Apulien
Apulien, das sind für mich die „weißen“ Orte Bari, Ostuni, Cisternino, Martina Franca und natürlich Alberobello. Apulien ist aber auch Gravina in Puglia, besonders bekannt für sein imposantes Aquädukt, das es sogar in einen James Bond-Film geschafft hat. Und, Apulien ist auch Altamura, die italienische Stadt im Süden von Italien, die angeblich das beste Brot produziert. Und nicht zuletzt ist Apulien auch Trani, eine Perle an der apulischen Adria und auch das Castel del Monte, dem achteckigen Bau Friedrichs II. Ich weiß, zu Apulien gehört noch viel mehr, aber, dafür war auf dieser Rundreise leider zu knapp – aber, vielleicht auch ein Grund, nochmals zurückzukommen.
Streetfood Festival in Bari
Wir starten unsere Rundreise durch drei Regionen in Süditalien – Apulien, Basilikata und Kalabrien – in Bari. Hier landen wir an einem Samstagmorgen auf dem Flughafen und bekommen gut drei Stunden später unseren Mietwagen am Schalter von Europcar. Wir bekommen einen MG, eine englische Marke. Hatte ich bisher noch nie gehört. Ist auch besser so. Abgesehen davon, dass sich schwarze Ledersitze nicht wirklich für die italienische Hitze eignen, scheint das Navigationssystem irgendwo in den Straßenkarten der 90er Jahre stehengeblieben zu sein. In Bari wollen wir drei Tage bleiben, bevor wir nach Cosenza weiterreisen. In Bari schauen wir uns die Altstadt (Bari Vecchia) an. Wir entdecken die Basilica San Nicola, das Castello Svevo Normanno, kommen am Museo Diocesano vorbei und sind Zeuge des Fests für den Schutzheiligen der Stadt: Nikolaus. Am Hafen schlendern wir über ein Streetfood Festival. Und wie man es in Italien nicht anders erwartet, sehen alle dargebotenen Speisen sehr verlockend aus. Wir aber sind noch von der Nacht ohne Schlaf geschafft und fahren später zurück ins Hotel. Am Abend finden wir in unserer Nachbarschaft ein nettes Lokal und genießen den ersten Schwertfisch unserer Reise.
Città Bianca, Barock und Trullis
Am nächsten Tag haben wir ein straffes Programm: Ostuni, Cisternino, Martina Franca und Alberobello stehen auf dem Programm. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass das für einen Tag zu viel ist. Aber ja, da konnte ich mal wieder den Hals nicht voll kriegen:-) Aber es war so schön. Wir starten in Ostuni, der weißen Stadt auf einem Hügel, die mit einem Ensemble aus schmalen Gassen, unzähligen Bögen, steile Treppen, Balkonen und zahlreichen Fotomotiven besticht. Wir sind begeistert, auch, wenn es an diesem Sonntag hier vor Touristen nur so wimmelt. Wir schlendern von der Piazza Libertà hinauf in die Altstadt zur Via Cattedrale. Ganz oben stoßen wir dann auf den höchsten Punkt der Stadt, der Kathedrale Santa Maria Assunta. Von hier aus lassen wir uns treiben und erkunden die vielen verschachtelten Gassen der Stadt.
Orientalische Stimmung in Cisternino?
Wir ziehen weiter. Das nahegelegene Cisternino ist unser nächstes Ziel. Im Reiseführer wird von orientalischer Stimmung gesprochen, die angeblich die kleine Stadt über dem Itria-Tal durchziehe. Nun, als „Orientkennerin“ kann ich sagen, das dem nicht so ist. Trotzdem lohnt sich der Besuch. Sicherlich ist Cisternino nicht so mondän wie Ostuni, aber vielleicht macht das gerade den Charme des Ortes aus? Auf unserem Rundweg durch die Altstadt entdecken wir nicht nur viel Poesie an Häuserwändern, sondern auch eine Bar, die sich dem „Aperol Spritz“ in 25 verschiedenen Arten verschrieben hat und schwatzen mit einem sehr netten Besitzer eines Restaurants, dass uns aufgrund seiner gemütlichen und sehr geschmackvollen Einrichtung in den Bann zieht. Und: In der Umgebung rund um Cisternino entdecken wir die ersten Trulli, diese faszinierenden, weiß gekalkten Häuser mit ihren charakteristischen Kegeldächern und mysteriösen Symbolen.
