Christina/ Oktober 19, 2020/ Alltagsgeschichten

Wir gehen auf unseren ersten Corona-Winter zu und es wird ernst: Die Rede ist wieder vom Abstand halten, vom Maskentragen, von der sozialen Isolation. Bevor wieder alles dicht gemacht wird, brauche ich noch etwas für’s Herz, etwas das ich in mir tragen kann für die dunklen kalten Tag in Einzelhaft: Einen Märchenwald. Und wo finde ich den? Richtig am Harzrand bei Bad Grund. Und genau da ging es heute hin. Wir treffen auf König Hübich und sein Zuhause, wir begegnen einem Schweinebraten mitten im Wald und wandern kurzzeitig in Kanada. Wie gut, dass es den Harz gibt, sonst müsste ich diesen glatt erfinden. Begleitet mich also auf einer kleinen Märchentour weitab vom Alltagsstress.

Auf dem Weg in den Keller
Wir starten unsere Runde am Ortsausgang von Münchehof Richtung Wildemann. Wir wandern entlang des Pendelbachtals und lauschen dem Rauschen des gleichnamigen Gewässers, das z.Zt. so viel Wasser trägt, sodass es sogar für einen kleinen Wasserfall ausreicht.

Nach einer guten Weile und einem leichten aber stetigen Anstieg erreichen wir unser erstes Ziel: die Gedenkstätte Wimmerstein. Der Name des Steins kommt nicht von ungefähr: „An dieser Stelle fanden Nachbarn und Freunde Friedrich Wiemer. Nach einem Verwandtenbesuch in Lautenthal geriet er auf dem Heimweg in einen Schneesturm und erfror. Am 14.2.1847 wurde er in Bad Grund begraben“, so lautet der Text auf einer Erinnerungstafel. Christian hat die Geschichte noch ein wenig weitergesponnen und erzählt, dass beim Verwandtenbesuch doch reichlich Alkohol geflossen sei und Wiemer schwer angesäuselt auf dem Rückweg einfach die Orientierung verloren hätte. Ob es wohl um das Erbe ging?

Vom Wimmerstein aus geht es nun in den Keller. Nein, nicht das, was ihr denkt. Der Keller ist eine Schutzhütte oberhalb der Gedenkstätte. An der Schutzhütte biegen wir rechts ab Richtung „Spinne“, einem Wanderdrehkreuz, wenn man so will.

Die Feuertaufe auf dem Iberger Albertturm
An der Spinne orientieren wir uns wieder rechts. Am Kalkwerk Winterberg machen wir noch einen kleinen Stopp. Kurze Zeit später erreichen wir das nächste Ziel, den Iberger Albertturm. Nun, da der Herr bekanntlich vor das Vergnügen den Schweiß gesetzt hat, gehen wir zunächst auf den Albertturm bevor wir uns in der dazugehörigen Gaststätte eine Kaffeepause gönnen.

Der Blick vom Turm auf den herbstbunten Wald ist wirklich sehr schön. Bis nach Bad Grund können wir von hier oben schauen, auch wenn die Sicht leider etwas neblig ist.

Im Lokal stellen wir fest, dass die Gaststätte ein Bierschutzgebiet ist. Das sind ja schon einmal gute Voraussetzungen für einen gemütlichen Aufenthalt. Wir bleiben zur Mittagszeit jedoch erstmal bei unserem Kaffee und fragen die freundliche Bedienung, wie hoch denn der Turm sei. Nun, die Höhe wisse sie nicht, aber sie kann uns sagen, dass es 182 Stufen bis nach oben sind. Aha, wir erkundigen uns, vorher sie das so genau wisse. Nun, das sei ihre Feuertaufe gewesen, als sie den Job im Lokal begonnen habe. Sie musste den Turm hochgehen und die Stufen zählen und wenn sie sich verzählt hätte, dann hätte sie nochmals gehen müssen. Na, ist ja nochmal gut gegangen.

