Christina/ Mai 24, 2018/ Alltagsgeschichten, Kategorien

Eine Reflexion zur Debatte „Künstliche Intelligenz“: Fluch oder Segen?

Bei manchem Zeitgenossen vermute ich ihn schon länger: den stillen Tod des Oberstübchens. Schwer zu sagen, wann der Großangriff auf die grauen Zellen im Gehirn tatsächlich begonnen hat. Der Einfachheit halber greife ich auf meinen bewussten Einsatz neuer Technologien zurück und meine damit in erster Linie den Personal Computer, später das Internet, anschließend das Smartphone und künftig vielleicht meinen persönlichen Roboter – meinen Freund und Helfer aus Plastik und Elektronik?

Mich persönlich begeistert technischer Fortschritt, wenn ich durch den Einsatz desselbigen mir das Leben an der einen oder anderen Stelle erleichtern kann. Gleichzeitig möchte ich mich aber nicht davon abhängig machen. Und davon abhängig machen heißt in diesem Fall für mich, die eigenen grauen Zellen auszuschalten und dem technik-gestützten Medium blind zu vertrauen.

So kann man mich für völlig zurückgeblieben oder zumindest antiquiert halten, dass ich z.B. im Harz immer noch mit einer Wanderkarte aus Papier (jawohl, das weiße Zeug, das oftmals im Wald unter einem Baum auf dem Boden liegt, wenn es unterwegs mal wieder pressiert hat) herumlaufe und tatsächlich den Anspruch an mich habe, aus eigener Kraft und mit dem eigenen Orientierungssinn den Weg zur nächsten Stempelstelle zu finden. Das mag in den Ohren mancher völlig abwegig klingen, ist für mich aber ein wichtiges Training, um gewisse Kompetenzen nicht ganz Dritten zu überlassen.

Richtig nervig finde ich zum Beispiel Navigationsgeräte wie sie mittlerweile vermutlich JEDER Autofahrer benutzt. Das Gequatsche von „Uschi“ (die Frauenstimme aus dem Menü) oder „Herbert“ (die männliche Variante) geht mir nach kurzer Zeit ziemlich auf die Nerven und macht zudem jegliche Konversation zwischen Fahrer und Beifahrer zunichte, weil Uschi und/oder Herbert im Stakkato reden. Abgesehen davon, dass weder Uschi noch Herbert immer den besten und/oder schnellsten Weg zum Ziel wissen, haben die beiden schöne Stilblüten in petto, wie das folgende Beispiel zeigt: Neulich war ich mit einem Bekannten auf dem Weg nach Ilfeld im Harz unterwegs. Auf der Zielgeraden tickt Uschi plötzlich aus und will partout, dass wir die asphaltierte Straße verlassen (die Not dafür ließ sich keineswegs erkennen) und auf eine unbefestigte Straße (also einen Waldweg) wechseln. Dabei war Uschi von ihrer Routenvorgabe dermaßen beseelt, dass sie gar nicht wieder damit aufhörte uns bei jeder Linksabbiegung mit derselben (stupiden) Aufforderung terrorisiert: „bitte fahren Sie an der nächsten Abzweigung links auf die unbefestigte Straße.“ Nachdem Uschi dann klar war, dass wir ihrer Empfehlung nicht Folge leisten würden, legte sich nach und forderte und mehrfach dazu auf: „bitte wenden Sie bei der nächsten Gelegenheit und fahren Sie dann rechts auf die unbefestigte Straße.“

So, und da soll ich dann also meinen eigenen Verstand ausschalten und Uschi folgen?

Aber es kommt ja noch besser. Bei einer anderen Wanderung im Harz mit einem anderen Bekannten entspinnt sich eine Unterhaltung über Künstliche Intelligenz und Roboter, die beispielsweise im Altenheim die Omas heben. Zwei Tage vorher hatte ich von einer Konferenz gehört, auf der sich die imperialistischen Technikgiganten ein Stelldichein gaben und der Google-Chef stolz davon berichtete, die Stimme einer Maschine bereits soweit perfektioniert zu haben, dass sie von einem menschlichen Organ nicht mehr zu unterscheiden sei. Dies hätte ein Anruf der Maschine in einem Restaurant gezeigt, wo diese problemlos einen Tisch reserviert hätte.
Starker Tobak, wie ich meine. Mein Bekannter parierte meine Skepsis allerdings damit, dass er mich darauf hinwies, wie toll das jetzt doch wäre, wenn ich mit einem Roboter wandern gehen könnte. Der würde niemals müde werden, der hätte keine Widerworte, könnte alle meine Fragen zur Strecke und zur Region beantworten. Mit dem könnte ich mich zudem entweder nach Belieben in verschiedenen Sprachen unterhalten oder mir diese beibringen lassen. Aha. Klingt erstmal verlockend. Keine Widerworte, stark. Keine Rechthaberei – schön. Keine Anmache – wie entspannend. Aber auch: wie langweilig, weil völlig berechenbar, völlig eintönig.

Was heißt das in der Konsequenz? Neben meinem Verstand laufe ich also auch noch Gefahr, sämtliche soziale Kompetenzen zu verlieren, weil ich die gar nicht mehr benötige? Neben der Vermutung, dass es für diese menschengleichen Roboter vermutlich nicht nur positive Einsatzzwecke gibt (Stichwort: Roboterarmee) und ich die Vorstellung, am Telefon nicht zu wissen, ob ich nun mit einem Menschen oder einer Maschine spreche, wenig verlockend finde, frage ich mich, was wird aus zwischenmenschlichen Beziehungen? Wird hier die Messlatte an die Verhaltensweisen der anderen noch höher gelegt: „Wenn du mich ärgerst, dann verlasse ich dich für meinen Roboter Fred?“ Puh, schlechte Aussichten für alle Männer, die bisher schon Angst davor hatten, sich einen Hund anzuschaffen, weil Frauchen den lieber ins Bett nimmt als das Herrchen. Der kann ja auch schließlich mit dem Schwanz wedeln, während Herrchen nur mit dem Säbel rasselt.

Nun, Spaß beiseite. Ohne die Zukunft schwarzsehen zu wollen und die Technik zu verdammen, ich finde es immer noch schöner mit menschlichen (männlichen) Schwächen konfrontiert zu sein als mit roboterhafter Perfektion. Ach ja und dies auch auf die Gefahr hin, dass neurologisch gesehen die Wirkung eines Flirts mit derjenigen eines Hirnschadens vergleichbar ist, wie manche Wissenschaftler behaupten.

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