[:de]Ausstellung: Brodmann im Braunschweigischen[:en]Exhibition: Brodmann in Braunschweig[:]
[:de]Zurzeit läuft eine Doppelausstellung in Braunschweig. Zum einen gibt es „Brodmann Classic“ im Museum Hinter Aegidien zu sehen. Zum anderen wird „Brodmann weltweit“ im Städtischen Museum am Löwenwall gezeigt. Ich habe mich an diesem kalten Sonntag für die Braunschweiger Version mit Führung entschieden. Und das ist eine gute Wahl, denn, Brodmann selbst ist an diesem Tag vor Ort.
Nachdem die weitestgehend veranstaltungslose Zeit zwischen den Jahren und zu Beginn von 2025 überstanden ist, kann ich mich endlich wieder ins Kulturleben stürzen. Es ist Sonntagnachmittag. Draußen herrschen eisige Temperaturen. Ein guter Zeitpunkt also, um ins Museum zu gehen. Gegen 15 Uhr haben sich einige interessierte Bürger im „Klostermuseum“ Braunschweig eingefunden, um sich durch die Retrospektive von Brodmanns Werk führen zu lassen.
Die Historikerin Margot Ruhlender navigiert uns eine knappe Stunde durch das Oeuvre von Brodmann. Zunächst geht es in den ersten Stock des Gebäudes. Wir starten mit den Anfängen des Künstlers. Wir erfahren, dass familiäre Bande dazu führte, dass Brodmann sich früh für eine Karriere in der Fotografie entschied. Geboren in Hohne bei Celle führte ihn seine Karriere zunächst zu Köhler und Lippmann, einer geographischen Kunstanstalt, wie es im damaligen Sprachgebrauch hieß. Heute würde man von einer Werbeagentur sprechen.
„Da sind mir die Neger lieber“
Nach einigen, wenigen privaten Fotos geht es ans Eingemachte. Es geht um die 68er-Proteste anlässlich des Kriegs der USA in Vietnam. In Braunschweig fanden ebenfalls Kundgebungen statt, die, so Ruhlender, mit sehr skeptischen Blicken von der älteren Bevölkerung verfolgt wurden. Sätze wie: „Da sind mir die Neger lieber“ sollen damals gefallen sein.
Charakterlich verludert
Weitere politische Dokumentaraufnahmen zeigen sowohl Willy Brandt als auch Herbert Wehner bei einer Veranstaltung in Braunschweig im Jahre 1970. Dazu muss man wissen, dass das Verhältnis zwischen dem Lebemann Brandt und dem konservativen Wehner alles andere als harmonisch war. Als „charakterlich verludert“ soll Wehner wohl seinen Parteikollegen bezeichnet haben. Auch Ruhlender bestätigt uns, dass Brandt Wehner zu flatterhaft gewesen sei.
Genschern
Auch mit den nächsten Bildern bleiben wir im Bereich der Politik. Diesmal geht es um das Verhältnis von drei Parteien: CDU, SPD und FDP. Was heute für die FDP der Christian Lindner ist, war es in der damaligen Zeit Hans-Dietrich Genscher. Von Genschers Wendehalspolitik soll wohl der Ausdruck „Genschern“ beim Doppelkopf-Kartenspiel stammen.
Panoramafotografie
Wir verlassen die politische Bühne und kommen in den Bereich der Ausstellung, dem Brodmanns Fokus gilt: der Panoramafotografie. Der Legende nach soll der Künstler erstmals über eine Kollegin mit dem Sujet in Berührung gekommen sein. Besagte Kollegin hatte aus der DDR eine Fotografie mitgebracht, die das Interesse des Fotografen nachhaltig beeinflusst hat. Aufgenommen mit einer sowjetischen Kamera namens „Horizont“ war die beeindruckende Aufnahme entstanden. Später greift Brodmann zu einer Widelux und schießt seine Fotos mittlerweile digital.