Am Schweinebraten vorbei
Es ist Mittagszeit als wir den Schweinebraten erreichen. Naja, für mich als Vegetarierin ist das natürlich keine Verlockung und ich bin mir auch nicht sicher, wie knusprig der Braten bei dieser doch feuchten Witterung wird. Um das Rätsel aufzulösen: Der Schweinebraten ist eine bedeutende Wegekreuzung am Osthang des Ibergs nördlich von Bad Grund. Von hier aus verlaufen sternförmig Wege in alle Richtungen. Geht man nach Südosten, dann kommt man zum Taternplatz an der Bundesstraße 242.

Im Märchental
Wir folgen also der Südostroute und kommen zunächst am HöhlenErlebnisZentrum vorbei. Hier überqueren wir die Bundesstraße und erreichen die König-Hübchen-Route im Märchental. Ach wie schön. Christian erzählt mir gerade von seinen Kindheitserinnerungen aus den 70er Jahren als das Märchental in voller Blüte stand und man Kinder mit Fantasiefiguren noch begeistern konnte.

Als wir um die Ecke biegen erleben wir tatsächlich unser Sagenwunder: Das Märchental ist wieder auferstanden, renoviert und bietet ab sofort aufs Neue verschiedene Angebote für Kinder und Erwachsene. Das finden wir gut, genau das Richtige, um eine Weile dem grauen Alltag zu entfliehen.

Heute haben wir allerdings keine Zeit, denn wir wollen den Zwergenkönig Hübich in seinem sagenumworbenen Heim besuchen, den Hübichenstein (449m). Durch das Teufelstal geht es weiter zur Ibergsiedlung, die 1938 angelegt wurde. Christian erzählt mir, dass hier Gastarbeiter aus Südtirol mit ihren Familien angesiedelt wurden, um im benachbarten Steinbruch Winterberg zu arbeiten.

Dann erreichen wir den Hübichenstein. Hübich ist der Sage nach Herr über diesen Kalksteinfelsen, der von einem Adler bewacht wird. Zudem ist der Felsen ein toller Aussichtspunkt oberhalb von Bad Grund und bereits von weitem gut zu erkennen.

Wandern in Kanada
Nur wenige Meter hinter dem Hübichenstein beginnt der WeltWald Harz bei Bad Grund. Da erwischen wir gerade die richtige Jahreszeit, die Wälder stehen in voller Farbenblüte – herrlich. Aufgrund der Herbstferien ist hier natürlich einiges los. Wir nehmen am Eingang den Horizontalweg und befinden uns laut Ausschilderung im „kanadischen Teil“ des Waldes. Vom Horizontalweg hat man einen sehr schönen Blick auf die Bad Grundner Täler und die ehemalige Arbeitersiedlung Iberg. Wir erreichen die Kreuzung am Koreaweg und nehmen den Ausgang zur Straße. Von hier geht es am Waldrand entlang über die Straße und rechter Hand auf einen Landwirtschaftsweg, der leider nicht ausgeschildert ist. Zum Glück ist Christian diesen Weg bereits am Vorabend mit dem Mountainbike abgefahren, sodass wir „safe“ sind.

Vorbei an neugierigen Kühen und Pferden stapfen wir über den recht matschigen Weg und erreichen das Rabental. Nochmals überqueren wir die Straße und gelangen über einen abermals nicht ausgeschilderten Weg in Richtung Münchehof. Wir gehen ein Stück am Förderband der Fels-Werke GmbH entlang, eine mächtige Mauerschlange, die von weitem fast wie die ehemalige deutsch-deutsche Grenze wirkt. Über einen Feldweg erreichen wir unseren Ausganspunkt in der Nähe der Schutzhütte am Pendelbach. Eine wirklich schöne Runde, die mit ca. 18 km und vielen interessanten Punkten entlang der Strecke einen wunderbaren Sonntagsausflug darstellt.

Share
Share this Post