Christina/ September 14, 2012/ Kultur

v.r.n.l.: Stephan Lohr, Prof. Thomas Bauer, Dr. Naika Foroutan, Prof. Hans-Georg Ebert

Die 16. Herrenhäuser Gespräche, initiiert von der VolkswagenStiftung und NDR Kultur, thematisieren die Frage ‚Islam heute – eine Religion im Wandel‘. Der kleine Sendesaal des NDR Funkhauses am Rudolf-von-Benningsen-Ufer ist gerammelt voll. Ein Umstand, der wohl nicht nur dem kostenlosen Finger-Food-Buffet im Anschluss an die Diskussion geschuldet ist.

Schnell wird klar, dass sich das Thema Islam in all seinen Facetten in den letzten Jahren zu dem Modethema schlechthin gemausert hat. In der Diskussion wird diese Vermutung von Dr. Naika Foroutan von der Humboldt-Universität in Berlin, auch schnell belegt: Eine Auswertung von deutschen Publikationen zu den Themen ‚Islam‘ oder ‚Muslime‘ seit 1961 zeigt einen „substantiellen Anstieg seit den 90er-Jahren. Nach 2006 stieg die Literatur zu diesen Themen extrem an“, so Foroutan. Die genannten ‚Peaks‘ führte die Sozialwissenschaftlerin zum einen auf den Wegfall des ‚Kalten Krieges‘ (Ost-West-Konflikt) zurück und zum anderen auf die erste Islamkonferenz in 2006.

Eine vergleichbare Argumentationsweise nutzt zuvor Prof. Dr. Thomas Bauer, Islamwissenschaftler an der Universität Münster. Bauer hat sich mit Artikeln aus der Zeitschrift ‚Der Spiegel‘ beschäftigt und festgestellt, dass das Wort ‚Islam‘ dort zum ersten Mal 1979 in einem Artikel genannt wurde. Damals im Zuge der iranischen Revolution. „Das Islambild verschlechterte sich seit dem immer mehr, besonders als der Ostblock als Feindbild wegfiel. An diese Stelle wurde der Islam gerückt und das Attentat von 9/11 hat das verstärkt“, so die Erläuterung des renommierten Islamwissenschaftlers.

Prof. Dr. Hans-Georg Ebert von der Universität Leipzig ergänzt, dass eine Islamisierung der Region stattgefunden hätte: „Handeln wird immer als das Handeln eines Muslims betrachtet.“ Der Westen, so der Vorschlag des Islamrechtlers, sollte den Menschen in den Ländern eine Chance geben und nicht immer nur den Extremismus bekämpfen.

In diesem Punkt sind sich die Diskutanten grundsätzlich einig: Nach wie vor scheinen zwei Faktoren für das negative Bild des Islams in Deutschland verantwortlich zu sein. Da ist zum einen die Darstellung historischer Ereignisse aus eurozentrischer Perspektive, wie sie z.B. in Schulbüchern stattfindet. „Die geschichtliche Aufarbeitung war lange Zeit eine des Austausches und des Krieges gewesen. Nun ist sie eine der Abschottung“, bemerkt Bauer. Additiv ist das Verschweigen (ob bewusst oder unbewusst) positiver Islambegegnungen oder –rezeptionen zu nennen. Als Beispiel nennt Bauer die nicht vorhandene Auseinandersetzung bzw. sogar die Negierung des Einflusses der arabischen auf die spanische und italienische Literatur. Zum anderen sind es die unkorrekte, weil selten definierte, und der unreflektierte Gebrauch von Begriffen wie ‚Dschihad‘ oder ‚Shari’a‘. „Shari’a“, klärt Islamrechtler Ebert die Anwesenden auf, „bezeichne für die Muslime Geh- und Verbote für ein gottgefälliges Leben. Der Dschihad stehe für den „Einsatz für die Sache Gottes und sei nicht, wie so oft in den westlichen Medien dargestellt, auf das Militärische zu reduzieren“, konkretisiert Ebert.

Weitere Beispiele für die obigen Thesen nennt Bauer. Die länder- und gesellschaftsübergreifende ‚islamische Kultur‘, die von Mauretanien bis nach Indonesien greifen müsste, gebe es schlichtweg nicht. Er selber habe leider auch noch keine bessere einheitliche Bezeichnung für diesen Raum gefunden als die Bezeichnung ‚muslimische Welt‘, sei damit aber keineswegs zufrieden. Unter dem ‚Problem der eigenen Wahrnehmung‘ subsumiert Bauer zudem das nicht-zur-Kenntnis-nehmen von Wandlungen und Weiterentwicklungen des Islams in der öffentlichen Meinung.

Konkretisiert auf die deutsche Perspektive regt Foroutan dazu an, dass es nicht nur Forderungen, sondern auch (kommunale) Angebote an die Muslime geben müsse. Diese entsprächen bislang nicht der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Resümierend stellt Bauer fest: Geopolitisch wird das Feindbild des Islams noch gebraucht. Zum ‚Atombombenstreit‘ merkte er an, dass die Atombombe im Iran wesentlicher sicherer sei als in pakistanischer Hand.

Die Aufzeichnung dieses Herrenhäuser Gespräches als Rundfunksendung wird am 7. Oktober 2012 ab 20:00 Uhr auf NDR Kultur in der Reihe „Sonntagsstudio“ ausgestrahlt.

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