Christina/ September 2, 2019/ Kultur

In der Eröffnungsrede des Museumsdirektors Joch steht eine Frage im Raum: Wie kann Kunst das Unvermittelbare für die Nachwelt mittelbar machen? Diesem Leitgedanken unterwirft sich die gestern eröffnete Ausstellung „15. Oktober. Die Zerstörung der Stadt Braunschweig 1944.“ Sie ist vom 2.9-15.10.2019 sowohl im Städtischen Museum Braunschweig als auch an fünf weiteren Orten der Stadt (Jakob-Kemenate, Kemenate Hagenbrücke, Bankhaus Löbbeke, dem Augustinum und der St. Andreaskirche) zu sehen.

Peter Joch sagt in seiner Eröffnungsrede ein paar hochinteressante Sätze mit tiefenpsychologischer Bedeutung. Diese Sätze erreichen nicht das gesamt Publikum, sondern stoßen teilweise auf Widerstand. Das ist sowohl meine erstaunte als auch neugierige Erfahrung, die ich durch meinen Sitznachbar mache.

Worum geht es hier?

Der Verlust der Identität

Der Tag der Ausstellungseröffnung ist nicht zufällig gewählt. Es ist der 1.9, der Tag, an dem vor 80 Jahren der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall der Deutschen auf Polen beginnt. „Deutschland war der Agressor“, sagt Joch in seiner Rede. Mein Sitznachbar, meiner Schätzung nach im zweiten Weltkrieg geboren, beugt sich zu seinem Freund herüber und kommentiert die Aussage Jochs mit zwei Worten: „Stimmt nicht.“ Da bin ich das erste Mal irritiert. Zum einen, weil die Bemerkung wie aus der Pistole geschossen kommt, zum anderen, weil diese Bemerkung etwas in mir auslöst. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt nur noch nicht was.

Joch fährt in seiner Rede fort: Die Bombennacht vom 14.10 auf den 15.10.1944 führt seinen Ausführungen nach zum „Tod der alten Stadt Braunschweig“. Genauso drückt Joch es aus. Und weiter: „Die Zerstörung bedeutet den Verlust der Identität.“ Touché, da ist es, das Schlüsselwort: Identität bzw. dessen Verlust. Die Frage nach der Unvermittelbarkeit ist also nicht die Frage, wie der Wahnsinn des Kriegs und der Zerstörung überhaupt zustande kam. Nein, die Frage ist, wie können die nachfolgenden Generationen verstehen, was die Eltern und Großeltern damals erlebt haben UND wie gehen die Überlebenden mit dem Verlust ihrer Stadt und damit einem Teil ihrer Identität um? Mit einem widersprechenden „stimmt nicht“, also der Verleumdung der beweisbaren Fakten? Joch spricht in diesem Zusammenhang von der „psychischen Situation des Menschen nach dem Kollaps“, die es zu verstehen gilt. Wirklich nur für die nachfolgende Generation oder auch für die Betroffenen des Infernos selbst?

Kunst als Mittel zum Überleben

Die ausgestellten Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken beschreibt Joch als „Dokumente von Überlebens- und Verarbeitungsstrategien“. Das ist zunächst einmal, seine Interpretation. Der Zuhörer kann zu dieser Zeit nicht überprüfen, ob die Künstler das so gesagt und gefühlt haben. Die Ausstellung, so erläutert Joch, ist in diese sechs Unterkapitel aufgeteilt, um die verschiedenen Reflektionsprozesse der Künstler unterscheidbar zu machen: Trümmer, Kirchen, Wiederaufbau, Alltag, Idylle und Symbolwelt.

