Christina/ Juli 6, 2011/ Kultur

Ein Blick in den vollen Saal machte es deutlich: das Interesse nach Klärung der ‘Kulturfrage’ ist ungebrochen. Ich unterstelle, nicht nach irgendeiner Kultur, sondern nach der Klärung eines europäisch-islamischen oder urbaner ausgedrückt, eines deutsch-islamischen, Zusammenlebens.

Vollmundig angekündigt, versprach das neunte Herrenhäuser Gespräch, wenn nicht die Klärung dieser Frage, so zumindest Linderung unserer allgemeinen Verwirrung: „In welcher Kultur leben wir“ lautet deshalb die Leitfrage des Abends.

Die Podiumsdiskussion, die nebenbei als Hörfunksendung für NDR Kultur mitgeschnitten wird (Sendetermin ist der 02.10.2011 ab 20:00 Uhr auf NDR Kultur), war entsprechend, aber nicht ausgewogen, besetzt. Namentlich mit einem ehemaligen Staatsminister, Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, der amtierende Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Weiterhin mit einer Islamwissenschaftlerin, Dr. Armina Omerika, die zugleich Mitglied der Deutschen Islamkonferenz (DIK) ist. Weiterhin diskutierten Prof. Dr. Armin Nassehi, ein Soziologe aus München und als Vertreter der schönen Künste mit einem Migrationshintergrund, Feridun Zaimoğlu.

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Abend bot keine wirklichen neuen Antworten oder Erkenntnisse. Stattdessen, versuchte die eine Gruppe alles „schönzureden“, während die andere Gruppe versuchte, die Problematiken zu benennen und einen Diskussionsbedarf aufzuzeigen. Der Moderator der Runde blieb überraschend blass und teilweise stereotyp in seinen Fragen. Zu keiner Zeit gelang es ihm, aus dem Zusammentreffen mit Potenzial, eine mitreißende und engagiert geführte Diskussion zu machen. Auch das Publikum erschien mir größtenteils unzufrieden und hätte sich an vielen Stellen sicherlich gerne fragend dazwischengestellt. Einzig, als zunächst Feridun Zaimoğlu und später auch Armina Omerika Kritik am derzeitigen Innenminister Friedrich äußerten, geht ein Raunen durch den Saal.

Lange Statements, blasse Moderation

Die Einführung in das Thema des Abends von Armin Nassehi führte zunächst in die Verwirrung. Gar nicht Kultur sollte hier das Thema sein („Eventuell leben wir nicht in Kulturen, wir leben einfach“), sondern von Geschichten, „die zueinander passen“. Richtigerweise betonte Nassehi, dass Kultur erst „in der Differenz“ wahrgenommen wird, im Vergleich miteinander. Mit der Frage nach dem Anlass des Vergleichs brachte Nassehi die beiden Reizwörter ‚Leitkultur’ und ‚Einwanderung’ aufs Tapet und bemerkte, dass oft nur das diskutiert werde, was sich als Problem zeige.

Vorübergehend brachte Armina Omerika das Gespräch auf den eigentlichen Punkt, auch wenn dieser wohlweislich weder im Ankündigungstitel noch im Ankündigungstext für den Abend, vermerkt war. „Integrationsdebatte und Islamdebatte, alle öffentlichen Diskurse werden auf diesen beiden Felder ausgetragen.“ „Leitkultur“, so bemerkte Prof. Meyer, „sei ein missverständlicher Begriff, da er einen Herrschaftsanspruch beinhalten kann.“ In diesem Zusammenhang kam Meyer auf einen Artikel in der FAS vom 03. Juli „Der Salafismus kommt in Mode“ zu sprechen. „Hier soll man Angst bekommen“, so sein Kommentar. Trotz allem ist Meyer zuversichtlich und vertritt während der Diskussion die Meinung, dass „die positiven Stimmen und Meinungen in der Bevölkerung überwiegen, dass Muslime rechtschaffende Bürger sein.“

“Die sollen sich entspannen“

Erfrischend wohltuend machte sich für meinen Geschmack mal wieder Feridun Zaimoğlu bemerkbar. Möglicherweise sind seine unbefangenen Äußerungen der Freiheit des Schriftstellers geschuldet. Aber sei es drum. In dieser, recht lahmen und langwierigen Diskussion, die irgendwie auf der Stelle tritt, wirken seine Allegorien befreiend. Gleichzeitig sind sie befreit von der gedrechselten Wissenschaftssprache, mit der so mancher Forscher versucht, sein mangelndes Talent zu kaschieren. Die Diskussion über Kultur bezeichnet Zaimoğlu als „Versuche der Kennzeichnung oder Versuche zu sehen, was uns zusammenhält.“ Er spricht von einer Kulturmatrix im urbanen Leben. In die Runde stellt er die Frage, ob eine Überbetonung der Pluralität zwangsläufig bedeute, dass der „überzeugte Deutsche“ ein Provinztrottel sei? „Ich muss doch nicht verspannt sein, wenn ich deutsch bin“, resümiert Zaimoğlu auf die Frage, ob er ‚fremdländisch-deutsch’ sei. Menschen, die sich über Gruppen identifizieren, weil „die anderen es nicht sind“, empfiehlt er regelmäßig sich zu entspannen.

