[:de]Buchrezension: Susanne Abels Gretchen[:en]Book Review: Susanne Abel’s Gretchen[:]
[:de]Es kommt nicht oft vor, dass der zweite Band einer Duologie genauso fesselnd ist, wie der erste. Susanne Abel hat es mit ihren beiden Romanen „Stay away from Gretchen“ und „Was ich nie gesagt habe“ geschafft. Während es in der ersten Erzählung um die Protagonisten Greta aus Ostpreußen geht; dreht sich der zweite Band um das Schicksal ihres Ehemanns Konrad und ein vererbtes Kriegstrauma, das sich langsam auflöst. Auch, wenn ich die Liebesgeschichte zwischen Gretas Sohn Tom und seiner Jenny etwas zu schmalzig finde, sind beide Bücher äußerst lesenswert. Besonders für die Nachkriegsgeneration, zu der ich auch gehöre.
Eine gute Bekannte hatte mich auf das Buch mit dem seltsamen Titel „Stay away from Gretchen“ aufmerksam gemacht und es mir ausgeliehen. Da lag es nun eine ganze Weile auf meinem Nachttisch. Andere Bücher warteten bereits länger auf meine Aufmerksamkeit, so musste Gretchen noch warten. In den Weihnachtsferien war es dann endlich so weit. Und tatsächlich, so glaube ich, kann der Roman je nach Leserin oder Leser eine ganz andere Wirkung entfalten. Als Tochter einer Elterngeneration, die beide, jeder auf seine Weise, von den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs geprägt waren, hat mich in dem Buch nicht in erster Linie der Rassismus und die Bigotterie im Nachkriegsdeutschland betroffen gemacht. Nein, es waren vielmehr die Parallelen zwischen dem Leben meiner Mutter und der fiktiven Greta. So hat mich sowohl die Beschreibung der Flucht aus Ostpreußen als auch die Zeit im Aufnahmelager und später beim Bauern, der auf die Flüchtlinge herabschaut und nur sein eigenes Wohl sieht, besonders betroffen gemacht. Ich werde es natürlich nie komplett nachvollziehen können, was es bedeutet haben muss, um sein Leben zu fürchten, nie zu wissen, ob man den nächsten Tag oder Abend überlebt. Von russischen Soldaten belästigt oder gar vergewaltigt zu werden. Und dann, wenn man nichts als das nackte Leben gerettet hat, wieder ungewollt zu sein, weil niemand seine kargen Rationen mit den Flüchtlingen teilen will.
Auf der Flucht
Eine gute Bekannte hatte mich auf das Buch mit dem seltsamen Titel „Stay away from Gretchen“ aufmerksam gemacht und es mir ausgeliehen. Da lag es nun eine ganze Weile auf meinem Nachttisch. Andere Bücher warteten bereits länger auf meine Aufmerksamkeit, so musste Gretchen sich gedulden. In den Weihnachtsferien war es dann endlich so weit. Und tatsächlich, so glaube ich, kann der Roman je nach Leserin oder Leser eine ganz andere Wirkung entfalten. Als Tochter einer Elterngeneration, die beide, jeder auf seine Weise, von den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs geprägt waren, hat mich in dem Buch nicht in erster Linie der Rassismus und die Bigotterie im Nachkriegsdeutschland betroffen gemacht. Nein, es waren vielmehr die Parallelen zwischen dem Leben meiner Mutter und der fiktiven Greta. So hat mich sowohl die Beschreibung der Flucht aus Ostpreußen als auch die Zeit im Aufnahmelager und später beim Bauern, der auf die Flüchtlinge herabschaut und nur sein eigenes Wohl sieht, besonders betroffen gemacht. Ich werde es nie komplett nachvollziehen können, was es bedeutet haben muss, um sein Leben zu fürchten, nie zu wissen, ob man den nächsten Tag oder Abend überlebt. Von russischen Soldaten belästigt oder gar vergewaltigt zu werden. Und dann, wenn man nichts als das nackte Leben gerettet hat, wieder ungewollt zu sein, weil niemand seine kargen Rationen mit den Flüchtlingen teilen will.
