Christina/ Februar 13, 2011/ Philosophisches

Bis vor einigen Wochen schien die Welt so einfach zu sein. Die Demokratie, als amerikanisches Legat, wohnte in der westlichen Welt und sollte mit der Unterstützung der „guten“ Mächte den Siegezug um die Welt antreten. Operationen wie „Enduring Freedom“ in Afghanistan oder dem Irak sollten auch der unterdrückten muslimischen Welt ein wenig Freiheit bescheren.

Doch dann passierte im Januar dieses Jahres plötzlich das Unerwartete: In dem nordafrikanischen Staat Tunesien, allgemein nur als günstiges Urlaubsziel bekannt, kommt es zur „Jasmin-Revolution“, der Diktator Ben Ali tritt zurück. Und das alles vergleichsweise friedlich und ohne die Hilfe des „freiheitsliebenden“ Westens. Kurz nach dem Umsturz ist man sich noch relativ sicher, dass Vergleichbares im weltpolitisch bedeutsameren Ägpyten stattfinden könnte. Doch die europäischen und amerikanischen „Think-tanks“ werden glücklicherweise eines Besseren belehrt. Auch wenn es in dem Land am Nil etwas länger dauert, am 11.02.2011 muss auch Mubarak seinen Hut nehmen.

Spätestens in den Tagen der friedlichen ägyptischen Revolution zeigte sich, wie die persönliche Freiheit, von der westliche Regierungen so gerne sprechen, wirklich gemeint ist. Freiheit, so wie westliche Politiker sie meinen, ist zuerst Stabilität. Stabilität in der Region und ja alles für einen „guten“ Zweck. Da unterstützt man mit ansehnlichen Summen auch gerne mal jahrzehntelang so „demokratische“ Elemente wie Hosni Mubarak oder auch Pervez Musharraf, um sich mal die Muslimbrüder und ein anderes Mal die Taliban vom Hals zu halten. Dass mit dem Geld oft und gerne der eigene Reichtum gemehrt wird oder wahlweise die Unterdrückung des Volkes, nun ja, das wird „man“ als Kollateralschäden verbuchen müssen.

„Time for a change has come“ und wie reagiert Mr. „Yes-we-can“? Eine Woche hockt er in seinem weißen Haus wie paralisiert, um sich dann, als das Unaufhaltsame offensichtlich erscheint, auf die Seite der „Demokratie“ zu schlagen. Und Deutschland? In Talks-Shows fragt man sich allen Ernstes, ob denn jetzt das Öl teurer werde und wo man jetzt seinen Tauchurlaub verbringe. Geht es noch? Sogleich werden die Ängste vor den Islamisten in Gestalt der ägyptischen Muslimbrüder beschworen. Aber jetzt mal Hand auf’s Herz, wer kennt denn hier die Geschichte der Muslimbrüder bis ins Details? Dann doch lieber den berechenbaren Mubarak am Ruder lassen? Und überhaupt: Die Menschen in den despotisch-geführten nordafrikanischen Staaten erheben sich ohne das vorher mit dem Westen abzusprechen? Wo soll denn nun so schnell ein für den Westen genehmer Ersatz her?

Meine Überlegung ist, dass das Mistrauen und der Schock des Westens doch ganz woanders herrühren. Ist es nicht vielmehr so, dass die Amerikaner in innenpolitische Erklärungsnot kommen, wenn ihnen die „feindlichen Staaten“ ausgehen, mit denen es sich so herrlich von der innenpolitischen Krise ablenken lässt? Und was macht Deutschland dann jetzt mit den Wählern, die ein Recht auf ihren günstigen Ägypten- oder Tunesien-Urlaub haben? Und was macht die EU mit den ganzen afrikanischen Flüchtlingen, wenn es einen Ben Ali, Mubarak oder vielleicht auch Ghaddafi nicht mehr gibt, die die Flüchtlinge im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste schicken?

Da geht sie hin, die alte Despotenordnung. Jetzt muss der Westen sich entscheiden: neue Despoten oder neue Konzepte? Oder anders gefragt: Kann Freiheit nur die „Freiheit“ sein, wie die westlichen Politiker sie meinen?

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