Christina/ April 15, 2020/ Philosophisches

Ein Podcast hat mich kürzlich zum Nachdenken gebracht; das Resultat ist eine Recherche. Es geht darum, was Freundschaft ist und welche Spielarten sie annehmen kann. Das Thema wird durch die Corona-Krise in ein neues Licht gerückt, denn nie waren Freundschaften so wertvoll wie eben gerade jetzt.

Und doch hatte ich schon länger die Vermutung, dass Freund nicht gleich Freund ist und Freundschaft unterschiedliche Formen haben kann. Neu war für mich das simple und zugleich faszinierende philosophische Konzept von Aristoteles. Der griechische Philosoph bringt das Wesentliche bereits in der Antike auf den Punkt. Als höchstes Ziel gilt es, einen Freund der dritten Art zu haben.

Kein Marsmännchen
Dabei handelt sich nicht etwa um einen Außerirdischen. In seiner Nikomachischen Ethik formuliert Aristoteles zunächst sein Verständnis von Glückseligkeit als höchstes Erstreben eines Menschen, weil es das einzig Gute ist, das keinen Zweck verfolgt. Eine der Bedingungen, um dieses glückliche Leben zu erreichen, sieht der Philosoph in der Freundschaft.

Weiterhin kategorisiert er drei Arten von Freundschaft: eine Lustfreundschaft, eine Nutzenfreundschaft und eine Tugendfreundschaft. Was hat es nun damit auf sich? Nun, hier geht es letztendlich um das Motiv für eine Freundschaft. Während sich die Freundschaftsformen eins und zwei als Zweckbündnisse bezeichnen ließen, handelt es sich bei der dritten Form um die altruistische Variante, der Freundschaft um des Freundes Willen, die nichts anstrebt, außer das Wohlergehen des jeweils anderen.

Wer verschafft mir Freude, wer kann mir nützlich sein?
Wie definieren sich aber die beiden ersten Arten? Bei der Lustfreundschaft geht es keineswegs um Sex, zumindest nicht in erster Linie. Nein, in diese Kategorie fallen Freundschaften, die dem Spaß-Haben dienen. Menschen, mit denen ich ein Hobby ausüben kann oder die mit mir gemeinsam „um die Häuser“ ziehen. Bei der Nutzenfreundschaft gilt dann „Nomen est Omen“. In diesem Falle mache ich mir Personen zu Freunden, von denen ich mir einen Nutzen verspreche.

In keiner der beiden Varianten geht es mir also in erster Linie um den anderen, sondern es geht mir um den eigenen Gewinn. Kennzeichnend dafür ist, dass diese Arten von Freundschaft meist nicht von langer Dauer sind, denn ist das Ziel der Freude bzw. des Nutzens erreicht, so mag der andere schnell sein Attraktivität für mich verlieren. Vielleicht kommt aus dieser Überlegung das Sprichwort im Volksmund: „Wahre Freunde erkennt man in der Not“. Der Freund, der in der Not für mich da ist, ist dann ein Freund der dritten Art. Und vermutlich, so die Annahme von Aristoteles, teilen wir dann auch zwei wichtige Tugenden miteinander: die Tugend der Vernunft und die Tugend der Ethik.

Nur Freundschaft zwischen den Tugendhaften hat Bestand
Aristoteles spezifiziert beide Tugenden näher. Unter der Tugend der Vernunft subsumiert er Weisheit, Klugheit und Auffassungsgabe. Unter der Tugend der Ethik versteht er Großzügigkeit und Besonnenheit. Angesichts dieser Vorbedingungen, die so möchte ich sagen, in der postmodernen Welt fast antiquiert anmuten, verwundert es mich nicht, dass der Gelehrte die Freundschaft der dritten Art sowohl für erstrebenswert als auch für selten hält.

Freund oder Bekanntschaft?
Die Überlegungen von Aristoteles halte ich für hochspannend und für einen guten Anlass, einmal die eigene Einstellung zu Freundschaften und dem eigenen Freundeskreis zu reflektieren, auf dass das Ergebnis nicht zu ernüchternd sei. Persönlich, so räume ich ein, hat mir diese Art der Klassifizierung einige Erkenntnisse beschert, mit denen ich Ereignisse aus der Vergangenheit nun besser einordnen kann. Für mich habe ich Freundschaft der ersten und zweiten Art bisher eher als „gute Bekanntschaften“ eingeordnet, die teilweise tatsächlich nicht mehrere Jahre überdauert haben oder von denen ich mir vielleicht auch mehr versprochen hatte, als der andere tatsächlich zu geben bereit war.

Denn auch das ist ein wichtiger Punkt in Aristoteles‘ Überlegungen: Eine Freundschaft der dritten Art kann es nur dann geben, wenn das Interesse daran beiderseitig vorhanden ist.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen mindestens eine Freundin bzw. einen Freund der dritten Art!

Zum Weiterlesen bzw. -hören:

  • Der Podcast von Gabor Steingart mit Prof. Dr. Marina Münkler über Freundschaft in Zeiten von Corona.
  • Über die Freundschaft. Eine philosophische Betrachtung. Vortrag an der Academia Philosophia.
  • Khalil Gibran: „Von der Freundschaft„.
  • Nikomachische Ethik. Definition.
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