Christina/ Dezember 11, 2018/ Kategorien, Philosophisches

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und nun ist es doch passiert. Die Börsen-Gurus haben kurz vor dem großen Fest aller Zuversicht eine Absage erteilt: „Die Hoffnung auf eine Jahresendralley haben mittlerweile praktisch alle aufgeben“ heißt es aus Fachkreisen. Warum das trotz allem kein Grund ist, den Kopf in den Sand zu stecken? Die Antwort ist denkbar einfach: In den internationalen Vorstandetagen darf auch dieses Jahr wieder mit Schampus, Kaviar und Escort-Damen ausgiebigst gefeiert werden.

Supermann rettet die Welt

Diese Börsennachricht mag also den Kleinanleger schockieren, die Großanleger haben ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht. Eine Untersuchung des Economic Policy Institute (https://www.epi.org/) hat ergeben, dass CEOs in den USA im Jahr 2017 312 Mal mehr Geld verdient haben als ihre Angestellten durchschnittlich. Bei McDonalds liege der Faktor sogar bei 3.101. Moment mal: wirklich verdient? Also ist die Leistung eines einzelnen Menschen wirklich 312-mal mehr wert als die eines „Untergebenen“? Klasse, einen solchen „Supermann“ würde ich gerne mal kennenlernen. Der kann bestimmt auch Krebs heilen, das Klima retten, die Migrationskrise und den weltweiten Populismus beenden. Gerade rechtzeitig zum Weihnachtsfest. Grandios.
Wie das geht? Das Zauberwort heißt „Aktienrückkäufe“, wie uns Journalist und Buchautor Gabor Steingart in seinen heutigen Morning-Briefing wissen lässt: „Da der Aktienkurs und die Boni in aller Regel zugunsten der Top-Manager aneinander gekoppelt sind, nutzt dieser Aktienrückkauf so nebenbei auch der eigenen Jahresgratifikation. Die Weihnachtsgeschichte erfährt in den Chefetagen ihre zeitgemäße Interpretation: Der Vorstandsvorsitzende begegnet uns als sein eigener Weihnachtsmann. Den Sack, den er auf seinem Schreibtisch platziert, hat er vorher eigenhändig gefüllt.“ Chapeau!

Carlos macht es sich selbst

Und besonders stolz dürfen wir in diesem Jahr auf die Automobilindustrie sein. Nein, nicht wegen der Entwicklung der Aktienkurse. Da ist eher Frust angesagt. Aber wirklich froh bin ich, dass sich so sympathische und sozial eingestellte Menschen wie Carlos (Ghosn) endlich mal wieder eine neue Yacht bestellen können oder sich ein neues Domizil in London, Paris oder sonstewo gönnen. Mit völlig angemessenen (und trotzdem nicht ausreichenden) 78 Millionen Euro Gehalt in fünf Jahren hat es der liebe Carlos in letzter Zeit zu viel Aufmerksamkeit in der Weltpresse gebracht. Und ja, ich gebe es zu, ein einsames Tränchen lief mir über die Wange als ich mir in einer ruhigen Minute vorstellte, wie hart es für den Carlos sein muss, Weihnachten eventuell in einer einsamen Zelle in Japan, weitab von seinen Lieben, verbringen zu müssen. Schnief. Und das, wo er über lange Strecken Großartiges geleistet hat – und das ist nun der Dank, für ein bisschen hinterzogenes Geld? Hier muss ich wirklich um Verständnis bitten, der Herr hat doch seine Ausgaben!
Und hier noch ein Tipp für alle, die sich gerne zu den Ultra-Vermögenden zählen möchten: Wenn ihr mehr als 50 Millionen Dollar (davon ist selbstverständlich jeder Dollar menschenrechtlich einwandfrei verdient) auf der hohen Kante habt, dann heißt es jetzt: Willkommen im Klub. Allein in Großbritannien gibt es mittlerweile stolze 4.670 davon, also naja, so ganz exklusiv ist das auch nicht mehr.

Reich sein für Dummies

Wie man an so viel Geld kommt? Naja, eins dürfte sicher sein, das Sparbuch der Oma zu plündern wird in den wenigsten Fällen ausreichend sein. Aber zum Glück gibt es ja so lukrative Geschäfte, wie z.B. den Waffenhandel. Dieser erfreut sich seit drei Jahren ansehnlicher Wachstumsraten. Auf Platz eins der weltweiten Produzenten, wie immer ungeschlagen, unsere amerikanischen Freunde mit 57 % aller Waffenverkäufe. Erstmals auf Platz zwei konnte sich Russland mit 9,5 % vorkämpfen, gefolgt von Großbritannien. Auch Deutschland kann mit 2,1 % immer noch einen passablen Rang für sich verbuchen.

Jenseits allem Sarkasmus ist die Tragik hinter diesen Geschäften niederschmetternd. Dabei denke ich beispielsweise an den Teufelskreislauf, der uns in einer bis dahin nie gekannten Flüchtlingswelle im Sommer 2015 erstmals erreicht hat. Die Frage der (Wirtschafts-)Flüchtlinge beschäftigt gleichermaßen Politik und Gesellschaft seit mehr als drei Jahren. Leider, so ist zu konstatieren, wird sie im öffentlichen Diskurs immer wieder als Feigenblatt missbraucht, um Symptome anstelle von Ursachen zu behandeln. Letztendlich bleibt dahinter immer wieder die ungelöste Frage danach stecken, wie geostrategische Ansprüche, ökonomische Forderungen und die Erlangung eines selbstbestimmten Lebens der Bürger in den Flüchtlingsgebieten in Einklang zu bringen sind. Schnell wird deutlich: das ist alles andere als eine einfach zu beantwortende Frage. Und dies in erster Linie deshalb, weil die Antwort eine unbequeme Wahrheit enthalten könnte. Eine Kröte, die die Öffentlichkeit nicht gerne schluckt und möglicherweise einen Politiker sein Amt kosten könnte. Und genau darin liegt die Krux, denn die Frage aus Sicht eines Politikers lautet: Kann ich mein Amt behalten, wenn ich dem Wähler sage, dass sein Lebensstandard zur Ungleichheit in der Welt beiträgt?

Empowerment statt Spendenglück?

Was also machen? Sich nicht die Laune verderben lassen und auch in diesem Jahr zu Silvester mal wieder die Korken knallen lassen, trotz oder gerade wegen dieser Misere? Oder, wie wäre es hiermit: Warum lassen wir nicht einfach mal die Menschen in den betreffenden Regionen für sich selbst sprechen und hören ihnen aufmerksam zu, anstatt uns über die Kirchenkollekte oder die obligatorische Weihnachtsspende ein gutes Gewissen zu verschaffen? Wer mehr darüber erfahren möchte, dem sei der Essay von Gernot Wolfram „Die Kunst, für sich selbst zu sprechen“ wärmstens empfohlen, in dem der Autor eben genau dieser Frage nachgeht.

Lesetipp:
Gernot Wolfram: Die Kunst, für sich selbst zu sprechen (Essay), Schriftenreihe Band 10239.

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