[:de]Lasset die Korken ruhig knallen![:en]Let the corks pop![:]
[:de]Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und nun ist es doch passiert. Die Börsen-Gurus haben kurz vor dem großen Fest aller Zuversicht eine Absage erteilt: „Die Hoffnung auf eine Jahresendralley haben mittlerweile praktisch alle aufgeben“ heißt es aus Fachkreisen. Warum das trotz allem kein Grund ist, den Kopf in den Sand zu stecken? Die Antwort ist denkbar einfach: In den internationalen Vorstandetagen darf auch dieses Jahr wieder mit Schampus, Kaviar und Escort-Damen ausgiebigst gefeiert werden.
Supermann rettet die Welt
Diese Börsennachricht mag also den Kleinanleger schockieren, die Großanleger haben ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht. Eine Untersuchung des Economic Policy Institute (https://www.epi.org/) hat ergeben, dass CEOs in den USA im Jahr 2017 312 Mal mehr Geld verdient haben als ihre Angestellten durchschnittlich. Bei McDonalds liege der Faktor sogar bei 3.101. Moment mal: wirklich verdient? Also ist die Leistung eines einzelnen Menschen wirklich 312-mal mehr wert als die eines „Untergebenen“? Klasse, einen solchen „Supermann“ würde ich gerne mal kennenlernen. Der kann bestimmt auch Krebs heilen, das Klima retten, die Migrationskrise und den weltweiten Populismus beenden. Gerade rechtzeitig zum Weihnachtsfest. Grandios.
Wie das geht? Das Zauberwort heißt „Aktienrückkäufe“, wie uns Journalist und Buchautor Gabor Steingart in seinen heutigen Morning-Briefing wissen lässt: „Da der Aktienkurs und die Boni in aller Regel zugunsten der Top-Manager aneinander gekoppelt sind, nutzt dieser Aktienrückkauf so nebenbei auch der eigenen Jahresgratifikation. Die Weihnachtsgeschichte erfährt in den Chefetagen ihre zeitgemäße Interpretation: Der Vorstandsvorsitzende begegnet uns als sein eigener Weihnachtsmann. Den Sack, den er auf seinem Schreibtisch platziert, hat er vorher eigenhändig gefüllt.“ Chapeau!
Carlos macht es sich selbst
Und besonders stolz dürfen wir in diesem Jahr auf die Automobilindustrie sein. Nein, nicht wegen der Entwicklung der Aktienkurse. Da ist eher Frust angesagt. Aber wirklich froh bin ich, dass sich so sympathische und sozial eingestellte Menschen wie Carlos (Ghosn) endlich mal wieder eine neue Yacht bestellen können oder sich ein neues Domizil in London, Paris oder sonstewo gönnen. Mit völlig angemessenen (und trotzdem nicht ausreichenden) 78 Millionen Euro Gehalt in fünf Jahren hat es der liebe Carlos in letzter Zeit zu viel Aufmerksamkeit in der Weltpresse gebracht. Und ja, ich gebe es zu, ein einsames Tränchen lief mir über die Wange als ich mir in einer ruhigen Minute vorstellte, wie hart es für den Carlos sein muss, Weihnachten eventuell in einer einsamen Zelle in Japan, weitab von seinen Lieben, verbringen zu müssen. Schnief. Und das, wo er über lange Strecken Großartiges geleistet hat – und das ist nun der Dank, für ein bisschen hinterzogenes Geld? Hier muss ich wirklich um Verständnis bitten, der Herr hat doch seine Ausgaben!
Und hier noch ein Tipp für alle, die sich gerne zu den Ultra-Vermögenden zählen möchten: Wenn ihr mehr als 50 Millionen Dollar (davon ist selbstverständlich jeder Dollar menschenrechtlich einwandfrei verdient) auf der hohen Kante habt, dann heißt es jetzt: Willkommen im Klub. Allein in Großbritannien gibt es mittlerweile stolze 4.670 davon, also naja, so ganz exklusiv ist das auch nicht mehr.
Reich sein für Dummies
Wie man an so viel Geld kommt? Naja, eins dürfte sicher sein, das Sparbuch der Oma zu plündern wird in den wenigsten Fällen ausreichend sein. Aber zum Glück gibt es ja so lukrative Geschäfte, wie z.B. den Waffenhandel. Dieser erfreut sich seit drei Jahren ansehnlicher Wachstumsraten. Auf Platz eins der weltweiten Produzenten, wie immer ungeschlagen, unsere amerikanischen Freunde mit 57 % aller Waffenverkäufe. Erstmals auf Platz zwei konnte sich Russland mit 9,5 % vorkämpfen, gefolgt von Großbritannien. Auch Deutschland kann mit 2,1 % immer noch einen passablen Rang für sich verbuchen.