Greta
Eine furchtbare Zeit sind ebenso die Nachkriegsjahre. Voll der Entbehrung und geprägt von dem Gedanken, wo die nächste Mahlzeit herkommt oder wie man die Wohnung in der klirrenden Kälte eines harten Winters einigermaßen warm bekommt. Und dann, mitten in dieser trostlosen Periode, kommen Greta, ihre Mutter, ihr Großvater und dessen Frau bei Verwandten in Heidelberg unter. Die Stadt mutet fast unwirklich an, da sie im Krieg so gut wie keine Zerstörung erfahren hat. Allerdings, seit dem 30. März 1945 ist Heidelberg von amerikanischen Truppen besetzt. Genau dieser Umstand wird Greta im Folgenden zum Verhängnis. Sie verliebt sich in einen farbigen GI. Verhältnisse, uneheliche Kinder als auch Eheschließungen gab es in den Nachkriegsjahren zuhauf. Von 12.000 – 13.000 solcher Beziehungen zwischen deutschen Frauen und den Besatzungsmächten ist die Rede. Dazu muss man wissen, dass bis Ende 1946 ein Heiratsverbot bestand! Unnötig zu erwähnen, dass sich die „deutsche Gesellschaft“ gegenüber diesen kulturell gemischten Ehen wenig tolerant zeigte. War das Ergebnis jedoch ein farbiges uneheliches Kind, dann waren die Konsequenzen für das Liebespaar besonders dramatisch. Denn, weder die deutsche noch die amerikanische Seite wollte diese Kinder wirklich haben.
Der Brown Baby Plan erzählt die leidvolle Geschichte, die Greta stellvertretend für viele andere deutsche Frauen erleben muss. Das Kind namens Marie wird ihr weggenommen. Es kommt in ein Heim. Was danach passiert bzw. wo Marie später verbleibt, erfährt Greta nie selbst. Erst ihr Sohn Tom bringt die Wahrheit ans Licht und findet Marie tatsächlich in den USA wieder. Allerdings ist seine Mutter zu der Zeit bereits dement und kann somit nur noch teilweise verstehen, was wirklich in all den Jahren passiert ist.
Konrad
In „Was ich nie gesagt habe“ geht es in erster Linie um Gretas Ehemann und Toms Vater, Konrad. Bereits im ersten Teil der Duologie hat Konrad einen kleinen Part. Man erfährt, dass er Greta das erste Mal bei ihren Verwandten in Heidelberg begegnet. Beim nächsten Zusammentreffen rettet er sie vor dem selbstgewählten Ertrinken, nachdem ihr Marie weggenommen wurde.
Konrads Martyrium während des Zweiten Weltkriegs wird ausführlicher als das von Greta erzählt. Kurzum: Konrad verliert in dieser Zeit seine ganze Familie. Sein Vater stirbt jung, sein Bruder kommt aus dem Krieg nicht zurück. Seine behinderte Schwester wird von den Nazis durch Experimente zu Tode gequält. Seine Mutter kommt bei einem Bombenangriff ums Leben. Wie durch ein Wunder übersteht Konrad die Katastrophe. Als Kriegsgefangener findet er sich am Ende der Kampfhandlungen im Süden der USA wieder.
Als er nach Deutschland zurückkehrt, erfährt er, dass der Bruder seines Vaters noch lebt, aber in russischer Kriegsgefangenschaft ist. Konrad geht nach Heidelberg; von seinem Onkel hat er erfahren, dass dort ein Bekannter lebt. Dieser ist, ebenso wie Konrads Onkel, Arzt. Konrad studiert ebenfalls Medizin und lernt, wie bereits erwähnt, Greta kennen. Aufgrund seiner Verlusterfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg konzentriert er sich fortan ganz auf seine Frau und hofft auf eine neue Familie.
Obwohl Greta wiederum ihren Verlust, den von Bob, ihrem amerikanischen Geliebten, und den ihres Kindes nie überwunden hat, entschließt sie sich, mit Konrad einen Neuanfang zu wagen. Die Ehe ist jedoch von den Kriegstraumata beider Eheleute überschattet. Nach vielen Jahren wird Greta endlich zum zweiten Mal schwanger, Tom kommt auf die Welt. Hineingeboren in eine Ehe, die aus zwei traumatisierten Menschen besteht, die versuchen, irgendwie ihre Vergangenheit zu vergessen, wird der gemeinsame Sohne Opfer eines transgenerationalen Traumas.