Von guten und schlechten Muslimen

Zum Schluss der Debatte wurde es tatsächlich noch einmal interessant als der Moderator Omerika und Zaimoğlu nach ihren Erfahrungen als Teilnehmer an der Deutschen Islamkonferenz befragt. Während Zaimoğlu in 2006 einmalig an der DIK teilnahm, befindet sich Omerika bereits in ihrer dritten Amtsperiode. Prägnant und ehrlich fasste Zaimoğlu seine Eindrücke sowie seine Entscheidung, der Konferenz einmalig beizuwohnen, wie folgt zusammen: „Wir hatten es damals mit einem klügeren und einsichtigeren Innenminister zu tun. Der hat erst nachgedacht und dann gesprochen.“ Seiner Erfahrung nach, werden Muslime in der DIK in ‚gute’ und ‚schlechte’ Muslime eingeteilt. Die ‚guten’ würden skandieren und sich mit der Presse verbrüdern, die ‚schlechten’ sein die, die zugäben gläubig zu sein. Auslöser für seinen Rückzug aus der DIK sei das Erlebnis gewesen, dass über Abwesende in infamer Weise gelästert wurde. „Ich halte es für lumpig“, so Zaimoğlu weiter, „wenn man Menschen aufgrund ihres Glaubens denunziere.“

Führer der Meuten mit hoher Bindungskraft

Unterstützung erfuhren die Aussagen Zaimoğlus durch Armina Omerikas Erkenntnisse. Mit dem neuen Innenminister sei die Atmosphäre in der DIK schlechter geworden, weil der Minister nicht willens sei auf die Kritik aus der Gruppe einzugehen. Abschließend entkräftete Zaimoğlu die mehrheitlich in der Runde vertretene Auffassung, dass im „europäischen Haus“ alles zum Besten stünde und verwies aus rechts-populistische Tendenz in den Niederlanden (Geert Wilders), auf den kollektiven menschenrechtswidrigen Rauswurf der Sinti und Roma aus Frankreich und die anstehenden Wahlen in Österreich, die befürchten ließen, dass auch hier ein verstärkter Rechtsruck zu verzeichnen sein wird. „Führer der Meuten mit hoher Bindungskraft bieten sich für Sammelbewegungen an“, so befand der Schriftsteller. Dabei ziehe man gerne ‚rhetorische Figuren’heran, wie „es gibt zu viele Kanaken in diesem Land“ als Legitimierung der ‚anti-aufklärerischen Projekte’. Hierin sehe er, für meine Begriffe völlig zu Recht, eine akute Gefahr. Bildhaft spricht er von einem ‚Willen zur Vermeutung’, um sich von denjenigen abzugrenzen, mit denen man nichts zu tun haben will.

Etwas ist faul im Hause Europa

Zaimoğlu zeigte sich ebenfalls mutig genug, ein kraftvolles Schlussplädoyer zu halten. Damit rettete er – für meine Begriffe – nicht nur den Abend, sondern entlässt die restlichen Diskussionspartner des Podiums als auch das Publikum mit einer Denksportaufgabe. „Es gibt anti-europäische Tendenzen, die man thematisieren sollte.“

Angesichts der anhaltenden Medienhetze (siehe ausgewählte Texte im Anschluss) und den von Zaimoğlu und teilweise auch Omerika angesprochenen politischen tendenziösen Entwicklungen, empfand ich die Diskussion insgesamt als ‚weichgespült’. Der Moderator stellte nicht die richtigen Fragen, um einen zusammenhängende Diskussion zu entfachen. Stattdessen verlor sich diese oft in langwierigen Einzelstatements, in denen jeder zu seinem aktuellen Forschungsstand brillieren konnte. Leider geriet die Diskussion damit oft in verwirrende Bahnen, die keinen roten Faden erkennen ließen. Also bleibt immer noch die ungeklärte Frage: „In welcher Kultur leben wir?“

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