Fun Fact am Rande: Der amerikanische Schauspieler Jeff Bridges hat wohl als Kind mit der Widelux fotografiert und soll nun ein Revival der Kameramarke planen.
Braunschweigs B-Seite
Nun kommen wir nach Braunschweig. Brodmann soll es wohl gestört haben, dass Braunschweig in erster Linie mit Heinrich dem Löwen in Verbindung gebracht wird. Aus diesem Grund entscheidet sich der Fotograf in seinen Bildern die weniger bekannten Ecken Braunschweigs, also die sogenannten B-Seiten, festzuhalten. So wird er z.B. im Siegfriedviertel fündig oder auch in den Ruinen der Wilke-Werke.
Brodmann selbst sagt dazu Folgendes: Als das Museum für Fotografie in Braunschweig gegründet wurde, habe er damit begonnen, Aufnahmen von der Stadt zu machen. Den Löwen wollte er aber nicht porträtieren und hat sich deshalb für weniger bekannte Ecken der Stadt entschieden. So habe er selbst neue (B-) Seiten Braunschweigs entdeckt.
Corona und Arbeitsmigration
Die letzten beiden Stationen in der ersten Etage widmen sich zwei aktuelleren Themen: systemrelevanten Berufen in der Corona-Zeit zum einen und Arbeitsmigration in 2012 zum anderen. Ruhlender gibt hier eine Anekdote zum Besten, die ich später auch nochmals von Brodmann selbst höre, nämlich, wie er zwei Jahre auf eine Genehmigung warten musste, um einen Arbeiter bei der Salzgitter AG fotografieren zu dürfen. Seine Kontakte zu einem Betriebsratsmitglied haben ihm schließlich die Tore geöffnet.
Arbeitsmigranten aus dem Irak, China oder aus Eritrea hat Brodmann sowohl in Ihrem beruflichen als auch in ihrem privaten Umfeld abgelichtet. Unter anderem wird eine Familie aus Eritrea gezeigt, die nach Sickte migriert ist und auch heute dort noch lebt. An dieser Stelle wird Ruhlender den Hinweis auf die Titelgestaltung der Ausstellung. „Auslöser“ ist quasi ein Teekesselchen. Es geht nicht nur um ein Synonym für das Drücken auf das Kameraknöpfen, um eine Aufnahme zu tätigen. Nein, es geht auch darum, was das jeweilige Foto im Betrachter auslöst.
Fotografie ist Ästhetik
Zum Schluss geht es in den Keller. Neben einem dreiminütigen Film über den Künstler sind hier seine „Barockstilleben á la Niederlande“ zu sehen. Als ich später noch in die Führung von Brodmann selbst durch die Ausstellung stolpere, bekomme ich zufällig seine Erläuterung mit, wie er zur Blumenfotografie gekommen ist.
Nachdem er ein Haus in Wolfenbüttel gekauft hatte, fehlte ihm die Zeit, um für seine Aufnahmen unterwegs zu sein. Da hat er aufgrund der knappen Zeit mit den Blumenarrangements begonnen. Das heißt an dieser Stelle werden keine Situationsaufnahmen gezeigt. Nein, die Bilder sind gestellt. Angeblich werden Blumen auf schwarze Pappe gelegt, darauf kommt eine Glasscheibe und dann wird von unten durch das Glas fotografiert. Das klingt interessant.
Und nun da ich die Kombikarte ergattert habe werde ich mir selbstverständlich auch den zweiten Teil der Ausstellung im Städtischen Museum zu Gemüte führen. Vielleicht schon am kommenden Sonntag.
After surviving the largely event-free period between the holidays and the beginning of 2025, I can finally dive back into cultural life. It’s a Sunday afternoon, and outside the temperatures are freezing. A good time, therefore, to go to the museum. Around 3 p.m., a few interested citizens have gathered at the „Klostermuseum“ in Braunschweig to be guided through a retrospective of Brodmann’s work.