Stippvisite in Martina Franca
Ich glaube, wir sind gar nicht absichtlich nach Martina Franca gefahren. Also naja, wir mussten uns zwischen Locorotondo und Martina Franca entscheiden – für beide Orte hat es zeitlich nicht gereicht. Und aus irgendeinem Grund ist es dann die Barockstadt im Itria-Tal geworden. Was für ein Glück, denn in die Stadt auf einem Hügel (passiert ja öfter in Italien) habe ich mich sehr schnell verliebt. Ob das an den Kleidern der Designerin Regina Schrecker im Palazzo Ducale lag? Möglich. Oder war es die Piazza Immacolata? Oder gar der ganz alte Stadtteil „La Lama“, den uns die nette Dame aus der Touristeninfo empfohlen hatte? Von allem ein bisschen, denke ich. Aber zunächst zum Palazzo Ducale, der für mich eine absolute Überraschung war. Wir kommen also in dieses alte, wunderschöne Gebäude und ich sehe diese atemberaubenden Kleider. Ich bin überwältigt und kann gar nicht sagen, welche Gewand mir am besten gefällt. Was für eine ungeplante und deshalb umso schönere Überraschung. Diese Ausstellung, fantastisch! Aber das ist noch nicht alles. Es gibt eine weitere Ausstellung im Palazzo. Diese allerdings ist genau das Gegenteil von Eleganz, Anmut und savoir vivre. Es geht um „mostri„, menschliche Monster, sowohl aus der Vergangenheit als auch aus der Gegenwart. Erschreckend, aufwühlend und wichtig in ihrer Dimensionalität.
Ein architektonisches Kleinod
Nach dieser wichtigen Geschichtsstunde darf es aber auch wieder erfreulichere Kost geben. Wir gehen zur Piazza Immacolata und genießen die Atmosphäre dieses herrlichen Platzes mit einem halbrunden Rondell aus Mauerwerk und verlockenden Bars und Restaurants. Hier gönnen wir uns eine Verschnaufpause bevor wir zum Abschluss noch durch den Stadtteil „La Lama“ streifen. Mir jedenfalls hat Martina Franca sehr gut gefallen. Aber, da ist ja noch Alberobello, die Stadt der Trullis. Also wieder ins Auto und weiter zur letzten Station des heutigen Tages. Wir erreichen Alberobello am frühen Abend. Das sanfte Licht verleiht dem Ort eine wunderschöne Atmosphäre. Glücklicherweise sitzen die meisten Touristen bereits beim Abendessen, sodass wir uns weitestgehend ungestört umsehen können. Und ja, obwohl ich normalerweise außer Magneten keine Souvenire kaufen, wird es diesmal zusätzlich ein Glücksbringer, das sind die traditionellen fischietti portafortuna. Dreimaliges beherztes Pfeifen soll jegliche Trübsal vertreiben. Klingt doch gut!
Nach diesem langen Tag hat uns jetzt aber auch der Hunger erwischt. Wir suchen uns ein Restaurant, zunächst in der „Fuze“ von Alberobello. Wir landen in einem Kellergewölbe. Nach einem genaueren Blick in die Menükarte fühlen wir uns preislich jedoch ein wenig verarscht und entscheiden uns für einen zweiten Versuch. Weiter oberhalb in der Nähe der Kirche finden wir ein nettes, familiengeführtes Restaurant mit vernünftigen Preisen und gutem Essen. Allerdings kann ich mir bis heute nicht erklären, was mich an dem Abend geritten hat, dass ich uns einen Liter Wein bestellt habe?
