Christina/ April 22, 2018/ Alltagsgeschichten, Kategorien

Nach einer anstrengenden Arbeitswoche sollte es diesmal nur eine kleine Wanderrunde werden. 15,4 km standen laut Google-Maps auf dem Plan. Ungfähr 3,5 Stunden sollten wir unterwegs sein. Vier Stempel der Harzer Wandernadel wollten wir einkassieren. Wie aus diesem harmlos wirkenden Plan die wohl längste Stempelrunde meiner bisherigen Wandergeschichte wurde möchte ich im Folgenden berichten. Nur so viel sei bereits verraten: Um 9:24 Uhr war ich in Braunschweig aufgebrochen, um 24:00 Uhr war ich wieder zuhause.

Aber der Reihe nach. Das Auto hatten wir am Maliniusteich, einem alten Bergbauteich bei Straßberg in Sachsen-Anhalt geparkt. Von dort aus waren es zunächst nur zwei km bis zum ersten Stempelziel: den Kiliansteichen. Dort stempelten wir uns die 211 ins Wanderbuch. Die Kiliansteiche würde ich nicht gerade als eines der schönsten Wanderziele im Harz bezeichnen, deshalb hielten wir uns hier auch nicht länger auf, da nicht einmal eine Sitzgelegenheit geboten wurde. Von dort ging es über den Milchweg nach Straßberg. Von Straßberg nahmen wir den Selkestieg nach Silberhütte, um dort den Stempel 176 der Harzer Wandernadel, die Uhenköpfe Hänichen, einzusammeln. Soweit war alles planmäßig und völlig unspektakulär verlaufen. Mittlerweile war es kurz nach 15 Uhr. Dann begann das unerwartete Abenteuer.

Hatten wir uns noch bei den Uhlenköpfen Hänichen über das Warnschild der Baumfällarbeiten gewundert, fehlte es auf dem nachfolgenden Weg an allen Ecken. Zunächst: die Ausschilderung von Silberhütte zum Hellergrund ist, freundlich gesagt, lausig, weil nicht vorhanden. Als wir den zweiten Einheimischen nach dem Weg fragten, sagte der uns, dass ihm heute bereits zahlreiche Leute diese Frage gestellt hätten. Allerdings bezweifle ich, dass viele dieser Leute tatsächlich am Hellergrund angekommen waren. Zum Glück war die Beschreibung dieses freundlichen Herrn sehr präzise, ansonsten wären wir in kürzester Zeit völlig „lost in space“ gewesen. Dennoch, das Ganze wurde ein absoluter Hindernisparcours, bei dem ich mir zwischenzeitlich nicht sicher war, ob wir jemals irgendwo ankommen würden. Das Sturmtief „Friedericke“ Anfang dieses Jahres hatte in dieser Ecke des Harzes eine wahre Schneise der Verwüstung hinterlassen. Wir fühlten uns wie in einer Parallelwelt, allein auf weiter Flur, über Stock und Stein kriechend. Nach einigen Irrungen und Wirrungen und mit der Hilfe von freundlichen Einheimischen erreichten wir schließlich nach über einer Stunde den Birnbaumteich (wohlgemerkt, wir reden hier von einer Wanderstrecke von 2 km!!!). Am Birnenbaum überlegten wir zunächst kurz, ob wir unsere ausgetrockneten Kehlen mit einem wohlschmeckenden Kaffee benetzen sollten. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit und der Ungewissheit, wie sich wohl der Rückweg weiter gestalten würde, entschieden wir uns gegen diese verlockende Variante. Ein kluger Schachzug, wie sich nur kurze Zeit später herausstellte.

Wieder waren zahlreiche Kletterpartien auf dem Streckenabschnitt zu bewältigen und beim Robben unter Bäumen konnten wir uns sogar im „Limbodance“ üben. Zunächst liefen wir aufgrund umgestürzter Bäume und fehlender Ausschilderungen gepflegt an der Abzweigung zur Stempelstelle 194 vorbei, nur um festzustellen, dass wir über den Berg einmal im Kreis gegangen waren und fast wieder unseren Ausgangspunkt in Silberhütte erreicht hatten. Mittlerweile war es 18 Uhr! So zurück zur Abbiegung. Aus der Gegenrichtung kommend gelang es uns diesmal den Hellergrund mit der HWN 194 zu erreichen. Auch dieser Punkt erschien mir recht unspektakulär. Von zwei Frauen, die uns auf dem Wanderweg (die einzigen an diesem Tag!) begegnet waren, wussten wir, dass der Weg vom Hellergrund zur Grube Glasebach (und zurück nach Straßberg) ähnlich stark mit umgefallenen Bäumen belastet war. Auch hier hieß es, dass man für 3 km 1,5 Stunden gebraucht hätte (und die beiden sahen wirklich fit aus). Naja, aufgrund von ausgefahrenen Waldarbeiterwegen haben wir den eigentlichen Wanderweg leider nie erreicht und sind schließlich völlig desillusioniert, halb verhungert und verdurstet den Weg an der Straße zurück nach Straßberg getigert. Ich liebe ja diese tollen Harvester-Wege im Harz, die regelmäßig ins Nichts führen. Kurz und gut: An „running gags“ hat es an diesem Tag nicht gemangelt.

Zurück in Straßberg sammelt wir, jetzt schon kurz vor Sonnenuntergang, den Stempel 175 an der Grube Glasebach ein. Nun stand uns noch ein einstündiger Rückweg (mit steilem Anstieg) zurück zum Ausgangspunkt bevor, dem Maliniusteich. Völlig entkräftet, nervlich angeschlagen, dehydriert und definitv verhungert erreichten wir das Auto kurz nach 20:30 Uhr. Über Landstraßen tuckernd (Achtung: Wildgefahr von rechts), Rotwild sichtend, erreichten wir Bad Harzburg kurz nachdem mein Zug abgefahren war. Also durfte ich noch wundervolle 40 Minuten am malerischen Bahnhof von Bad Harzburg verbringen bevor mein Zug dann um 22:45 Uhr Richtung Heimat fuhr und ich schlussendlich ziemlich genau um 24 Uhr meine Wohnung erreichte. Zwischenzeitlich war ich 17 Stunden (!!!) auf den Beinen gewesen – das haut die stärkste Blondine um. Sonntag ist Ruhetag, so viel war sicher.

Mein Fazit der dritten Selketaltour: Mäßige Stempelstellen, schlechte Beschilderung, Trittsicherheit und hartgesottene Kondition sind ein unbedingtes Muss gepaart mit dem Willen Stempelkaiserin entgegen aller Widrigkeiten zu werden. Mit anderen Worten: Nichts für Zartbesaitete.

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