Christina/ Dezember 21, 2019/ Alltagsgeschichten

Bereits am 9. Dezember hatte ich mein Stempelheft der Harzer Wandernadel komplettiert. Da die Urkunde der Wanderkaiserin allerdings nur im Blankenburger Projektbüro verliehen wird musste ich mich noch ein wenig in Geduld üben. Am Wochenende ist dort geschlossen. Und die Geduldsprobe hat sich ausgezahlt, denn gestern war es soweit. Bei allerherrlichstem Kaiser(innen)wetter konnte ich um kurz nach 10 Uhr meine Wanderurkunde, die mich offiziell als Christina Anina I (!) ausweist, entgegennehmen. Zuvor wollte ich aber noch mein Stempelheft verschönern. Leider gibt es immer wieder Vandalismus – Stempel sind kaputt oder fehlen ganz. Im Projektbüro liegen alle Stempel vor, sodass ich nachstempeln konnte. Ist schon toll, das Tablett mit allen 222 Stempeln in der Hand zu halten. Alles in allem ein sehr erhebender Moment und ein wenig Stolz ist natürlich auch dabei.

Was ich vermissen werde?
Was ich nach all dieser Zeit und der Anstrengung vermissen werde ist ein Gefühl: Der Moment, kurz bevor man eine Stempelstelle erreicht und spürt, wie eine positive Erregung und Vorfreude vom Körper Besitz ergreift, ganz kurz vor dem nächsten Fang. Jeder, der schon einmal als Stempeljäger unterwegs war, weiß was ich meine. Aber das war noch nicht alles an diesem wunderschönen vorfrühlingshaften Wintertag. Zum Abschluss haben wir uns noch eine unvergleichliche Wanderung auf der Teufelsmauer zwischen Blankenburg und Timmenrode gegönnt und waren mal wieder vom mediterranen Flair der Kiefernbäume beeindruckt. Aber nun zurück zu meiner Wanderkaiserin-Geschichte und wie alles began.

Wie alles began
Es war einmal … Alles begann damit, dass ich mein Stempelheft der Harzer Wandernadel Ende August 2015 im Bad Harzer Touristenbüro erworben habe. Das war eine ganz spontane Aktion im Anschluss an eine Wanderung. Stefan, unser damaliger Wandergruppenführer, hatte mir immer wieder empfohlen, mir doch auch so ein Stempelheft zu besorgen. Er hatte natürlich schon eins und das war auch schon ganz gut gefüllt. Ich fand die Idee zwar auch toll, war aber trotzdem zurückhaltend. Ich kenne ja mich und meinen Ehrgeiz. Ich ahnte sofort, dass meine Ambitionen mich dazu verleiten würden, die Erste in der Gruppe sein zu wollen, die ihr Heft vollkriegt. Naja und an dem besagten Tag im August habe ich es dann doch getan und eigentlich war es in diesem Moment auch schon um mich geschehen. Ich habe den anderen dann auch zunächst nichts gesagt und gedacht: „Na, behalt’s erstmal für dich und überrasche die anderen mal.“ In 2015 ging es erstmal verhalten los, aber dann …

100 Stempel in 2016
Es heißt, aller Anfang sei schwer. Nicht so bei der Harzer Wandernadel, da ist der Anfang leicht und der Abschluss nervenaufreibend. Der Sommer in 2016 war eindeutig auf meiner Seite und hat mir die Jagd nach den ersten 100 Stempeln leicht gemacht. Mein Anspruch: ALLE Stempel erwandern (ja wirklich erwandern, nicht mit dem Auto anfahren), alles mit Öffis zu machen und ohne technische Hilfsmittel (GPS, Handy-App etc.). Im ersten Jahr bin ich dieser Maxime absolut treu geblieben. Ich weiß nicht, wie oft ich nach 8 Stunden Stempelmarathon, oftmals ohne richtige Pause, zum Bus oder zur Bahn gejoggt bin. Ich erinnere mich aber noch daran, dass ich mehr als einmal von Spaziergängern oder anderen Wanderern den Ausspruch gehört habe: „Mann, sind sie schnell!“

