Kreise ziehen: Wie Frauen gegen die Mauer der Männerwelt ankämpfen
Stell dir vor, du sagst einfach „Nein“
Stell dir vor, du wachst auf und die Welt sagt dir, wohin du gehörst: In die Küche, an den Herd, an die Seite eines Mannes. Und stell dir vor, du sagst einfach „Nein“. Du steigst in ein Flugzeug, das kaum größer ist als ein Käfig aus Metall und Hoffnung, und fliegst dorthin, wo die Karten leer sind.
Das ist die Geschichte von Marian Graves in Maggie Shipsteads monumentalem Roman „Kreise ziehen„.
Von der Schnapsläuferin zur Pilotin – der Preis des Traums
Marian wächst ohne Eltern beim Onkel auf – einem armen Künstler, der sich kaum um die Kinder kümmert und sein Geld lieber beim Kartenspiel verjubelt. Früh muss sie erwachsen werden. Um sich Flugstunden zu leisten, die ihr zunächst kein Mann geben will, verdient sie sich ihr Geld mit der Auslieferung von illegalem Schnaps.
Dann trifft sie Barclay. Zufällig, bei einer Auslieferung in einem Bordell. Er greift ihr unter die Arme: bezahlt ihre Flugstunden, kauft ihr ein Flugzeug. Doch der Preis ist hoch. Sie soll sein, wie er sie haben will. Er will ein Kind – nicht aus reiner Sehnsucht, sondern als Mittel zum Zweck, um sie zu binden, sie vom Fliegen abzuhalten und jede Möglichkeit zu nehmen, ihn zu verlassen.
Als der Zweite Weltkrieg kommt, darf sie endlich fliegen – doch sie hat gelernt: Bindungen kosten Freiheit. Nach der Flucht vor dem gewalttätigen Barclay landet sie in Alaska. Dort entscheidet sie sich: Keine Ehe, keine Verpflichtungen. Beziehungen wählt sie frei – so wie Männer es tun dürfen.
Warum dieses Buch aus den 1950ern heute noch brennend aktuell ist
Weil die Wände, gegen die Marian prallte, nicht vollständig eingerissen sind. Als ich in meine Jugend zurückdenke, erinnere ich mich an das leise, aber beständige Rauschen im Hintergrund: Studieren? Ja, aber heiraten solltest du auch bald. Karriere machen? Schön und gut, aber vergiss nicht, Kinder zu bekommen. Auch damals war das „selbstbestimmte Leben“ für Frauen kein Selbstläufer, sondern ein ständiger Balanceakt in einer Männerwelt, die ihre Macht nicht gerne teilte.
Und heute? Heute fühlen wir uns manchmal, als würden wir rückwärts laufen. Eine aktuelle IPSOS-Studie zum Weltfrauentag 2026 („Sie sagt, er sagt“) zeigt ein erschreckendes Bild: In Deutschland klafft beim Thema Gleichstellung eine massive Geschlechterlücke. Beim Thema Rollenbilder, Arbeitsteilung und Frauen in Führungspositionen sind sich Männer und Frauen fundamental uneinig. Der Fortschritt, den wir für selbstverständlich hielten, scheint brüchig. Shipsteads Roman wirkt da wie ein Warnruf aus der Vergangenheit, der sich wie ein Echo in unserer Gegenwart anhört.
Was Frauen leisten müssen, um die gleichen Rechte zu haben wie Männer
Doch „Kreise ziehen“ ist keine einfache Heldengeschichte. Es ist eine schonungslose Analyse dessen, was Frauen leisten müssen, um die gleichen Rechte zu haben wie Männer.
Marian zahlt ihren Preis. Nicht mit Geld, sondern mit der ständigen Abwehr von Kontrolle. Ihre Beziehungen sind oft nur beiläufige Affären, kurze Berührungen in einem Leben, das zu groß für die gewöhnliche Nähe ist. Caleb, ihr Jugendfreund, bleibt ihr ewig verbunden – auch wenn ihre Beziehung nie den offiziellen Status der Ehe oder des Zusammenlebens erhält. Vielleicht ist das die einzige Form der Liebe, die mit Freiheit vereinbar ist, wenn Männer versuchen, diese Freiheit zu ersticken.
Mein Weg: Von der Einsamkeit zur Freiheit – eine persönliche Geschichte
Und ich kenne das Gefühl. Auch ich hatte Beziehungen, in denen die Männer nicht akzeptieren konnten, dass ich meinen eigenen Willen habe, meine eigenen Entscheidungen treffe und mich nicht durch Ehe oder Kinder in die Abhängigkeit eines Mannes begeben will. Lange Zeit sah es auch für mich so aus, als würde ich dafür den Preis der Einsamkeit zahlen müssen. Recht spät, aber noch rechtzeitig, habe ich den Mann getroffen, bei dem ich mich gesehen, geborgen und trotzdem frei fühlen darf. Ein Geschenk, das ich gar nicht hoch genug einschätzen kann. Aber allein dafür hat sich mein Freiheitskampf, den ich bis dahin führen musste, gelohnt.
Fazit: Ein Buch, das Mut macht
Dieses Buch fordert dich heraus. Es fragt dich, ob du bereit bist, den Preis für deine eigene Freiheit zu zahlen. Ob du bereit bist, allein zu sein, um ganz du selbst zu sein. Es ist ein Roman für alle, die verstehen wollen, was es bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen – gestern, heute und morgen.
Leseempfehlung: Für alle, die keine oberflächlichen Liebesgeschichten suchen, sondern tief graben wollen. Für alle, die wissen wollen, wie weit man gehen muss, um wirklich frei zu sein. Und für alle starken Frauen, die noch auf ihren Partner warten, der ihre Freiheit nicht bedroht, sondern feiert.