Pilgerweg Via-Francigena – lasst es sein!
Nach der „Stadtrundfahrt“ am vergangenen Tag wollen wir heute eine kleine Wanderung unternehmen. Wir bemühen das Internet und werden auf den Pilgerweg Via Francigena aufmerksam. Da wir zunächst zum viel gelobten Castel del Monte wollen, bietet sich im Anschluss die Etappe von Trani nach Barletta an. Das ist die Etappe 5 auf dem Pilgerweg und soll eine Küstenwanderung sein, klingt ja gut. Von Barletta wollen wir dann den Zug zurück nach Trani nehmen, wo unser Auto steht. Zunächst aber steht etwas Geschichte auf dem Plan. Das Castel del Monte wird im Reiseführer als „alles überragend und geheimnisvolle achteckige Burg des Staufers Friedrich II“ angepriesen. Klingt also so, als müsste man den Bau unbedingt gesehen haben. Dort angekommen lassen wir den ersten Parkplatz weit unten am Gelände sprichwörtlich links liegen und fahren den Hügel hinauf. Eine weise Entscheidung, wie sich im Nachhinein zeigt. Wir finden also quasi direkt neben der Burg einen Parkplatz für 5,00 Euro (kostet es weiter unten auch) und folgen dem Strom zum Eingang. Eine Schulklasse befindet sich direkt vor uns, weitere Busse kommen gerade die Anhöhe hinauf. Links und rechts von uns, na klar, haben sich die Souvenirhändler postiert.
Im Reiseführer hatte ich allerdings auch gelesen, dass es in der Burg gar nichts zu sehen gebe, also keine Möbel oder so. Wir gehen also zur Kasse. Hier möchte man 10 Euro Eintritt von uns haben. Ich frage die Dame am Schalter, was es denn zu sehen gebe. Sie überlegt kurz und sagt dann „nichts“, außer halt den Mauern von innen. Daraufhin entscheiden wir uns gegen den Besuch der Räumlichkeiten, umrunden noch einmal die Burg und ziehen dann weiter Richtung Trani. Wir finden einen guten, kostenlosen Parkplatz in der Nähe des Bahnhofs und machen uns auf zum Ausgangspunkt unserer Wanderung. Wir kommen am schönen Hafen von Trani vorbei, passieren die eindrucksvolle Kathedrale von Nicola Pellegrino und das Castello Svevo. Dann ist es leider auch erstmal vorbei mit den pittoresken Bauten. Es geht entlang der Ausfallstraße, die uns zu einem Industriegebiet führt. Hier kämpfen wir uns durch und wollen schon aufgeben, als wir das Schild zum Pilgerweg entdecken. Okay, wir sind zumindest in der Nähe des Meeres, von hier an muss die Strecke ja besser werden. Denkste! Der Weg führt weder direkt an der Küste entlang, noch ist dieser besonders fuß- oder gelenkschonend, wir laufen nämlich die ganze Zeit auf Asphalt. Zudem ist die Strecke – obwohl das keine offizielle Straße ist – recht befahren und links und rechts gibt es außer Sträuchern in der Ferne nur Industriebauten zu sehen. Mit anderen Worten: lasst es sein! Nach 3,5 Stunden und ziemlich entnervt erreichen wir Barletta. Hier gönnen wir uns ein kühles Getränk in der Nähe des Stadtstrands und erholen uns ein wenig von den Strapazen. Quer durch die Stadt geht es zum Bahnhof. Leider haben wir unseren Zug um 10 Minuten verpasst und müssen nun 50 Minuten auf den nächsten warten. Aber, die Fahrt zurück nach Trani kostet pro Person lediglich 1,30 Euro und – jetzt haltet euch fest – der Zug ist pünktlich (schönen Gruß an die Deutsche Bahn)!
