Christina/ September 11, 2011/ Philosophisches

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In diesen Tagen ist wieder einiges Widersprüchliches zu lesen oder in den Nachrichten zu hören. So ist die Frage, ob die Revolution in der „Arabischen Welt“ nun vom Westen begrüßt oder ängstlich betrachtet werden soll immer noch ungeklärt. Längst hat die revoltierende Jugendbewegung ihren Einflussbereich vergrößert. Von Tunesien über Ägypten nach Spanien, Griechenland, Chile und jüngst auch London und Israel reichen die Proteste. Und wieder einmal sind es die Regierenden – und das nicht nur im arabischen Ausland -, die mit der Realität auf den Straßen hoffnungslos überfordert sind. Solange der Pöbel genug zu essen hat und mitspielt, scheint das Spiel der Mächtigen ein leichtes zu sein. Sobald der Frust über die Ungerechtigkeit im eigenen Land übermächtig wird, wird auch im Westen zu härteren Maßnahmen gegriffen – siehe zuletzt in Großbritannien.

Das Verkennen der Realität durch die Regierenden hat vor Kurzem der in London lebende Künstler Wolfgang Tillmans in der Zeit (Ausgabe Nr. 34 vom 18. August 2011, Seite 41) wie folgt zusammengefasst: „Deutschland ist auf dem besten Weg dorthin (Vorverurteilung und Chancenlosigkeit, Anm. d. Red.), indem muslimische Jugendliche dämonisiert und vorverurteilt werden, während die wirkliche Gefahr für das Land, das sich ausbreitende rechte Gedankengut, verharmlost und übersehen wird.“

„Keine Panik!“ so titelt die Zeit (Ausgabe Nr. 35 vom 25. August 2011, Seite 43) eine Woche später und plädiert für „mehr Vertrauen in die arabische Revolution“ und stellt unter diesem Motto vier neue Bücher zum Thema vor. Warum stellt sich an dieser Stelle eigentlich niemand die offensichtliche Frage, woher der Westen eigentlich die Chuzpe nimmt zu diskutieren, ob das Aufbegehren einiger arabischer Völker (moralisch) rechtens sei oder nicht? Ist es nicht erst einmal im demokratischen Selbstverständnis jeder Bevölkerung jedem Landes zugestanden, sich gegen eine nicht gewollte Führungselite (friedlich) zur Wehr zu setzen? Hätte die tunesischen, ägyptischen und lybischen Jugendlichen zunächst den Westen um Erlaubnis bitten sollen?

Alle diese aus dem Boden geschossenen Experten der arabischen Gesellschaft, Politik und Religion scheinen eines gemein zu haben: Bücher zusammenzuschustern, die das verbreiten, was die (westliche) Masse offensichtlich hören will: es droht erneute Gefahr durch den Islamismus, haltet Euch bereit! Wie undifferenziert ist das denn, bitte? Soll das etwa guter Journalismus sein oder noch schlimmer, eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Ereignissen in Nordafrika?

Als es im Dezember 2010 mit den ersten Protesten in der Arabischen Welt losging und sich abzeichnete, dass dies keine Strohfeuer sind, zeigte sich kaum eine Region so überrascht von der Entschlossenheit der Aufstände, wie die „Think Tanks“ und Experten des Westens. Und plötzlich sollen dies innerhalb kurzer Zeit ausgemacht haben, wie die Entwicklung in den „revolutionierten“ Staaten in den nächsten Monaten verlaufen wird? Das leuchtet mir in etwa so ein, wie das Siegesgebahren der NATO nach dem ‚erfolgreichen‘ Abschluss seiner Mission in Lybien. Monatelang hatte sich nichts bewegt und es sah fast nach einem zweiten Irak oder Afghanistan aus und kaum schlägt das Glück um („Corriger la fortune“), skandieren die mit der größten Klappe (Sarkozy und Co.) gleich ihr „wir haben es ja gleich gewusst, dass das der richtige Weg ist“. Wann nimmt die Volksverdummung eigentlich endlich ein Ende? Selten war ein Triumph wohl weniger angebracht als hier, getreu dem Slogan „Bescheidenheit ist eine Zier, aber weiter kommst du ohne ihr!“

Völlig unnötig skandiert die sonst von mir geschätzte Wochenzeitung „DIE ZEIT“ in ihrer Ausgabe Nr. 35 (Seite 4): „Eine deutsche Schande“ und stimmt ein in den Chor der NATO-Staaten, die den Eingriff in Lybien unterstützt haben und von Anfang an „wussten“, dass es gut ausgehen würde. Dabei wurde zuvor in derselben Zeitung auch kritisch über die „Koalition der Willigen“ gesprochen. Hat man hier etwa sein Mäntelchen in den Wind gehängt?

Und noch unpassender scheint mir das in der gleichen Ausgabe (S. 6) abgedruckte Interview mit Thilo Sarazzin. Selbst der Uninformierteste sollte inzwischen gemerkt haben, dass der Mann nichts als sinnbefreite und wenig fundierte Parolen („Ich fürchte eher, dass in der Mehrheit dieser Länder islamistische Regierungen gebildet werden“) von sich zu geben hat. Muss man einem solchen Menschen auch noch bereitwillig ein Forum in einer renommierten Zeitung zur Verfügung stellen? Wenn das ein Zeichen für differenzierte Berichterstattung sein soll, so muss ich leider feststellen, dass die Bemühungen umsonst waren.

Ich wiederhole mich an dieser Stelle ohne dieser Rezitation müde oder überdrüssig zu werden: Gebt den Entwicklungen in Tunesien, Ägypten, Libyen Zeit. Die Umstürze sind jung, die Erfahrungen der Menschen dort mit demokratischen Strukturen gering bis nicht existent. Selbstverständlich wird es Fehlentscheidungen geben. Aber: Ist das nicht umso mehr ein Grund, diese Menschen in Ihren Bestrebungen nach Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung tatkräftig zu unterstützen und sich in Geduld und Nachsicht (nicht Naivität!) zu üben?

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