The race is long
Wie gesagt, die ersten 100 Stempel waren in Bad Harzburg, Ilsenburg und Umgebung schnell erwandert. Unterwegs kam es auch immer mal wieder zu skurrilen Begegnungen, wie eines Tages im Spätherbst 2016, ich glaube es war in der Nähe des Kruzifix. Ich mache eine kurze Pause in einer Wanderhütte als mich ein älterer Herr anspricht. Erst erzählt er ein bisschen von seiner verstorbenen Frau und schließlich sagt er, dass er im Landhaus „Zu den Rothen Forellen“ residiert, ob wir uns dort nicht später treffen wollten. Er könnte mich dann auch in Vienenburg zur Bahn bringen. Wie bitte??? Mir entfleucht einer innerliches „Je regret Monsieur“ und ich verabschiede mich.

Die Wandergefährten
Das erste Wanderjahr wird noch von Stefan’s Wandergruppe begleitet. Zwischen Ecki, einem ehemaligen Wandereremiten, und mir ist es zu einem versteckten Wettrennen gekommen. Ich muss schon sagen, dass es mir immer ein „innerer Abgesang“ war, wenn meine Stempelzahl mal wieder höher lag! Aber legendär waren sicherlich auch die Wanderungen mit Rudi, unserem granteligen alt-68er, mit der obstinaten Grundlebenseinstellung aber dem Herz am rechten Fleck. Rudi, der früher die verstaubte Verwaltungsarbeit zur Partymeile erklärt und immer noch die besten Geschäftsideen auf Lager hat. Bisher leider unrealisiert.

Im Mai 2016 war ich dann an einem Wochenende mit Andreas rund um Altenau unterwegs. Ab und zu auch alleine. Ein besonderes Erlebnis war jedoch die Feststellung, dass ich im Spätherbst 2016 bereits mein großes Vorbild Stefan mit über 70 Stempeln überholt hatte. Das gab mir natürlich richtig Auftrieb.

Nach den ersten 100 – 120 Stempeln lässt mein Enthusiasmus zunächst ein wenig nach. Die Stempelstellen liegen immer weiter von meinem Wohnort entfernt. Die Anfahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln werden zunehmend schwieriger. Da ich weiterhin ohne technische Hilfsmittel unterwegs bin und die Wegbeschilderung im und um den Harz herum nicht einheitlich gut ist, verlaufe ich mich auch immer wieder mal. Das kostet Zeit und Nerven. An dieser Stelle kommen wieder meine Inspirations- und Motivationsquellen ins Spiel: die Weggefährten. Nach einer einjährigen Zwangspause in 2017, geht es im Frühjahr 2018 mit neuem Schwung an die nächsten 100 Stempel. Und diesmal hole ich mir Unterstützung. Über ein Wanderportal lerne ich zwei neue Mitstreiter kennen: Jürgen und Uwe. Mit Jürgen bin ich von März bis Juni 2018 an fast jedem Wochenende auf Achse. Wir sind viel im Selketal unterwegs, wo es wirklich schöne Wanderwege gibt. Besonders kann ich den Höhenweg bei Mägdesprung empfehlen: ein echter Traum. Dort befindet sich auch eine meiner Lieblings-Stempelstellen: die Köthener Hütte.

Hellergrund ist Höllenschlund
Unvergesslich blieb mir aber unsere Wanderung rund um Neudorf. Was insgesamt als 15km-Stempeltour geplant war, wuchs sich aufgrund umgestürzter Bäume und fehlender Ausschilderung zu einer Tageswanderung aus. Nachdem wir mehr als einmal im Kreis gelaufen waren, lagen die Nerven blank. Zwar haben wir die Stempelstelle letztendlich noch gefunden, sind dann aber auf dem Rückweg dermaßen ins „kurze Gras“ gekommen, dass wir erst wieder im Halbdunklen am Auto waren. Insgesamt sind wir so 10 Stunden auf den Beinen gewesen.

