Christina/ Dezember 19, 2010/ Kultur

„Fremde ist dort, wo der Mensch gekrängt und gedemütigt wird. Heimat ist dort, wo der Mensch Freunde, Sprache und Hoffnung hat.“ (Yüksel Pazarkaya)

Über die Bedeutung des Wortes „Heimat“ denkt man vielleicht immer gerade dann nach, wenn man nicht in derselbigen weilt. Wobei, ist das Land der Geburt notwendigerweise auch immer die Heimat? Wenn die Fremde dort ist, wie der türkische Dichter Pazarkaya es beschreibt, wo der Mensch gekrängt und gedemütigt wird, kann dann nicht auch das eigene Elternhaus fremd sein und ein anderer Ort, vielleicht außerhalb des Geburtslandes, zur Heimat? Und was ist, wenn die Fremde nicht im Elternhaus, aber zum Beispiel im Land der Geburt durch Krieg, Armut oder Verfolgung entsteht? Ist es dann nicht normal und nachvollziehbar, dass der Mensch die Heimat an einem anderen Ort sucht und vielleicht auch findet?

Ich erinnere mich selber an eine Zeit, in der ich aus verschiedenen Gründen nicht besonders glücklich war und mich in meinem Heimatland nicht heimisch fühlte. Zu der Zeit bin ich während meines Studiums ins Ausland gegangen. Ins arabische Ausland. Tatsächlich hatte ich dort das Glück mit offenen Armen und interessierten Fragen aufgenommen zu werden. Für mich ist das arabische Ausland in dem Jahr zu einer zweiten Heimat geworden.

Seit einiger Zeit lebt mein Partner beruflich im Ausland. In Indien. Natürlich habe ich ihn dort schon mehrfach besucht. Ich gebe zu, Indien hat bei mir nicht bei Weitem dasselbe Gefühl ausgelöst, wie meine Aufenthalte im arabischen Ausland. Mir ist die indische Kultur und Lebensweise um einiges fremder als die arabische. Aber das ist Geschmackssache. Trotzdem, wenn man will und wenn man offen ist, hat man jede Chance Kontakt zur Bevölkerung zu bekommen.

Erst vor zwei Tagen waren wir zu einer privaten Party eines Belgiers eingeladen, der in Indien arbeitet und lebt. Fast alle Gäste, außer uns beiden, waren Inder. Es war ein sehr schöner Abend, was im Wesentlichen daran lag, dass wir von Anfang so behandelt wurden, als seien wir schon immer Teil dieser Gruppe gewesen. Es wurde offen und herzlich diskutiert, über indisches und deutsches Leben. Zu keinem Zeitpunkt habe ich mich aber fremd oder gar ausgegrenzt gefühlt.

Vor drei Jahren sind wir in Südafrika gewesen. Südafrika ist sicherlich landschaftlich gesehen eines der schönsten Länder der Welt. Leider gilt das nicht für das Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß. Als wir auf der Fahrt in die Drakensberge nach Kwazulu Natal kamen, einem Landstrich, der mehrheitlich von der schwarzen Bevölkerung bewohnt wird, haben wir eine Ahnung davon bekommen, wie es sich anfühlen muss, wenn man als Träger einer anderen Hautfarbe in der Minderheit ist und sich – wahrscheinlich automatisch – unwohl fühlt.

Im Zuge der anhaltendenden Integrationsdebatte in Deutschland, die meiner Meinung nach sehr einseitig geführt wird, da sie kaum die Seite der Migranten beleuchtet, habe ich mich oft gefragt, ob Deutschland für die Zugewanderten die Fremde oder vielleicht auch manchmal die Heimat bedeuten kann. Die Sprache, die Pazarkaya als eine der Schlüsselelemente für Heimat identifiziert, ist sicherlich erlernbar. Hoffnung ergibt sich möglicherweise durch den Glauben an eine andere oder bessere Zukunft im neuen Land. Was aber ist mit Freunden? Sind wir gegenüber unseren ausländischen Mitbürgern nicht auch Gastgeber? Und können wir Ihnen gegenüber nicht auch Freunde sein, um die neu gewählte Heimat auch zu dieser werden zu lassen? Geht Eure Erfahrungen, die Ihr im Ausland gemacht habt einmal gedanklich durch. Fremde oder Heimat?

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