Christina/ Januar 27, 2019/ Kultur

Vielleicht war ich eine von den wenigen wirklich „unbeleckten“ und „unvoreingenommenen“ im Publikum bei der Buchvorstellung in der Brunsviga. Über die Kurden weiß ich nicht wirklich viel, außer, dass das Volk über vier Staaten im Nahen Osten verteilt ist: Irak, Iran, Türkei und Syrien. Gehört habe ich von ihnen immer wieder mal: im Irakkrieg der Amerikaner gegen Saddam Hussein und zuletzt im Syrien-Krieg, als Erdogan seine Angriffe auf die kurdischen Gebiete im Norden Syriens startete, mit deutschen Panzern. Die Problematik der Kurden in der Türkei wurde mir zum ersten Mal 1998 in Istanbul bewusst, als mein damaliger Freund für seine Abschlussarbeit Interviews mit Kurden in Istanbul führte. Damals erkannte ich, unter welchem Druck und welcher Angst die Kurden standen und stehen. Trotzdem, mein Wissen ist eher marginal, deshalb wollte ich gerne mehr wissen.

Vorab hatte ich mir die Leseprobe zum Buch „Die Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion“ von Kerem Schamberger und Michael Meyen aus dem Internet heruntergeladen. Zudem hatte ich mich ein wenig mit Rojava auseinandergesetzt, der demokratischen Föderation Nordsyriens, die wohl mancherorts fälschlicherweise bereits als kurdischer Staat bezeichnet wird.

Die kurdische Frage in zwölf Geschichten

Zu Beginn seines Vortrags weist Schamberger darauf hin, dass es zu den Kurden im Wesentlichen zwei Narrative gibt: die der Terroristen und die der Opfer. Dem Autorenduo geht es in ihrem Buch aber um etwas anderes. Sie wollen nichts richtig stellen, sondern „das gesellschaftliche Zusammenleben organisieren“, so Schamberger. Er spielt auf die Waffenlieferungen aus Deutschland in die Türkei an. Leider wird das Thema weder in seiem Vortrag noch in der anschließenden Diskussion weiterverfolgt – schade. Insgesamt, so der deutsch-türkische Doktorand weiter, hätten sie für das Manuskript mit zwölf verschiedenen Menschen, Kurden oder „Kurden-Experten“, gesprochen. Anhand dieser Erzählungen diskutieren die beiden schließlich in ihrem Werk über die „kurdische Frage“.

Bilder des Grauens

Wir bzw. ich erfahre – alle anderen im Raum mögen es bereits wissen -, dass es die Kurden bereits seit über 1000 Jahren als Volk gibt und dass sie von den Mädern abstammen, einem antiken Stamm, abstammen. Da alle Anwesenden, so Schambergers Vermutung die National-Legende vom Schmied kennen, hält er den Teil über die Genese der Kurden kurz. Der Sage nach erschlägt der Schmied den Tyrannen Zaehak. Ein Ereignis, das was wohl am 21. März im Jahr 1234 geschah und damit das Neujahrsfest (Nowruz) der Kurden begründete. Ja, schade für mich, dass dieser Teil so kurz gehalten wird. Aber für Details gibt es ja das Internet.

Der Vortrag ist insgesamt so aufgebaut, dass er aus zwei Leseteilen besteht, die Michael Meyen bestreitet und zwei „Vorträgen“, in denen Schamberger in Wort und Bild von seinen Besuchen kurdischen Gebieten in der Türkei und in Nordsyrien berichtet. Einen Fokus legt er dabei auf die türkische Militäroffensive in Afrin im Januar 2018 und die türkische Offensive auf die PKK in der Türkei in 2015. Für jemanden, der mit den Details nicht ganz so vertraut ist, wie ich es bin, ist es teilweise nicht so einfach dem Vortrag folgen bzw. die Zusammenhänge verstehen zu können.

Rojava, die Hoffnung in Nordsyrien

Im restlichen Vortrag geht es um Rojava, der demokratischen Föderation Nordsyriens. Schamberger erläutert, dass die Förderation im Wesentlichen auf drei Säulen beruht: einem demokratischen System, einer Revolution, mit dem Ziel das Patriarchat der Männer abzuschaffen und der ökologischen Frage, d.h. der Selbstversorgung der Kurden.

In der Diskussion im Anschluss des Vortrags und der Lesung betonen beide Autoren, dass sich das Projekt „Rojava“ noch im Anfangsstadium befindet. Die gesellschaftliche Beziehung zwischen Männern und Frauen in der Region sei immer noch partriarchalisch geprägt. Übrigens, so Schamberger mit einem Augenzwinkern, in Deutschland ebenso. Weitere Fragen aus der Teilnehmerrunde drehen sich um die Gazi-Proteste 2013 in Istanbul, um den Gesellschaftsvertrag der kurdischen Freiheitsbewegung und um einen Tweet von Trump, demnach er angeblich eine 32 km breite Pufferzone in Nordsyrien etablieren möchte. Die Frage, ob die kurdische Freiheitsbewegung einen eigenen Staat anstrebt, beantwortet Schamberger wie folgt: „Nein, Kapitalimus-Dezentralisierung-Föderalisierung, es gibt unterschiedliche Konzepte aus unterschiedlichen kurdischen Aufenthaltsgebieten, aber immer innerhalb des syrischen Staates.“

Eine Frage bleibt offen

Leider bleibt nach Abschluss sowohl des Vortrags als auch der Diskussionsrunde Schambergs eingangs formulierte Idee unkonkretisiert, die nach einer (besseren) Organisation des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Zum Weiterlesen:
Die Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion.
Tagebucheintrag zur gestrigen Lesung.

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