Im gleichen Jahr habe ich die ersten Wanderungen mit Uwe’s Wandergruppe unternommen. Das war ein echter Segen. Nicht nur, dass ich wieder Anschluss an Gleichgesinnte hatte (Stefan hatte sich in Elternzeit verabschiedet), so wurde mir auch der Südharz erschlossen. Das Stempelsammeln ging munter weiter und auch den Harz lernte ich in seiner ganzen Ausdehnung immer besser kennen. Erst jetzt wurde mich das ganze Ausmaß der Schönheit des Harzes bewusst. Wenn ich daran denke, dass in meiner Kindheit der Harz im Wesentlichen aus Bad Harzburg, Goslar und Braunlage bestand, so haben sich nach der Grenzöffnung doch ganz neue Horizonte aufgetan, eine völlig neue Welt, die ich nun mit Begeisterung nach und nach entdecken durfte. So konnte ich in dem Jahr meine Stempelbilanz auf fast 200 Stempel erhöhen. Ich kam meinem Ziel Schritt für Schritt näher.

Stollberg, Fachwerk-Kleinod im Südharz
In 2019 nahm mein Ziel langsam Formen an. Allerdings lassen sich die einzelnen Stempelstellen aufgrund ihrer Entfernung voneinander nicht mehr so gut miteinander verbinden. Die Anfahrtszeiten von Braunschweig liegen teilweise bei 2 Stunden, da muss ich schon gut planen. Über Ostern bin ich dann mit Lars in Ballenstedt. Wir haben eine tolle Ferienwohnung und genießen den ersten Spargel des Jahres. In dieser Zeit kann ich weitere 15 Stempel sammeln. U.a. sind wir in Thale und an der Teufelsmauer unterwegs. Es ist ein sagenhaftes langes Wochenende. Ein absoluter Höhepunkt der Tour ist die Stempelstelle 216, die Lutherbuche. Der Ausblick von der Buche auf Stolberg ist atemberaubend und für mich eines der eindrücklichsten Erlebnisse meiner Wanderstempelreise.

Die letzten dreizehn Stempel
Die letzten dreizehn Stempel haben es dann wirklich in sich. Im November 2019 behauptet Christian, dass ich noch in diesem Jahr meine Wanderkaiserinnen-Ehrung erreichen kann. Ich bin sehr ungläubig. Es geht auf den Winter zu, die Tage sind kurz, die Anfahrten zu den Stempelstellen sind lang. Zögerlich fange ich an mit dem Gedanken zu spielen, es schaffen zu können. Noch mag ich nicht so recht daran glauben. Ich will mich nicht zu früh freuen. Wer weiß schon, wie das Wetter in den nächsten vier Wochen wird? Am Ende soll Christian Recht behalten. Das Wetter ist an allen Sonntagen trocken, teilweise sogar sonnig.

Am 10. November geht’s los. Die ersten vier Stempel sind geschafft. Dann geht es Schlag auf Schlag: zuerst durch den Nebelwald, dann durch die „Hohle Eiche“ und schließlich ist Rübeland in Stempelhand und ich bin Wanderkaiserin!

Die Krönung bei Kaiser(innen-)wetter
Und nun zuletzt findet am 20.12 die Krönung zur Wanderkaiserin im Blankenburger Projektbüro der Harzer Wandernadel statt, , Christina Anina I, die 6283 insgesamt. So geht die Geschichte vom kleinen Hobbit, also mir, und meinen Wandergefährten zu Ende. Ich danke allen herzlich, die mich ein Stück meines Weges begleitet haben. Der Weg zur Wanderkaiserin war eine schöne und lange Strecke, auf der ich immer wieder nette Menschen, vielleicht sogar gute Freunde, kennengelernt habe. Es war eine bewegende Zeit mit persönlichen Höhen und Tiefen und definitiv eine Zeitspanne in meinem Leben, auf die ich immer wieder gerne zurückblicken werde.

The chase is better than the catch
Wie Scooter schon richtig erkannt hat, ist die Jagd oft aufregender und spannender als der eigentliche Fang. Deshalb empfehle ich jedem, der auch Wanderkaiserin oder Wanderkaiser werden will, sich für die Jagd Zeit zu nehmen. Die einzelnen Stempelstellen und Orte im Harz sind viel zu schön, um einfach nur durchzuhetzen, man sollte alles auf sich wirken lassen.

Deshalb lautet meine Moral von der Geschichte: „Hetze durch den Harz du nicht!“ (Frei nach Yoda, dem weltbesten Yoga-Meister).

Hier noch der Beweis: Christina Anina I. und nachfolgend ein paar Impressionen von unserer schönen Teufelsmauerwanderung am 20.12.2019.

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