Christina/ November 24, 2010/ Philosophisches

Wahrheiten auszusprechen erfordert Mut. Besonders, wenn dies öffentlich geschieht. Umso mehr hat mich Yassin Musharbashs Kommentar vom 19. November auf Spiegel Online „Falsche Schablonen im Kopf“ gefreut. Weil er nicht populistisch sondern differenzierend ist.

Wenn der Terror jetzt nach Deutschland kommt, was hoffentlich nicht geschehen wird, so ist er zunächst einmal abstrakt, nicht greifbar, weil man sich das Unfassbare nicht vorstellen kann oder möchte. Bedrohungen scheinen immer dann umso konkreter zu sein, wenn sie persönlich sind.

Mein Partner arbeitet zurzeit im Ausland und muss viel fliegen. Auf seinem letzten Flug hat es einen Zwischenfall gegeben. Als wir nach seiner Ankunft am Zielort miteinander telefoniert haben, sagte er: „Der Flug war ziemlich turbulent“. Ich hatte das zunächst so verstanden, als sei das Wetter schlecht gewesen und Turbulenzen hätten den Flug unruhig gemacht. Tatsächlich hatte das Ereignis nichts mit den äußeren, wohl aber den inneren Bedingungen des Fluges zu tun: Es ging um einen Passagier, der „Allah-u-Akbar“-rufend durch die Gänge stürmte. Und das genau über Teheran.

Ich glaube, jeder kann sich vorstellen, dass ich sofort die Bilder des 11. Septembers vor Augen hatte. Nur, dass diesmal jemand von meinem Lieben an Bord war.

Der Mann konnte zum Glück von mutigen Passagieren überwältigt, gefesselt und von einem Arzt, der unter den Fluggästen war, ruhig gestellt werden. Kein Wort vom Kapitän oder der Flugbesatzung zu diesem Zwischenfall. Ich frage mich, ob das Bordpersonal überhaupt für solche Begebenheiten (denn: sind dies noch Zwischenfälle?) vorbereitet sind.

Ich beobachte mich selber dabei, dass ich auf Flügen nervös um mich schaue, ob ich verdächtige Personen sehe. Und ich erinnere mich an meine Panik, als im Ausland ein vermeintlicher Passagier, der vor mir in einer Schalterschlange stand, seine zwei Koffer einfach stehen ließ, wegging und nicht wiederkam.

Ist es das bereits, was die Terroristen erreichen wollen? Unsicherheit, Angst und immerwährendes Misstrauen gegenüber Mitreisenden, die nervös erscheinen? Oder wie im Falle von Erhart Körting, die Sorge vor dem „Arabisch oder eine Fremdsprache sprechenden Nachbarn“?

Für mich bleibt die Frage des „warum“ ungeklärt. Deshalb auch meine Analogie auf den Song „Russians“, in dem Sting fragt, ob die Russen wohl auch ihre Kinder lieben und damit auf das Wettrüsten im „Kalten Krieg“ zwischen den damaligen Großmächten USA und UDSSR anspielt.

Der Frage nach dem „warum“ nähere ich mich unter anderem mit dem Zeit-Dossier „Das Tor zur Hölle steht wieder offen“ an. Unvorstellbar was die auf WikiLeaks veröffentlichen Protokolle über die Brutalität der westlichen Truppen offenbaren. Und um einmal den arabischen Raum gedanklich zu verlassen: Die Gräueltaten des Westens haben auch kurz nach der Naziherrschaft in Deutschland kein Ende gefunden: Von 1946 bis 1948 (ungefähr zur Zeit der Nürnberger Prozesse) finanzierte der Nationale Gesundheitsdienst der Vereinigten Staaten in Washington Menschenversuche an den Bürger Guatemalas. So der Artikel „Menschenversuche“ aus der „Zeit“ (Nr. 44/2010).

Ein Denkanstoss in Zeiten der Warnungen vor Terror, Flug-Mitreisenden und verdächtigen Nachbarn könnte sein, einmal auch in der Politik nicht nur mit dem Finger auf die Anschlagsgefahr zu verweisen, sondern einmal zu thematisieren, was deutsche Bürger dazu treibt, sich in Camps im Ausland zu Terroristen ausbilden zu lassen und sich selbst als Waffe gegen die eigenen Mitmenschen einzusetzen.

Und dennoch hoffe ich, dass die Verantwortlichen Ihre Familien genauso lieben, wie ich meine und die Terrorwarnungen Vermutungen bleiben.

Zum Weiterlesen:

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