Christina/ April 2, 2019/ Kultur

Diskussionen über die vermeintlichen Schurkenstaaten dieser Welt gibt es viele. Diskussionen mit den Betroffenen leider wenig. Mehrheitlich wird über anstatt mit den Opponenten gesprochen. Diese Misere bringt das Theaterstück „Iran-Konferenz“ jetzt auf die Bühne. Das Schauspiel feierte am 30.3.2019 seine Premiere im Kleinen Haus des Staatstheaters Braunschweig. Das Bühnenwerk des russischen Autors Iwan Wyrypajew rekurriert dabei auf jüngste, politische Ereignisse: Die Iran-Konferenz in Warschau, die eben ohne ihren Namensgeber, nämlich den Iran, im Februar 2019 stattfand. Und schnell wird deutlich: Wir reden viel über uns selbst und denken dabei wenig über den anderen nach.

Im Grund genommen wissen wir nichts!

Der Autor des Stücks hat seinen Plot nach Dänemark verlegt. Austragungsort der Konferenz ist eine Universität. Hier soll von Vertretern aus der Wissenschaft, aus der Politik und der Privatwirtschaft die „Iran-Frage“ erörtert werden. Wyrypajew betrachtet die Angelegenheit aus einer philosophischen Perspektive, auf die man sich zunächst als Zuschauer einlassen muss. Hat man das allerdings einmal getan, so bringen die einzelnen „Konferenz-Teilnehmer“ sehr interessante Ein- und Aussichten zutage. Selten geht es um die Sache, oftmals geht es um die eigene Person und deren Weltanschauung. Die Iran-Konferenz besteht aus einer illustren Runde, die sich wenig „grün“ ist und nur zu gerne über die Unzulänglichkeiten der anderen Teilnehmer spöttelt, um sich damit selbst zu profilieren. Am Ende dieser Nabelschau wird die Gruppe durch eine iranische Nobelpreisträgerin ergänzt, die sozusagen das Schlusswort hat. Die Anspielung auf Shirin Ebadi wird sofort deutlich.

Wieder einmal wird deutlich, wie viel wir über den Iran und seine Bevölkerung („Allah bestimmt alles“) zu wissen meinen und wie viel Befangenheit (der Westen als Vertreter der „einzig wirklichen Wahrheit“) dahinter steckt. Ressentiments, den eigenen negativen Erfahrungen entspringend oder aus einer ablehnenden Haltung herausgebildet: „Können Sie etwa sagen, wie alles zusammenhängt? Im Grunde genommen wissen wir nichts“, so formuliert der fiktive dänische Schriftsteller Gustav Jansen seinen Vorwurf wider der Besserwisserei.

Die private Bequemlichkeit

Und sie sind alle gekommen: Die Weltverbesserer, die Abgestumpften, die Selbstverliebten, die Besserwisser und die, die ihre private Vendetta zur Konferenz mitgebracht haben. Dabei spart Wyrypajew in seinen Dialogen kein heißes Eisen aus: Islamdebatte (Pro und Contra), IS-Terror, Kindermissbrauch in der katholischen Kirche, Glücksucher mit Helfersyndrom in der „dritten Welt“ (die nun politisch korrekter als „Staaten mit verfehlter Ökonomie“ gelabelt werden). In einem „Frage-Antwort-Spiel“ zwischen den Bühnenrednern und den Konferenzteilnehmern „aus dem Publikum“ entspinnt sich ein Schlagabtausch, der einerseits die ganze „Ohnmacht“ des Westens gegenüber dem Iran offenbart oder allgemeiner ausgedrückt „gegenüber dem Andersdenkenden“. Andererseits verdeutlichen die Wortgefechte die Uneinigkeit zwischen den Beteiligten. Eine klare Linie, wie man dem Iran (dem Andersdenkenden) begegnen will, gibt es nicht. Wer also darauf hofft, in dem Stück Antworten auf diese Frage zu finden, wird enttäuscht werden. Wer aber dazu bereit ist, sein eigenes Iran-, Islam- oder Selbstbild zu hinterfragen wird mit einem geistreichen Abend belohnt, jenseits der eigenen privaten Bequemlichkeit.

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