Christina/ Mai 5, 2020/ Alltagsgeschichten

Oh ja, ich wusste immer wie Anna-Mae Bullock, besser bekannt als Tina Turner, sich in den Notbush-City-Limits gefühlt haben muss. Komm mal nach Helmstedt und du weißt, wovon ich spreche. Oh Mann, das werde ich nie vergessen: den Tag, an dem ich das Tina Turner-Plakat auf der Schuhstraße entedeckte. Es hing an irgendeinem Geschäft und ja, da hieß jemande Tina, wie ich. Nicht, dass ich damals gewusst hätte, wer Tina Turner ist, aber hey, die hatte eine genauso wilde Mähne wie ich und schien ziemlich cool zu sein! Dass sie ebenfalls in einem Kaff‘ aufgewachsen ist wie ich und keinen sehenlicheren Wunsch hatte, dieses Spießerloch hinter sich zu lassen, so wie ich, konnte ich seinerzeit noch nicht ahnen. Aber, ich sage euch, Notbush City Limits, das ist nicht irgendwo in Amerika, nein, das ist mitten in Niedersachsen. Dies wird eine Reise in die Vergangenheit, schnallt euch besser an, es wird wild!

Helmstedt, ich komm aus dir
„Bochum, ich komm aus dir“, den Refrain von Herbert G. kennt wohl so ziemlich jeder. Aber nicht nur der Ruhrpott hat seine Reviere gehabt, auch der Niedersachse kann ein Lied davon singen. Bereits 1795 fing alles an, da kam der Tagebau in die ehemalige Universitätsstadt Helmstedt. Mit der Gründung der „Braunschweigischen Kohlenbergwerke“ (BKB) 1873 nahm die ganze Sache an Fahrt auf. Auch die umliegenden Ortschaften, wie Schöningen, Wulfersdorf, Alt Büddenstedt und Runstedt wurden zum Braunkohlerevier. Mittlerweile ist das alles Geschichte. In Helmstedt war 2002 Schluss, in Schöningen 2016. Nun will man den Lappwaldsee in ein Naherholungsgebiet umwandeln. Dafür sollen die Tagebaue Helmstedt und Wulfersdorf bis 2030 geflutet werden. Im Moment braucht man schon viel Fantasie, um sich hier eine „blühende Landschaft“ vorzustellen.

Überrascht hat mich vielmehr als eines, dass ich in meiner Kindheit von alledem nichts mitbekommen habe. Klar ich wusste, dass es die BKB gibt, das war aber schon alles. Den Tagebau habe ich nie bewusst wahrgenommen, vermutlich weil ich auch niemanden kannte, der dort tätig war. Komisch, denke ich, wie ich jetzt durch Corona und den damit eingeschränkten Bewegungsradius plötzlich mit diesem Teil der Helmstedter Geschichte in Berührung komme.

Glück auf Ben Cartwright
Um das ehemalige Braunkohlerevier zu erkunden haben wir uns die Lappwaldsee-Route vorgenommen. Sie ist insgesamt 18 Kilometer lang. Die Streckenführung beginnt am Informationspunkt Lappwaldsee in Helmstedt. Die Route führt dann nach Büddenstedt, Hohensleben, Sommersdorf und Harbke bis es wieder zurück nach Helmstedt geht.

Wir starten an diesem Sonntag am Parkplatz an der Büddenstedter Straße. Von dort ist der Radweg „Lappwaldsee-Route“, den wir als Wanderweg nutzen, gut ausgeschildert. An den Schautafeln am Petersberg informieren wir uns zunächst über die Tagebaugeschichte der Region bevor wir über Feldwege und eine wunderschöne Allee nach Büddenstedt kommen. Von Weitem ist bereits der Kirchturm zu erkennen, der das Ensemble aus der Distanz wie eine mittelalterliche Burganlage aussehen lässt. Mir kommt die Kulisse aus dem Film „Chocolat“ in den Sinn. Naja, das ist jetzt etwas übertrieben.