Trotzdem lebte ich in einer heilen Welt

Joachim Prüsse, Vorsitzender der gleichnamigen Stiftung, gewährt einen Einblick in seine damaligen Erlebnisse im Zeitraum vom 6. bis zum 10. Lebensjahr. Geboren ist er im Jahre 1939, also hat er die besagte Bombennacht und die Zeit danach miterlebt. „Nach der Schule“, so beschreibt er die Zeit nach dem katastrophalen Ereignis, „haben wir in den Trümmern mit Granatsplittern und Zigarettenschachteln der Amerikaner gespielt.“ Auch an die Zigarettenmarke kann er sich erinnern „Chesterfield“ (mein Sitznachbar erinnert sich an „Lucky Strike“): „Erst raucht er eine Chesterfield, dann macht er meine Schwester wi(e)ld.“ Rückblickend ist Prüsse der Ansicht, dass der Spruch wohl eher umgekehrt lautete, aber, was wusste er zu der Zeit schon „von der Zigarette danach“? Ein amüsiertes Raunen geht durch das Publikum. Wo aber blieb das Raunen, als der für mich markanteste Satz seiner Ansprache fällt? Nämlich der Satz, der die verdrängten Gefühle einer, vermutlich sogar mehrerer Generationen, auf den Punkt bringt: „Trotzdem lebte ich in einer heilen Welt“. Wir lassen uns den Satz einmal auf der Zunge zergehen: Trotzdem, also trotz der Zerstörung, trotz des Verlusts eines Teiles seiner Identität, trotz des Verlusts seines Zuhauses lebte er in einer heilen Welt? Und „lebte“ in einer heilen Welt, einer Welt, die nun nicht mehr heile ist? Der Kommentar meines Nachbars untermauert diese Einstellung: „Wir doch alle“. Also, alle, die in der Zeit gelebt haben, haben trotz der Zerstörung um sie herum in einer „heilen“ Welt gelebt?

Zur Versinnbildlichung: Der Bombenangriff auf Braunschweig zerstört 90 % der Wohngebäude, 50 % der Industriegebäude und 60 % der Kulturstätten. Heile Welt? Joch spricht davon, dass allein die Aufräumarbeiten offiziell bis 1963 dauerten und impliziert damit, dass die „gefühlten“ Aufräumarbeiten bis heute nicht abgeschlossen sind.

Was hat mein Vater damals erlebt?

Plötzlich schießt mir ein Gedanke durch den Kopf. Mein Vater ist im Jahre 1929 geboren. Kurz nach der Bombennacht, am 23.10 begeht er seinen 15. Geburtstag. Damit hat er den Angriff im vollen Bewusstsein miterlebt. Ich frage mich, wie er die Nacht erlebt, ja überlebt hat. Leider kann ich ihn nicht mehr fragen, er ist tot. Tränen schießen mir in die Augen und ich fühle einen Druck auf der Brust, wenn ich mir versuche vorzustellen, wie das damals für ihn gewesen sein muss. Und, Bilder einer „heilen Welt“ sehe ich dabei nicht vor mir. Mein Vater hat nie über diese Nacht mit mir gesprochen – leider.

Als ich im Anschluss an die Eröffnungsreden durch die Ausstellung gehe, verstärkt sich mein beklemmendes Gefühl und ich spüre die Angst und die Trauer, die mein Vater damals vermutlich empfand und mir gegenüber niemals ausgedrückt hat. Deshalb ist es sicherlich kein Zufall, dass ich gerade heute auf das Buch von Margarete und Alexander Mitscherlich aufmerksam werde: „Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens.“

Nur der Eulenspiegelbrunnen bleibt heil

Das Plakat zur Ausstellung zeigt den nicht zerstörten Eulenspiegelbrunnen der Bombennacht inmitten völlig zerbombter Häuser. Eulenspiegel und seine Meerkatzen sind zu erkennen. Ist das ein Zufall, dass Eulenspiegel ein Sinnbild unverwüstlicher, lachender Lebensbejahung das Inferno überlebt oder hält er den Braunschweigern mal wieder den Spiegel vor?

Ja, es stimmt also, so könnte das Fazit dieser Ausstellungseröffnung lauten. Die Nachkriegsgeneration kann möglicherweise nicht verstehen, was die Eltern erlebt haben. Sie trägt aber die Folgen der nicht verarbeiteten Trauer.

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