Christina/ September 18, 2011/ Philosophisches

Die Frage, warum Menschen das tun, was sie tun, kommt nie aus der Mode. Möglicherweise wird sie nie vollständig beantwortet werden (können). Egal aus welcher Perspektive, sie kann immer wieder neu gestellt werden und gewinnt immer wieder an Bedeutung.

Bereits in der Schule kämpfen wir uns durch Inhaltsanalysen oder versuchen die Werke von bekannten Malern zu analysieren. Ob das alles aber nur als Kaffeesatzleserei ist oder wir wirklich erklären können, was sich der Künstler bei der Erstellung seines Werkes dachte oder fühlte, wissen wir nicht.

Ähnlich mag es uns mit den Handlungen von Politikern und Staatschefs ergehen. Wir deuten, interpretieren, analysieren und am Ende sind wir doch genauso ratlos wie vorher. Worauf ich hinaus will, lässt sich sehr schön am Beispiel des politischen Gemengengelage im nach-revolutionären Lybien erklären. Von allen Seiten wird das Land derzeit wie eine angehende Braut umworben. Neben den Besuchen des französischen und des englischen Staatschefs ist es der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, der die westliche Presse nicht nur überrascht, sondern zu den wildesten Spekulationen über seine Motive bewegt und u.a. titelt: „Erdogan reist durch den Arabischen Frühling.“ Da scheint sich Lybien, neben Ägypten und Tunesien, zur Zeit in einer komfortablen Lage zu befinden. Jeder möchte den zukünftigen Kurs der Länder am Mittelmeer mitbestimmen und zeigt sich zunächst einmal von seiner großzügigen Seite: „EU-Parlament unterstützt Arabischen Frühling.“ Historisch gesehen mag das den Betrachter ein wenig an die Zeit des Kalten Krieges erinnern, als die USA und de Sowjetunion sich einen Rennen um jeden Staat lieferten, um diesen entweder kapitalistisch oder kommunistisch einzunorden.

Mit Unsicherheit und ein wenig Verängstigung beobachtet man also das Treiben Erdogans einerseits und das Treiben des Emirs von Katar mit seinem nachweislich erfolgreichen Sender „Al-Dschasira„. Der Vorwurf, des machtvollen Nutzens des eigenen Mediensenders, entbehrt natürlich nicht einer gewissen Komik angesichts des Staatschefpostens eines gewissen Berlusconis in Italien. Honi soit qui mal y pense? Dabei gesteht die renommierte „Le Monde“ selber, dass es nicht der Westen gewesen sei, der die arabischen Staaten befreit hätte. Lybien plane derzeit den Aufbau eines „moderaten islamischen“ Staates nach türkischem Vorbild war letzte Woche aus dem Munde des revolutionären Übergangsrates zu vernehmen. Dabei hatten die G8-Staaten bereits im Mai dieses Jahres beschlossen, welche Schritte zur Demokratisierung des Landes führen sollten und rief daraufhin die „Deauville Partnerschaft“ ins Leben.

Da mag sich durchaus die Lektüre des Artikels „The Perception of the Other“ lohnen, der nicht nur beschreibt, wie die westlichen Medien die Araber hinstellen, sondern auch, wie die Araber das Gebahren des Westens wahrnehmen. Ein Perspektivenwechsel, ungewohnt aber notwendig. Gleichfalls sei das Reinhöhren in den Podcast zum Buch „Dining with al-Qaeda“ empfohlen. In diesem beschreibt der Journalist Hugh Pope im Gespräch mit der International Crisis Group sehr deutlich, wie sich das vom Westen gezeichnete Bild der Arabischen Welt mit dem von ihm erlebten unterscheidet.

Wahrheiten scheinen also nicht nur absolut sondern durchaus auch multiperspektivisch zu sein.

Share
Share this Post