Nepper, Schlepper, Touristenfänger!
Zurück in Trani gehen wir vom Bahnhof zum Auto und fahren nochmals zum Hafen. Hier wollen wir zu Abend essen. Wir haben uns bereits ein Restaurant mit Terrasse herausgesucht und wollen uns setzen. Eine ziemlich aufdringliche Angestellte, die wohl die Aufgabe hat, Touristen in das Lokal zu locken (so beobachten wir es jedenfalls) führt uns an einen Tisch. Unaufhörlich redet sie in einem Affentempo auf uns ein und will uns teures Tafelwasser, eine Vorspeise und so weiter verkaufen. Als sie merkt, das wir nur einen Hauptgang bestellen möchten, endet ihre Freundlichkeit ziemlich abrupt und wir werden für den Rest des Abends links liegen gelassen – was wir aber eigentlich auch nicht wirklich schlimm finden. Wir haben unsere Lektion gelernt und werden bei der Auswahl unserer Restaurants künftig sorgfältiger vorgehen. Trotzdem hat uns Trani als Stadt gut gefallen, besonders die Gegend um den Hafen ist abends mit der Beleuchtung sehenswert.
Das Aquädukt von dem James Bond sprang
Am nächsten Tag verlassen wir Apulien und brechen nach Kalabrien, genauer gesagt Cosenza, auf. Erst am Ende unserer Reise, tatsächlich am letzten Tag, kehren wir noch einmal zurück und besichtigen Gravina in Puglia und Altamura. Gravina in Puglia (GiP) ist so etwas wie die kleine Schwester von Matera. Wie wir überhaupt auf GiP gekommen sind? Naja, praktisch über James Bond, also seinen letzten Film. Einige Szenen wurden in Matera und eben in GiP gedreht, namentlich auf dem Aquädukt, das über die Schlucht führt. Die Brücke ist 37m hoch, 90m lang und 5,5m breit. Gravina ist insgesamt um einiges ruhiger und beschaulicher als Matera. Auf dem Aquädukt ist natürlich jede Menge los, da halten ja auch die Busse. Neben dem Besuch der Brücke lohnt sich definitiv die Besichtigung der Chiesa Rupestre San Michele delle Grotte mit ihrer beeindruckenden Krypta.
Von Gravina in Puglia machen wir uns auf nach Altamura, der Stadt des Brotes. An diesem Wahrzeichen kommt man in der Altstadt auch definitiv nicht vorbei. Uns schien es sogar, als gebe es einen Wettstreit darum, wer die älteste Bäckerei der Stadt ist. Da ist zum einen der
Antico Forno Santa Caterina dal 1306 und zum anderen der Forno Antico Santa Chiara. Ersterer ist etwas besser positioniert. Es wird Musik gespielt, Wimpel hängen überall und Schlangen von Touristen machen sich vor den Toren breit. Wir ziehen weiter und stoßen durch Zufall auf den Forno Antico Santa Chiara. Hier geht es viel ruhiger zu. Es gibt ein paar schattige Sitzplätze im Außenbereich, die zu einer entspannten Pause einladen. Und klar, ein Brot haben wir natürlich auch gekauft. Das war so frisch, dass es nicht nur den Rückflug nach Deutschland überlebt hat, sondern sich hier auch noch eine Woche lang frisch gehalten hat. Das nenne ich Qualität und köstlich geschmeckt hat es auch!
Nach der Stärkung besichtigen wir noch die Kathedrale Santa Maria Assunta auf der Piazza Duomo, am Corso Federico II. Diese ist sehr beeindruckend und sehr schön. Den Tag aber schließen wir mit einem Besuch im Café Roncchi ab, wo wir unbedingt den „Padre Peppe“ einen Nusslikör probieren wollen. Ein wirklich schöner Abschluss eines gelungenen Tages und einer großartigen Rundreise.
