Christina/ Oktober 18, 2018/ Kultur

„Eine gute Rede ist eine Ansprache, die das Thema erschöpft, aber keineswegs die Zuhörer.“ Leider scheinen die Redner des feierlichen Akts zur Ausstellungseröffnung von „Brutal modern – Bauen und Leben in den 60ern und 70ern“ dieses Bonmot Churchills nicht zu kennen. Einen anderen Schluss lassen die Vorträge bei bestem Willen nicht zu. Nun, dass der Abend dann doch noch unerwartet launig wird liegt nicht unbedingt an der gelungenen Einführungsveranstaltung sondern vielmehr an unserem britischen Humor.

Wer nicht hören will muss fühlen

Als Mitglied einer Zeitschriftenredaktion war ich an eine Einladung zur Ausstellungseröffnung gelangt. Das Thema der Ausstellung klang interessant und ja ich gebe zu, sowohl die Aussicht auf einen interessanten Abend als auch auf ein kostenloses Buffet haben mich angelockt.

Es fängt schon damit an, dass wir zwar pünktlich um 19 Uhr vor Ort sind, alle anderen allerdings noch pünktlicher waren. Als wir das stickige Foyer des Landesmuseums betreten (es ist ein ungewöhnlich warmer Herbstabend), ist dieser nicht nur proppenvoll, sondern die Bestuhlung dermaßen eng, dass selbst mein „Größe 34-Hintern“ (wie ein Kollege von mir so liebevoll zu sagen pflegt) nicht durch die Stuhlreihen passt. Die Krux: Es sind nur noch genau zwei Plätze mittig frei und ja, stehen wollten wir nicht die ganze Zeit. Diesen Umstand sieht das Publikum in Philister-Manier jedoch ganz anders und kann so gar nicht die Notwendigkeit erkennen, höflicherweise einfach aufzurücken, geschweige denn aufzustehen, um uns durchzulassen. Tja, da geht es leider nur auf die harte Tour, so dass ein paar Füßchen leiden müssen. Aber wie sagte meine Oma immer so schön „Wer nicht hören will muss fühlen.“

Zu viel Werbung in eigener Sache

Was dann kommt ist allerdings die eigentliche Folter: 1,5 Stunden absolut fantasielose Selbstbeweihräucherung und Namedropping der monotonsten Art. Erfrischend anders noch der Auftakt von Museumsdirektorin Dr. Heike Pöppelmann, der auf Besseres hoffen ließ, nur um im Folgenden bitter enttäuscht zu werden. Vermutlich geht es hier um gesellschaftliche Zwänge und administrative Protokolle, die es einzuhalten gilt. Aber anstatt etwas über die zeitgeschichtliche Einordnung der Ausstellung zu erfahren, etwa die Beweggründe oder Zwänge der Architekten in diesem Stil zu bauen oder die Gefühlslage der damaligen Generation, wird das Publikum bis zur unendlichen Langweile mit Spezifika der einzelnen Unterstützer und Geldgeber gequält.

Und jeder bitte nur ein Kreuz, äh Blume

Da passiert es jedoch, kurz bevor sich die Augen der Mattigkeit ergeben und zuklappen. In einem letzten Akt bittet Frau Pöppelmann um sich zu bedanken, (den Doktortitel lasse ich mal weg, der fiel an dem Abend gefühlt 100 mal) verschiedene Mitarbeiter und Spender von Ausstellungsstücken auf die Bühne. Rechts von ihr stehen vier Blumensträuße in vier Vasen. Und jetzt kommt es: „Normal“ wäre es gewesen, wenn diese vier Blumensträuße an vier Personen überreicht worden wären. Weit gefehlt. Frau Pöppelmann nimmt diese Blumensträuße auseinander, zerlegt sie quasi in ihre Einzelteile und übergibt den Unterstützern jeweils eine Blume (die teilweise noch nicht einmal aufgeblüht ist!). Die Szene wirkt auf mich so skurril, dass ich zunächst gar nicht glauben kann, dass das gerade wirklich passiert. Ganz ehrlich, ich habe kurzzeitig fest an einen etwas naja stillosen Witz geglaubt. In dem Moment ist mir klar, wie das Buffet bestückt sein wird. Frau Pöppelmann redet noch von Käseigeln, den letzten Gig der mäßigen Band nimmt das Publikum nicht mehr wahr, der Run auf das herbeifantasierte Buffet hat längst begonnen.

Trocken Brot macht Wangen rot

Kaum sind sowohl Buffet und Ausstellung eröffnet, teilt sich also die Menschenmenge auf. Die Idealisten gehen zunächst durch die Ausstellung, die Realisten zum Buffet. Und da ist es, der Inbegriff des „frugalen Mahls“: Zwei Käseigel, zwei Platten mit Brotkonfekt und zwei Platten mit Pizzataschen für gefühlt 50 Leute (einige drehen bereits bei dessen Anblick ab und steuern das nächste Lokal an). Sofort ist klar, dass wir uns die Szenerie nur Schöntrinken können. Nach zwei Glas Wein sind die Sinne geschärft und der Schalk sitzt im Nacken, frei nach dem Motto: „Man amüsiert sich, wo man nur kann.“ Und das geht so: Durch eine Unachtsamkeit ist mir ein Brotkonfekt auf den Boden gefallen. Mit diesem Stück erlauben wir uns ein kleines soziologisches Experiment. Zu diesem Zeitpunkt ist das Buffet bereits ratzekahl und ich meine RATZEKAHL leer geräumt. Die leeren Platten stehen aber noch auf den Tischen. So nehmen wir das Stück Brot und platzieren es auf einem der Servierteller. Es dauert keine Minute, bis einer der Gäste, der gerade mitten in einem Gespräch ist, das Stück Brot adlergleich erspäht und auf dieses zusteuert als handle es sich um den heiligen Gral. Ich werde dieses entzückte Gesicht nie vergessen, das sich einstellt, als er die Beute in der Hand hält und zum Mund führt, während seine Gesprächspartner ihm verdutzt nachschauen, weil er diese so schnöde (wegen des Brotes) stehen gelassen hat. Ein unbezahlbarer Moment der diebischen Freude, der zugegeben ein wenig fies aber dabei unendlich einzigartig ist, weil er vom restlichen Publikum nicht geteilt werden kann.
Nachdem ich mir die Lachtränen aus dem Gesicht gewischt habe und die Schmerzen in meinem Bauch nachlassen, sehen wir uns noch ganz entspannt und in aller Ruhe die durchaus interessante Ausstellung an, die uns besonders deshalb gefällt, weil die Ausstellungsstücke des Interieurs teilweise Kindheitserinnerungen aufleben lassen.

Eine, wie ich meine, gelungene Kritik zur Ausstellung könnt ihr hier lesen.

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