassermühlen Museum. Die Einrichtung ist an diesem Sonntag gut besucht, obwohl der Eintritt mit 12 Euro für Erwachsene und 5 Euro für Kinder nicht gerade günstig ist. Das Museum wird privat betrieben und scheint angesichts der Besucherzahl beliebt zu sein.

Das Gelände ist von einer mächtigen Russisch-Orthodoxen Holzkirche und dem kitschig-sozialistisch anmutenden Baustil des Glocken-Palastes geprägt. Leider ist die Zeit an diesem Tag etwas knapp, sodass wir uns nur einen flüchtigen Eindruck von dem recht weitläufigen Gelände mit insgesamt 25 Mühlen aus verschiedenen Ländern verschaffen können.

Wir steuern recht schnell auf die „Futterstelle“ zu, dem Trachtenhaus. Die hauseigene Bäckerei bietet neben Zucker- und Streuselkuchen auch Deftiges an. Frischgebackenes Brot ergänzt das Angebot. Allerdings alles zu saftigen Preisen. Einen günstigen Familienausflug kann man hier nicht wirklich verbringen.

Gerade als wir am Tisch unsere wohlverdiente Rast genießen schwengt mein Blick nach links und ich entdecke einen Holzkäfig, der oberhalb des Brunnens hängt. Gleich muss ich daran denken, dass es sich hierbei doch bestimmt um ein mittelalterliches Folterinstrument handelt. Und genauso ist es. Es geht um die sogenannte „Bäckertaufe“, das ist ein mittelalterliches Gerät, das zur Bestrafung des Bäckers eingesetzt wurde. Die Person wurde dazu mehrfach in dem Käfig sitzend ins Wasser getaucht und musste dabei noch den Spott der umstehenden Mitbürger ertragen. Gut, dass wir diese dunklen Zeiten weitestgehend hinter uns gelassen haben.

Andrang an der Russisch-Orthodoxen Kirche
Nach der Stärkung zieht es uns noch zur Russisch-Orthodoxen Kirche, die malerisch auf einem Hügel liegt. Da für die Besichtigung allerdings zuzüglich zum Eintritt nochmals 2,50 Euro berappt werden sollen, verzichten wir auf eine Erkundung des Interieurs. Auffällig ist an dieser Stelle allerdings die Ansammlung von russisch-sprechenden Familien. Vermutlich vermittelt ihnen der Besuch ein Stück Heimat. Laut Prospekt finden in dieser Kirche sogar Gottesdienste und Taufen statt. Auf Nachfrage erfahre ich am nächsten Tag von einer Kollegin, dass in Gifhorn und Umgebung wohl seinerzeit viele Russlanddeutsche angesiedelt wurden.

Der lange Weg zurück
Ein Blick auf Google Maps sagt uns, dass wir denselben Radweg zurücknehmen sollen. An einer Kreuzung, die eigentlich mehr eine Großbaustelle als Verkehrsregelung ist, entdecken wir ein Hinweisschild für den Fahrradweg nach Braunschweig. Wir folgen der Ausschilderung und gelangen zunächst Richtung Wolfsburg und beim zweiten Versuch Richtung Hannover. Hier scheint mal wieder etwas nicht zu stimmen. Nach den zwei Fehlversuchen schlagen wir unsere ursprüngliche Route ein und folgen unserer ursprünglichen Route.

Da wir diesmal weniger Stopps machen, zieht sich die Strecke ein wenig, die Beine werden langsam müde und der Hintern fängt an zu schmerzen. 76 km sind halt einfach kein Pappenstiel in unserem Alter!

6,5 Stunden mit Bier und Wein
Wir sind zurück am Ölpersee. Auf einer Bank machen wir eine letzte Pause. Da kommt ein gutaussehender Mann auf uns zu – im Arm Bier- und Weinflaschen. Leider leer. Ich spreche den Burschen auf die inhaltslosen Flaschen an. Ob denn noch Nachschub da wäre, frage ich. Leider nein. Wir erfahren, dass man bereits seit 11 Uhr (es ist zwischenzeitlich 17:30 Uhr) gesellig zusammen säße. Da gebe ich erstmal mit unseren geradelten 76 km an. Der gute Mann schaut uns ungläubig an und meint wir scherzen. Nachdem wir diese Kilometerangabe bestätigen, leuchtet in seinen Augen Respekt für diese Leistung auf.

Gleichzeitig scheint er zu überlegen, wie er gegenhalten kann. Nun, gibt er zum Besten, wäre er morgens immerhin schon 27 km gejoggt. Jetzt sind wir beeindruckt und goutieren wiederum seine Leistung.
Nach diesem kurzen Schlagabtausch radeln wir müde aber zufrieden in unseren Kiez zurück.

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