Christina/ April 16, 2011/ Kultur

Auch wenn es sich dabei nur um einen Übersetzungsfehler vom Arabischen in Englische handelte, die Zeile „Der Mob begrüsst Sie“ (wie Lüders sie am Flughafen Tripolis gesehen hatte) fasst mittlerweile treffend das Geschehen in Nordafrika zusammen. Unter dem Motto: „Zusammenleben in Braunschweig“ referierte Dr. Michael Lüders am 13.04.2011 zum Thema: „Demokratisierungsprozesse in den islamischen Ländern – Probleme – Lösungen – Perspektiven“.

Es begann mit der Selbstverbrennung eines Mannes Mitte Dezember 2010. Der Mann hieß Mohammed Buazizis und war Gemüsehändler in Tunis. Nach Aussage seiner Witwe, hatte er einen Polizisten angesprochen und diesen um einen Job gebeten. Daraufhin habe ihn dieser Polizist geohrfeigt. Für Buazizis mag diese Demütigung so unerträglich gewesen sein, dass er sich darauf hin selbst angezündet und verbrannt hat. Dieser Tod markiert den Start einer bisher nie dagewesenen Revolutionswelle in den arabischen Ländern. Mittlerweile wissen wir, dass der Funke des Aufstandes von Tunesien zunächst nach Ägypten und später nach Libyen übersprang. Und derzeit ist noch kein Ende abzusehen.

Warum der Sturm des Aufbegehrens gerade zu dieser Zeit begann, lässt sich, so Dr. Lüders zu Beginn seines Vortrags, nicht sagen. Erklären ließen sich aber die Gründe für die Unruhen. Vornehmlich seien die sozialen Strukturen, so Lüders weiter, der Grund für die Ausschreitungen.

Es ist ein Mittwoch abend an dem sich zahlreiche Zuhörer, es mögen ca. 100 sein, in der Braunschweiger Alten Waagen, einem schönen Fachwerkbau, eingefunden haben. Lüders, bekannt aus Rundfunk und TV, wie es immer so schön heißt und langjähriger Kenner der arabischen Welt, hielt einen ca. 1, 5 Stunden langen freien Vortrag.

Die sozialen Strukturen in den arabischen Ländern lassen sich plastisch in Form einer Pyramide denken. Ganz an der Spitze stünde die Elite des Landes, die ca. 3-5 % der Gesamtbevölkerung ausmache. Diese Elite, so erklärt Lüders, sei unermesslich (einfluss-)reich und lenke die Geschicke des Landes völlig ungehindert. Mit 30 % Anteil ist die Mittelschicht in den arabischen Ländern zu beziffern. Den Rest bezeichnet Lüders als „informellen Sektor“, der von der Hand in den Mund lebe. Darunter dürfe man sich den Gemüsehändler an der Ecke vorstellen als auch die Tagelöhner.

Warum sich die sozialen Verhältnisse so gestalten führte Lüders auf den Übergangsprozess von der Feudal- auf die Industrienation zurück. Feudale Strukturen, die sich auf zwei Regierungsarten zurückführen ließen, seien immer noch vorherrschend. Zum einen seien dies Königstümer, wie wir sie von der Golfhalbinsel kennen oder republikanisch ausgerichtete Strukturen von Personen, die über Putsch oder Unabhängigkeitkampf an die Macht gekommen seien.

In diesen absoluten Herrschaftsstrukturen gäbe es keine Aufstiegschancen für das Volk. Der soziale Status sei von der Herkunftsfamilie bestimmt, aus dieser gäbe es keinen Aufstieg. Eine clan- und stammesfixierte Politik der Elite präge zudem diese Länder. „Diese immer reichen parasitären Machthaber haben kein Interesse daran, Ihr Land zu entwickeln.“ Investiert werde nur dort, so führte Lüders weiter aus, wo kurzfristige Gewinne zu holen sein. Dazu gehöre nicht die Infrastruktur des Landes. Repressionen und Familienzusammenhalt haben das System bis jetzt aufrecht erhalten.

Ein Umstand, die besonders die Denkweise im Westen beeinflusste, war die Frage, ob der Islam und Demokratie miteinander vereinbar seien. Die bisherige Annahme ging dahin, dass die Tatsache, dass in keinem arabischen Land Demokratie vorherrsche ein Zeichen dafür sein, dass Islam und Demokratie nicht miteinander kompatibel seien. Das hat die Gesellschaft radikalisiert und blockiert, da es kein anderes Ventil gab als sich in den Moscheen frei zu äußern. Daraus erkläre sich der große Zulauf radikaler Strömungen.