Historian Margot Ruhlender guides us through Brodmann’s oeuvre for almost an hour. First, we head to the upper floor of the building. We begin with the artist’s early years. We learn that family connections led Brodmann to choose a career in photography at an early age. Born in Hohne near Celle, his career initially took him to Köhler and Lippmann, a geographical art institution, as it was called in the terminology of the time. Today, we would refer to it as an advertising agency.
„I prefer the Negroes“
After some private photographs, we get to the heart of the matter. It’s about the 1968 protests against the U.S. war in Vietnam. Demonstrations also took place in Braunschweig, which, according to Ruhlender, were closely observed with skeptical eyes by the older population. Phrases like „I prefer the Negroes“ are said to have been uttered at the time.
Character Morally Decayed
Other political documentary photographs show Willy Brandt and Herbert Wehner at an event in Braunschweig in 1970. It is important to know that the relationship between the dandy Brandt and the conservative Wehner was far from harmonious. Wehner is said to have described his party colleague as „morally decayed.“ Ruhlender confirms that Brandt found Wehner to be too fickle.
Genschern
We stay in the political realm with the next set of photos, this time focusing on the relationship between three political parties: the CDU, SPD, and FDP. What Christian Lindner is for the FDP today, Hans-Dietrich Genscher was at the time. The term „Genschern“ is said to have originated from Genscher’s policy of shifting alliances, named after a card game called „Doppelkopf.“
Panoramic Photography
We leave the political stage and move into the section of the exhibition that focuses on Brodmann’s work: panoramic photography. According to legend, the artist first encountered the subject through a colleague. This colleague had brought a photograph from the GDR, which significantly influenced the photographer’s interest. The impressive image had been taken with a Soviet camera called „Horizont.“ Later, Brodmann switched to a Widelux camera and now takes his photos digitally.
A fun fact: American actor Jeff Bridges is said to have photographed with a Widelux as a child and is planning a revival of the camera brand.
Braunschweig’s B-Side
Now we move on to Braunschweig. Brodmann is said to have been bothered by the fact that the city was primarily associated with Heinrich the Lion. Therefore, the photographer chose to capture the lesser-known corners of Braunschweig, the so-called B-sides, in his images. For instance, he found interesting subjects in the Siegfriedviertel district and in the ruins of the Wilke-Werke factory.
Brodmann himself says the following about this: When the Museum of Photography was established in Braunschweig, he began taking photographs of the city. However, he did not want to portray the lion statue and chose less well-known parts of the city for his work. In doing so, he discovered new (B-) sides of Braunschweig for himself.
Corona and Labor Migration
The last two stations on the first floor focus on two more recent topics: essential workers during the Corona period and labor migration in 2012. Ruhlender shares an anecdote, which I later hear from Brodmann himself, about how he had to wait two years for permission to photograph a worker at the Salzgitter AG company. His connections to a member of the works council eventually opened the doors for him.
Brodmann photographed migrant workers from Iraq, China, and Eritrea, both in their professional and private environments. Among other things, a family from Eritrea, who migrated to Sickte and still lives there today, is featured. At this point, Ruhlender points out the title design of the exhibition. „Trigger“ is a double entendre. It not only refers to the act of pressing the camera button to take a shot, but also to what the photo evokes in the viewer.
Photography is Aesthetics
Finally, we head to the basement. Here, in addition to a three-minute film about the artist, Brodmann’s „Baroque Still Life à la Netherlands“ can be seen. Later, when I unexpectedly join Brodmann himself for a tour of the exhibition, I hear him explain how he got into flower photography.
After purchasing a house in Wolfenbüttel, Brodmann found himself without enough time to take his usual photographs on location. As a result, he began working with floral arrangements due to the limited time available. This means that the photos shown here are not snapshots; they are staged. Allegedly, flowers are placed on black cardboard, a glass pane is placed over them, and the photo is taken from below through the glass. This sounds interesting.
Now that I have the combo ticket, I will, of course, make sure to visit the second part of the exhibition at the Municipal Museum. Maybe next Sunday.
