Christina/ Juni 18, 2020/ Alltagsgeschichten

„Ja ist denn hier schon Dallas?“ denke ich beim überraschenden Anblick einer Erdölförderungsanlage wie ich sie eigentlich nur aus der gleichnamigen amerikanischen 80er-Jahre-Serie kenne. Vor knapp zwei Stunden war ich zu einer Spritztour mit meinem kleinen Schwarzen gestartet und wieder einmal erlebe ich Überraschendes auf meinem Ritt über das Braunschweiger Land. Da liegt plötzlich das Flair von fiesen Öl-Baronen in der Luft, mitten in der Provinz. Ich werde unterwegs vom Fernweh nach meiner ehemaligen Hamburger Heimat überrollt und stoße auf ein abscheuliches Verbrechen aus der dunklen Vergangenheit Braunschweigs. Und schließlich träume ich vom „kühlen Blonden“ im Bunker angesichts der Mittagshitze.

Nicht schön aber ehrlich
Es ist ein herrlicher Vorsommertag. Es liegt ein wunderbarer Geruch in der Luft. Es ist leicht schwül, aber noch angenehm. Ich schwebe auf meinem kleinen Schwarzen, also dem frischgesputzten MTB, so dahin und genieße einfach die Natur und die Freiheit der rauschenden Geschwindigkeit. Und klar, es geht darum Neues zu entdecken. Und wieder einmal werde ich nicht enttäuscht. Gleich hinter Veltenhof geht sie los, die große weite Welt des Braunschweiger Hafens. Vergesst das Schlepperballett im Hamburger Hafen – völlig überbewertet. Den wahren urban spirit könnt ihr nur im kleinen muckeligen Hafen von Braunschweig spüren. Hier ist zwar alles eine Nummer kleiner, aber dafür authentisch und ehrlich. Hier wird noch gearbeitet und nicht in Pose gestellt.

Ein Schandmal der patriarchalischen Kultur
Mein Schwarzer will schon weiter. Es geht geradeaus. Und schon wieder entdecke ich etwas Neues. Am Waller Weg komme ich am sogenannten Sandmagerrasen vorbei. Was es nicht alles gibt! Und das beste ist, Sandmagerrasen eignet sich hervorragend für den Anbau meines geliebten Gemüses: dem Spargel!

Über Stock und Stein geht es weiter Richtung Walle und Groß Schwülper. Ich fahre querfeldein und komme in einem Ort namens „Harxbüttel“ heraus. Habe ich ja noch nie gehört. Und jetzt haltet euch fest: Harxbüttel hat ein dunkles Geheimnis. Nein, nicht die Tatsache, dass zwei der drei Ehefrauen von SPD-Größe Herbert Wehner aus Harxbüttel stammen (Fun-Fact am Rande bevor es ernst wird). Es geht um Anna Rolfes. Um wen? Denkt euch zurück in das dunkle Mittelalter und zur üblen Praxis der Hexenverbrennung. Hexenverbrennungen wurden oftmals von der Kirche initiiert und damit von Männern. Meiner Meinung nach ein Vorwand um „lästige, obstinate und vielleicht den Partriarchen gefährlich werdende Personen“ (meistens Frauen) loszuwerden. Zuletzt musste in Braunschweig also 1663 Anna Rolfes aus Harxbüttel in brutaler Weise „dran glauben“.

Wo geht es denn hier zum Ball der Öl-Barone?
Nachdenklich verlasse ich Harxbüttel und fahre Richtung Lagesbüttel. Die Mittagshitze schlägt jetzt voll zu und es ist schwül geworden. Am Ortseingang fallen mir zwei Betonbunker ins Auge. Oh Mann, wäre das cool, wenn das jetzt zwei Getränkestützpunkte mit einem „kühlen Blonden“ im Angebot wären. Also Bitte, ich darf doch mal träumen! Linkerhand werden Wohnmobile feil geboten. Ach ja, hier ist nichts zu holen, schnell weiter. Ein wenig später erreiche ich Thune und erlebe die nächste Überraschung. Moment mal, ist das vor mir eine Ölförderungsanlage oder eine Fata Morgana? J.R., Miss Ellie, Bobby? Bitte zeigt euch. Fracking im Westen der Stadt? Tatsächlich, so lese ich später, soll hier nach Öl und Gas gesucht werden. Ja herrlich, dann freue ich mich bereits heute auf die Teilnahme am Ball der Öl-Barone in THUNE!

Ich erreiche erneut den Mittellandkanal, schaue noch ein wenig verträumt der ruhigen Binnenschifffahrt zu und hänge meinen Gedanken nach: Sollte ich schwarz oder lieber rot auf dem Ball tragen?

Mein Anspieltipp als Hintergrundmusik zu diesem Artikel: Warhaus, Against the rich, alternativ, weil’s immer geht: Summer Wine.

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