Nach Meinung Lüders sind die Aufstände nicht religiös motiviert. Es ginge auch nicht darum, „irgendwo einen Gottesstaat zu errichten“. In diesem Zusammenhang erwähnte Lüders später, dass der Zenith des Politischen Islams überschritten sei.

Die soziale Unzufriedenheit sei, mit Ausnahme Bahrains, in den Golfstaaten weniger ausgeprägt. Dies sei nicht in erster Linie einer größeren Zufriedenheit mit der herrschenden Klasse geschuldet, sondern der Tatsache, dass einer kleineren Bevölkerungszahl eine große Menge an Geld gegenüber stehe. Dieser Geldsegen würde von den Herrscherhäuser sehr gerne genutzt, um Kritiker zu kaufen.

Auf die Rolle der neuen Medien zu sprechen kommend, erläuterte Lüders, dass es sich hier um zumeist junge gut ausgebildete Leute handle (zwischen 18-30 Jahre), die eine neue soziale Schicht bildeten (die Generation Facebook), die über Geld und Einfluss verfügte. Das Geld konnte über neue digitale Geschäftsmodelle eingenommen werden.

Lüders sprang in seinem Vortrag zurück zu den Ursachen des Konflikts und erläutert, wie es gelingen konnte, Ben Ali und Mubarak vergleichsweise schnell zu vertreiben. In Tunesien hatte Ben Ali die Armee nicht hinter sich bringen können. Aus Misstrauen hatte er sich eine private Polizei aufgebaut, die seinen Sturz aber nicht aufhalten konnte.

Nach der Vertreibung Ben Alis, der immer 26 Jahre lang an der Macht gewesen war, schöpften die Massen auch in Ägypten Hoffnung und begannen am 25.01.2011 ihren Aufstand. Ironischerweise war dies der offizielle „Tag der Polizei“. Anders als in Tunesien, hatte Mubarak der ägyptischen Armee weitreichende Privilegien zugestanden, wie z.B. eigene Krankenhäuser, hohe Gehälter und Pensionen. Lüders beschrieb die Armee in Ägypten als einen sehr großen Wirtschaftsfaktor des Landes, der mit 10-20 % zum Bruttosozialprodukt beitrüge. Bereits drei Tage nach Beginn der Aufstände hatte Mubarak sein Pulver verschossen. Dass er sich am 28.01 standhaft weigerte zurück zu treten hat ihm das Genick gebrochen. Die Armee hat dann schließlich – so die Annahme Lüders – nicht auf das Volk geschossen, weil es zuviel zivile Opfer gegeben hätte. Am 11.02 schließlich, musste Mubarak zurück treten.

Lüders gab gleichfalls zu bedenken, dass der Sturz Mubaraks nicht bedeute, dass sich das „System Mubarak“ von heute auf morgen abschaffen würde. Für eine nachhaltige Änderung der sozialen Strukturen rechnet er mindestens mit einem Zeitraum von 2-3 Generationen. Die „Generation Facebook“ sei in Ägypten zahlenmäßig unterrepräsentiert und politisch nicht schwergewichtig genug. Im Endeffekt rechnet Lüders mit einer Symbiose aus alter und neuer Generation. Zudem wird die Änderung des Systems viel Geld kosten von dem unklar ist, woher es kommen soll. (Anmerkung der Autorin: Die Konten der Mubarak-Familie könnten dabei sicherlich ein guter Ansatzpunkt sein).

Schließlich kam Lüders auf die Ereignisse in Lybien zu sprechen. Auch hier hätten wir es wieder mit einem Herrscher zu tun, der bereits sehr lange (40 Jahre) an der Macht weilt. Zwei wesentliche Machtzüge Gaddafis erklärt Lüders wie folgt: Zum einen hätte er das Volk bewusst „dumm“ gehalten, indem selbst an den Universitäten das Niveau sehr niedrig sei („Deutsche Realschulen seien dagegen eine Kaderschmiede“). Zum anderen sei Lybien sehr von Stammesstrukuren geprägt. Der lybische Staat, so Lüders Resümee, sei Gaddafi und der ganze Staat sei auf seine Familie ausgerichtet.