Die Erzählung springt immer wieder zwischen der Vergangenheit von Toms Eltern und der Gegenwart hin und her. Nach und nach wird das ganze Ausmaß der schrecklichen Erlebnisse und ihrer Konsequenzen dem Leser deutlich. Tom werden viele seiner eigenen erlernten Verhaltensweise klar. Und, er hat das Glück einer Healerin zu begegnen, d.h. einer Person mit einem sicheren Bindungsstil.
Es gibt noch zahlreiche Irrungen und Wirrungen, viele überraschende Wendungen, die ich hier gar nicht alle erzählen möchte. Mein Anliegen ist ja auch ein anderes. Nämlich, was Krieg mit uns macht. Nicht nur mit den direkt betroffenen Menschen, sondern auch mit den nachfolgenden Generationen, die die Folgen tragen müssen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die kriegstraumatischen Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg niemals aufgearbeitet wurden. Die Überlebenden wurden mit ihrem Schicksal einfach allein gelassen. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder standen auf der Agenda – wie der Einzelne mit seinen seelischen Schockzuständen klar kam hat keinen interessiert. Hauptsache, es ging voran und „man“ hat wieder funktioniert.
Und anscheinend hat die Menschheit aus diesen katastrophalen Jahren nichts gelernt. Ständig wird man mit „history repeating“ konfrontiert. Sei es der sinnlose Krieg in der Ukraine oder der Dauerkonflikt zwischen Palästina und Israel. Solange die Kriegshandlungen andauern, gibt es eine Berichterstattung. Sobald diese beendet sind, interessiert sich niemand mehr für die Kriegsgeneration und deren Nachfolger. Dann geht es wieder nur um Wiederaufbau und wirtschaftlichen Erfolg. Da gibt es nur einen Haken: Die Seele vergisst nichts, wenn die Emotionen nicht freigelassen werden.[:en]It’s not often that the second volume of a duology is as captivating as the first. Susanne Abel has achieved this with her two novels Stay Away from Gretchen and What I Never Said. While the first story focuses on the protagonist Greta from East Prussia, the second volume revolves around the fate of her husband Konrad and an inherited war trauma that slowly unravels. Even though I find the love story between Greta’s son Tom and his Jenny a bit too cheesy, both books are highly worth reading. Especially for the post-war generation, to which I also belong.
A good acquaintance had drawn my attention to the book with the strange title Stay Away from Gretchen and lent it to me. It lay on my nightstand for quite a while. Other books had been waiting for my attention longer, so Gretchen had to wait. Then, during the Christmas holidays, it was finally time. And indeed, I believe the novel can have quite a different effect depending on the reader. As the daughter of a generation of parents, both of whom were shaped by the effects of World War II in their own ways, what moved me in the book wasn’t so much the racism and bigotry in post-war Germany. No, it was rather the parallels between my mother’s life and the fictional Greta’s. Both the description of the escape from East Prussia and the time spent in the refugee camp, and later with the farmer who looks down on the refugees and only cares about his own well-being, particularly touched me. I will never be able to fully comprehend what it must have meant to live in constant fear for one’s life, never knowing if one would survive the next day or evening. To be harassed or even raped by Russian soldiers. And then, having nothing but the bare life saved, to be unwanted again because no one wants to share their meager rations with the refugees.
On the Run
A good acquaintance had drawn my attention to the book with the strange title Stay Away from Gretchen and lent it to me. It lay on my nightstand for quite a while. Other books had been waiting for my attention longer, so Gretchen had to wait. Then, during the Christmas holidays, it was finally time. And indeed, I believe the novel can have quite a different effect depending on the reader. As the daughter of a generation of parents, both of whom were shaped by the effects of World War II in their own ways, what moved me in the book wasn’t so much the racism and bigotry in post-war Germany. No, it was rather the parallels between my mother’s life and the fictional Greta’s. Both the description of the escape from East Prussia and the time spent in the refugee camp, and later with the farmer who looks down on the refugees and only cares about his own well-being, particularly touched me. I will never be able to fully comprehend what it must have meant to live in constant fear for one’s life, never knowing if one would survive the next day or evening. To be harassed or even raped by Russian soldiers. And then, having nothing but the bare life saved, to be unwanted again because no one wants to share their meager rations with the refugees.