In Büddenstedt entdecken wir nicht nur das „Glück Auf Haus“ sondern auch die Ponderosa-Ranch. Moment mal, lebten dort nicht die Cartwrights aus der 60er Jahre Serie „Bonanza“. Hm, da hat wohl noch jemand einen Traum jenseits der City-Limits gehabt.

Hammer und Sichel
Über die so genannte Wulfersdorfer Schweiz geht es nach Hohensleben. Von dort ist es nur noch ein Katensprung nach Sommersdorf in Sachsen-Anhalt. Hier verlassen wir also heimischen Boden. Außer ein paar Radfahrern ist niemand weit und breit zu sehen. Hinter einer Pferdekoppel wartet dann aber doch noch eine Besonderheit auf uns: mit zwei Fahnen werden die alten Zeiten im wahrsten Sinne des Wortes „hochgehalten“: wir sehen einen gelbumrandeten fünfzackigen roten Stern und ein darunter befindliches Hammer-und-Sichel-Symbol auf roter Fläche im Winde flattern. Über dieser Flagge weht das Zeichen des „Arbeiter- und Bauernstaats“, bestehend aus Hammer und Zirkel, umgeben von einem Ährenkranz. Denkt da jemand: City-Limits erwünscht?

Wir verlassen Sommersdorf und wandern erneut durch eine sehr schöne Allee. Die Wolken am Himmel haben sich wieder verdichtet, ein strammer Wind weht uns entgegen. Wir wenden uns nach rechts und gehen zunächst bergab dem nächsten Etappenziel entgegen: Harbke. An Harbke habe ich ganz besondere Erinnerungen, markierte der Ort zu Zeiten der deutsch-deutschen-Teilung doch den Beginn des Feindesgebietes, immer in Sichtweite von Helmstedt aus. Die Schornsteine des Kohlekraftwerks ragten damals bedrohlich in den Himmel. „Wenn der Iwan mal herüberkommt“, so hieß es damals,“dann steht er zuerst in Helmstedt.“

Am ehemaligen Grenzverlauf
In Harbke angekommen fällt uns in der Ortsmitte das niedliche Rathaus auf, ein wirklich schönes Gebäude. Wir schlendern noch ein wenig durch die Gemeinde, sinnieren wir kurz über das ehemalige Kulturhaus, das jetzt wohl ein Hotel ist und beginnen dann den Rückweg. Linker Hand kommen wir am alten Kraftwerk vorbei, da kommt rechter Hand auch schon wieder der Lappwaldsee in den Blick.

Am ehemaligen Grenzverlauf fällt uns ein Gedenkstein ins Auge, der an die Wiedervereinigung im Jahr 1990 erinnert. Wir stehen auf einer Anhöhe und blicken nochmals auf den Lappwaldsee. Könnten wir uns hier eine Urlaubsregion vorstellen?

Wir laufen ein Stück am Neubaugebiet von Helmstedt entlang. Hier hat sich schon einiges verändert, seit ich weg bin. Es gibt zumindest ein paar Straßen und Straßenführungen, die ich noch nicht kannte. Andererseits bin ich bei unserer späteren kurzen Stadtrundfahrt erstaunt, was sich alles nicht verändert hat und welche Hotels und Läden es immer noch gibt.

Don’t look back in anger
Abschließend möchte ich noch einmal an meinem ehemaligen Wohnhaus vorbeifahren. Als wir in die Straße einbiegen, ist das schon ernüchternd. Das Wohnviertel hat sich nicht gerade zum Vorteil verändert. Haus und Garten waren seinerzeit wesentlich besser in Schuss. Jetzt stehen überall Werbeschilder herum, die entweder für eine Versicherung oder für günstige Autoschilder u.ä. werben. Hier wirkt die Umgebung nicht mehr so gepflegt wie früher – das macht mich traurig.

Sicherlich war es gut, die Stadt beizeiten zu verlassen. Aber es war auch gut, mal wieder zu den Wurzeln zurück zu gehen. Und wie heißt es so schön: Don’t look back in anger. They call it Helmstedt, oh Helmstedt. They call it Helmstedt city limits…

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