Auf die Rolle des Westens in Lybien kam Lüders wie folgt zu sprechen: Nach dem Sturz Saddam Husseins durch die Amerikaner, sei Gaddafi schlau genug gewesen, eine politische Gratwanderung vorzunehmen. Dem Terrorismus schwor er ab, den Lockerbie-Opfern wurde Entschädigung gezahlt. Ergebnis war, dass der Club der westlichen Welt das „Enfant terrible“ wieder in seine Gemeinschaft aufnahm. Letztendlich war es auch der EU eine ganze Stange Geld wert, dass Gaddafi die unliebsamen Flüchtlinge Afrika von der Trutzburg Europa fern hält.

Lüders hielt ein klares Plädoyer für die Unterstützung der lybischen Sache. Ein Nicht-Eingreifen in den Konflikt, so seine Worte, würden die Entwicklung um ein Jahrhundert zurück werfen.

Zum Schluss kam Lüders auf den schwierigen Umgang Europas mit dem Islam zu sprechen. „Wo Muslim draufsteht, ist Neandertaler drin“, so provokativ formulierte er die Sichtweise vieler Europäer auf die islamische Bevölkerung. Seit den Ereignissen in Tunesien und Ägypten seien derartige Plattitüden aber nicht mehr aufrecht zu erhalten. Mit einem Seitenhieb auf einen Autor, der vor Kurzem mit seinen Schmähungen besonders gegen die muslimische Bevölkerung Deutschlands für Furore gesorgt hatte, kommentierte Lüders „der Islam hätte keinen genetischen Defekt gegen Demokratie.“ Der Politische Islam hätte sich überlebt und seinen Zenit überschritten, so Lüders weiter.

Die Muslimbruderschaft in Ägypten z.B., die bis heute den Ruf hat, radikal und rückständig zu sein, hat sich in 2002/3 geändert. Die Bruderschaft ist liberaler geworden und eine säkulare Opposition gebildet. Die Islamophobie, die in Europa und auch in Deutschland herrscht, wird gerne von der Politik instrumentalisiert. Seit Ende des kalten Krieges hat sie den Platz des ehemaligen „eisernen Vorhangs“ übernommen. Zu einem politischen Projekt ist der Islam dann spätestens nach dem 11. September geworden. Hier wird ein klares Feindbild (politisch) bedient. Lüders jedoch hat die Hoffnung, dass sich diese Sicht nun verändern wird. Die Wahrnehmung sei nach den Umbrüchen in den arabischen Ländern differenzierter geworden, so Lüders Schlussplädoyer.

Diskussion:

Im Anschluss an den Vortrag entspann sich noch eine ca. 1/2 stündige Diskussion. Fragen, wie sich z.B. die Situation in Palästina im Zuge der Revolte entwickeln könnte, beantwortete Lüders dahingehend, dass sich auch Israel was Neues einfallen lassen müsse, wenn es mit dem Umschwung in den arabischen Ländern in dem Tempo weiterginge. Auf die Frage, welche Interessen der Westen in Lybien verfolge, beruhigte Lüders in der Form, dass er „Ölinteressen“ ausschloss, da alle bestehenden Lieferverträge mit Gaddafi abgeschlossen seien und somit der Western eher ein Interesse daran haben müsse, dass Gaddafi an der Macht bliebe. Trotzdem beurteilte er die Situation als chaotisch, besonders das Vorgehen der Staatschefs der europäischen Ländern, die sich uneins gezeigt hätten. Eine Prognose, wie es in den betroffenen Ländern weitergehen könne, wollte er jedoch nicht treffen. Alles sei noch zu wage. Auch die Mentalität der herrschenden Klasse vor Ort müsse sich ändern, um den Wandel möglich zu machen. Das Verhältnis zwischen Tradition und Moderne sei schwierig zu ändern.

Manöverkritik:

Viele Probleme, Altbekanntes, wenig Lösungen oder Ausblicke. Mit diesen Worten ließe sich der Vortrag von Dr. Lüders zusammenfassen. An anderer Stelle, zuletzt 2006 in Bonn bei der Deutschen Welle, früheren Datums im Fernsehen, habe ich Lüders schon pointierter erlerbt. Schade, hier wurde meiner Meinung nach eine Chance vergeben, einen unvoreingenommenen und positiv gestimmten Einblick in das Leben arabischer (bewusst nicht islamischer!) Jugendlicher, die etwas in ihrem Land bewegen wollen, zu erhalten. Damit meine ich nicht die Verbreitung einer vielleicht verfrühten Euphorie, dass nun alles auch in den arabischen Ländern „gut“ werde. Wohl aber die Anerkennung für das politische Wagnis und die friedliche Umsetzung des Vorhabens und vielleicht auch das Eingeständnis, dass der europäische Blick auf die arabische Welt, oft „von oben herab“, auf tönernen Füßen steht.

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