Greta
The post-war years are also a terrible time. Full of deprivation and dominated by the thought of where the next meal will come from or how to keep the apartment warm in the biting cold of a harsh winter. Then, in the middle of this bleak period, Greta, her mother, her grandfather, and his wife stay with relatives in Heidelberg. The city seems almost surreal, as it experienced almost no destruction during the war. However, since March 30, 1945, Heidelberg had been occupied by American troops. This very circumstance becomes Greta’s downfall. She falls in love with a Black GI. Relationships, illegitimate children, and marriages were common in the post-war years. It is said that there were 12,000–13,000 such relationships between German women and the occupying powers. It’s important to know that until the end of 1946, there was a marriage ban! Needless to say, „German society“ was not very tolerant of these culturally mixed marriages. However, if the result was a mixed-race illegitimate child, the consequences for the couple were particularly dramatic. Neither the German nor the American side really wanted these children.
The Brown Baby Plan tells the painful story that Greta must experience on behalf of many other German women. The child, named Marie, is taken away from her. She is placed in an orphanage. What happens afterward, or where Marie later ends up, Greta never learns herself. It’s only her son Tom who brings the truth to light and actually finds Marie in the USA. However, by that time, his mother is already suffering from dementia and can only partially understand what has really happened over the years.
Konrad
In What I Never Said, the story mainly revolves around Greta’s husband and Tom’s father, Konrad. He already plays a small part in the first book of the duology. We learn that he first meets Greta at her relatives‘ house in Heidelberg. During their next meeting, he saves her from drowning after Marie is taken away from her.
Konrad’s suffering during World War II is told in more detail than Greta’s. In short, Konrad loses his entire family during this time. His father dies young, his brother doesn’t return from the war. His disabled sister is tortured to death by the Nazis through experiments. His mother dies in a bombing raid. By some miracle, Konrad survives the catastrophe. As a prisoner of war, he finds himself in the southern United States at the end of the fighting.
When he returns to Germany, he learns that his father’s brother is still alive but in Russian captivity. Konrad goes to Heidelberg; from his uncle, he had heard that a friend of his lives there. This person, like Konrad’s uncle, is a doctor. Konrad also studies medicine and, as mentioned earlier, meets Greta. Due to his traumatic losses from the war, he focuses entirely on his wife and hopes for a new family.
Although Greta, in turn, has never overcome the loss of Bob, her American lover, and the loss of her child, she decides to start anew with Konrad. However, their marriage is overshadowed by the war trauma of both spouses. After many years, Greta finally becomes pregnant again, and Tom is born. Born into a marriage of two traumatized people who try to forget their past, their son becomes a victim of transgenerational trauma.
The narrative jumps back and forth between Tom’s parents‘ past and the present. Gradually, the full extent of the terrible experiences and their consequences becomes clear to the reader. Tom becomes aware of many of his own learned behaviors. And, he is fortunate to meet a healer, that is, someone with a secure attachment style.
There are many more twists and turns, many surprising developments that I won’t go into here. My concern, however, is something else. Namely, what war does to us. Not only to the people directly affected but also to the following generations who must carry the consequences. From personal experience, I can say that the traumatic experiences of World War II were never processed. The survivors were simply left alone with their fate. Reconstruction and the economic miracle were at the top of the agenda – how the individual coped with their emotional trauma was of no interest. The important thing was that things moved forward and „people“ functioned again.
And apparently, humanity has learned nothing from these catastrophic years. We are constantly confronted with „history repeating itself.“ Whether it’s the senseless war in Ukraine or the ongoing conflict between Palestine and Israel. As long as the hostilities continue, there is coverage. Once they are over, no one cares about the war generation and its successors anymore. Then, it’s all about reconstruction and economic success. But there’s one catch: The soul forgets nothing if the emotions are not released.
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