Jenseits allem Sarkasmus ist die Tragik hinter diesen Geschäften niederschmetternd. Dabei denke ich beispielsweise an den Teufelskreislauf, der uns in einer bis dahin nie gekannten Flüchtlingswelle im Sommer 2015 erstmals erreicht hat. Die Frage der (Wirtschafts-)Flüchtlinge beschäftigt gleichermaßen Politik und Gesellschaft seit mehr als drei Jahren. Leider, so ist zu konstatieren, wird sie im öffentlichen Diskurs immer wieder als Feigenblatt missbraucht, um Symptome anstelle von Ursachen zu behandeln. Letztendlich bleibt dahinter immer wieder die ungelöste Frage danach stecken, wie geostrategische Ansprüche, ökonomische Forderungen und die Erlangung eines selbstbestimmten Lebens der Bürger in den Flüchtlingsgebieten in Einklang zu bringen sind. Schnell wird deutlich: das ist alles andere als eine einfach zu beantwortende Frage. Und dies in erster Linie deshalb, weil die Antwort eine unbequeme Wahrheit enthalten könnte. Eine Kröte, die die Öffentlichkeit nicht gerne schluckt und möglicherweise einen Politiker sein Amt kosten könnte. Und genau darin liegt die Krux, denn die Frage aus Sicht eines Politikers lautet: Kann ich mein Amt behalten, wenn ich dem Wähler sage, dass sein Lebensstandard zur Ungleichheit in der Welt beiträgt?
Empowerment statt Spendenglück?
Was also machen? Sich nicht die Laune verderben lassen und auch in diesem Jahr zu Silvester mal wieder die Korken knallen lassen, trotz oder gerade wegen dieser Misere? Oder, wie wäre es hiermit: Warum lassen wir nicht einfach mal die Menschen in den betreffenden Regionen für sich selbst sprechen und hören ihnen aufmerksam zu, anstatt uns über die Kirchenkollekte oder die obligatorische Weihnachtsspende ein gutes Gewissen zu verschaffen? Wer mehr darüber erfahren möchte, dem sei der Essay von Gernot Wolfram „Die Kunst, für sich selbst zu sprechen“ wärmstens empfohlen, in dem der Autor eben genau dieser Frage nachgeht.
Lesetipp:
Gernot Wolfram: Die Kunst, für sich selbst zu sprechen (Essay), Schriftenreihe Band 10239.
[:en]The say: „Hope dies last“ and yet it happens. Just before Christmas, the stock-exchange gurus let all confidence die: “Almost everybody has given up hope for an end-of-year-rally still to come”, experts claim. You may wonder why this fact is still no reason to agonize. The answer is quite easy: In the international boardrooms they will again acclaim themselves with champagne, caviar and women from the escort service.
Superman saves the world
This message from the stock exchange may shock the small investors but definitely not the bigunes; they have already feathered their nest, that’s for sure. A study of the Economic Policy Institute (https://www.epi.org/) displayed that CEOs in the States earned in 2017 312 times more money than their employees. At McDonald’s they claimed the factor lies at 3.101 times. Wait a minute: really earned respectively deserved? That is to say that those guys do a 312 times better job than their subordinates? Wow, I’d like to know such a superman. I guess he can also heal cancer, save the climate and terminate the migration and populism crisis within Europe. Just in time for Christmas. Awesome.
How they do it? Well, the magic word is “share buy-back”. Normally, share price and bonus are related to each other. So, if the share price rises also your bonus goes up. Easy as it is! The chairman is his own Santa Claus. He filled up the sack he puts on his table. Chapeau.
Carlos does it for himself
This year we should be extremely proud on the auto industry. No, not because of the share prices. That’s rather a reason for frustration. But I am really happy for sympathetic and socially-minded guys like Carlos Ghosn. It’s good to know that he will have the money for another yacht or domicile in London, Paris or wherever. With an absolutely reasonable (and still not sufficient) salary of € 78 million in five years, lovely Carlos received a lot of attention in the press recently. And well, I have to admit that it made me cry when I imagined Carlos sitting all by himself in a bare prison cell over Christmas without his beloved ones. And all that even though he did such a great job during all those years – and that’s the gratitude for evading some taxes? I really call upon your understanding, the guy has bills to pay!
And here comes a tip for all those who would like to be counted among the ultra-rich: In case you own more than $50 million (and any dollar of that is legally earned of course) than “Welcome to the club.” Great-Britain alone has meanwhile 4.670 of them – well, it is not so exclusively any more.
Being rich for dummies
You wonder how to get hold of so much money? Well, I guess that you grandma’s bank book is not enough. But fortunately there are such lucrative business such as arms trade. The weapon’s business has good growth rates world-wide. Number one is this business is our friend, the United States, with 57 % of the whole volume. Number two for the first time is Russia with 9,5 %, displacing Great-Britain. Germany also holds a respectable rank with 2,1 %.
Beyond all sarcasm the tragedy behind all those honorable deals is staggering. Thereby I am thinking of the vicious circle that has reached us in terms of the refugee crisis in summer 2015 for the first time. The question of (economic) migrants has been keeping likewise politicians and society busy for more than three years. Unfortunately, can be stated, it is misused in public discourse as figleaf to deal with symptoms rather than reasons. In the end the question how geopolitical attempts, economic demands and the obtainment of a self-determined life of citizens of refugee areas can be conciliated remains unsolved. One thing is obvious: this is not an easy task to solve. And moreover the answer could be an inconvenient truth. A bitter pill that is not easy to swallow by the public and might force some politicians to resign from their seals. This where the buck stops. The question each politician has to answer for himself is: Can I keep my office if I tell the voter that his high living standard is part of the problem?
Empowerment instead of self-deception?
So what can we do? To remain in a good temper and let the corks plop on New Year’s Eve despite or exactly because of this misery? Or how about that: Why not letting the people from the respective areas speak for themselves and listen to them instead of supplying oneself with a good conscious through tenth payment or compulsory donations at Christmas time? Anybody, who wants to get to know more about this topic should take a look into Gernot Wolfram’s essay “The art of speaking for oneself.”[:]
