Christina/ Oktober 31, 2020/ Kultur

Es ist meine erste Ausstellungseröffnung in diesem Jahr. Es wird auch die letzte sein. Der Lockdown ist wieder da – diesmal als „light“-Variante. Dabei handelt es sich um die kalorienreduzierte Alternative zum „Vollfett“-Lockdown des Frühjahrs. Der erneute Verzicht auf viele, liebgewonnene Gewohnheiten, wie die Besuche von Ausstellungen, Theater oder Kino, das Treffen von Freunden und die wöchentlichen Zirkeltrainingsrunden macht den Ausblick auf die kommende Winterzeit trüber als es das graue Novemberwetter ohnehin könnte. Und doch gibt es etwas, das in mir Demut vor dem wirklichen Schicksal eines anderen Menschen auslöst. Hier spreche ich von der gestrigen Eröffnung der Ausstellung „Fotos meiner Immigration“ von Dariush Farazi im Braunschweiger Mütterzentrum.

Abstand eingehalten
Das Hygienekonzept an diesem Freitagabend zeigt, dass Ausstellungen auch in Coronazeiten „ansteckungssicher“ stattfinden können: Zur Teilnahme ist eine vorherige Anmeldung erforderlich. Die Teilnehmer werden in zwei Gruppen eingeteilt, damit im Ausstellungsraum genügend Abstand eingehalten werden kann. Bei der Ankunft werden die Personendaten aufgenommen. Die Fenster sind sperrangelweit geöffnet, um die Aerosole zu vertreiben und alle tragen Maske, ist ja klar.

Die erste Veranstaltungsrunde ist noch im Gange als ich eintreffe, also schaue ich mich erstmal ein wenig um und entdecke hinter dem Café bereits die ersten Bilder von Dariush, der eigentlich Eman heißt.

Das Leben vom Winde verweht
Als es losgeht stehen vier Personen auf der „Bühne“, Monika Döhrmann, Franziska Rutz, Dariush, der Künstler und seine schöne Frau Nitshtman Adollahi. Dariush ist 33 Jahre alt und kommt aus dem Iran, genauer gesagt aus der Hauptstadt Teheran. Er ist vor dem diktatorischen Regime geflohen und das gleich zweimal wie ich später über einen Artikel in der Hauszeitschrift „Mamma Mia“ erfahre.

Als Dariush von sich zu erzählen beginnt – seine Frau übersetzt – fällt mir als erstes auf, wie freundlich und bescheiden die beiden wirken, unheimlich sympathisch. Dariush fängt damit an, vom heutigen Erdbeben in der Türkei und in Griechenland zu erzählen, bei dem auch Flüchtlinge umgekommen sein sollen. Er selbst hat mehrere Monate im griechischen Flüchtlingslager „Diavata“ in Thessaloniki zugebracht. Hier sind also keine Pressefotos ausgestellt sondern Aufnahmen eines Betroffenen. Sie zeigen die Perspektive des Iraners auf das Geschehen im Lager. Die Zustände sind erbärmlich. Er selbst hat zunächst drei Monate im Winter mit kaltem Wasser in einem Zelt dort gelebt.

Andersdenkende werden exekutiert
Auf einem Bild, das er selbst „Das Leben vom Winde verweht“ nennt, sind Flüchtlinge zu sehen, die mit dem Anzünden von Autoreifen gegen die Situation protestieren. Und nicht nur in den Aufnahmelagern sind die Verhältnisse unmenschlich. Dariush erzählt, warum er aus dem Iran geflohen ist, dass ca. 3000 Menschen dort in Gefängnissen leben und zuletzt vor gut einem Monat der bekannte Sportler Navid Afkari hingerichtet wurde.

Hoffnung auf Zukunft?
Dariush lebt mit seiner Frau seit einem Jahr in Braunschweig und hofft nun auf eine bessere Zukunft. Seine Fotos, die er mit dem Handy im Lager aufgenommen hat, sind teilweise in schwarz-weiß und teilweise in Farbe fotografiert. Trotz seiner Erlebnisse, drücken die Bilder keine Hoffnungslosigkeit aus, vielmehr sind sie eine Bestandsaufnahme dessen, wie in Europa mit Flüchtlingen umgegangen wird. Das Umfeld ist bedrückend und trotzdem strahlen Dariush und seine Frau Dankbarkeit aus, machen einen sehr bescheidenen und freundlichen Eindruck. Meine Corona-Sorgen kommen mir angesichts dieser berührenden Lebensgeschichte plötzlich nichtig vor, zumindestens für eine Weile.

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