Christina/ Juni 25, 2018/ Philosophisches

Zuerst ist es nur ein roter Fleck auf der Erde. Wir stehen vor dem ehemaligen Haus der Familie Kolar im Stadtteil Butmir. Jetzt ist hier das Museum „Tunnel der Hoffnung“. Der Tunnel, der unterhalb der Start- und Landebahn des Flughafens Sarajevo verlief, wurde als Versorgungstunnel für die Stadt genutzt während der vierjährigen Belagerung Sarajevos. Die Belagerung der Stadt begann am 5.4.1992 und endete erst im Februar 1996.

Da ist also dieser rote Fleck. Was hat er zu bedeuten? Während der Belagerung Sarajevos sollen täglich 328 Granaten auf die Stadt niedergegangen sein. Die „roten Flecken“ auf der Erde, sie werden die Rosen von Sarajevo genannt, markieren die Stellen der Granat- und Mörsereinschläge und dienen als Mahnmal. Die durch die Einschläge entstandenen Löcher wurden später mit rotem Harz geflickt. So entstand das Pflaster-Mahnmal der „Rosen von Sarajevo“.

Die Brutalität des Krieges, wie sie in Worten und Bildern im Museum deutlich wird, ist nicht auszuhalten. Bilder wie aus dem 2. Weltkrieg, wie aus Konzentrationslagern. Die Unmenschlichkeit wird oftmals in Einzelschicksalen deutlich. Die Moral des Krieges ist es, dass es keine Moral mehr gibt. Alles ist erlaubt. Die gesellschaftlichen Sanktionen sind aufgehoben; das gesellschaftliche System ist unterbrochen, es gilt die Anarchie, es geht um das nackte Überleben und Macht über Andere.

Während der Reise durch Bosnien-Herzegowina lese ich ein Buch. Es heißt „Das schönste Wort der Welt“ von Margaret Mazzantini. Das Buch spielt teilweise in Sarajevo, vor, während und nach der Belagerung. Es geht um ein italienisches Ehepaar, das sich in Sarajevo kennenlernt. Das Paar lebt in Rom. Die Frau ist unfruchtbar, der Wunsch nach einem Kind ist übermenschlich, wirkt egoistisch. Kurz vor Kriegsausbruch geht das Paar nochmals nach Sarajevo und lernt dort zufällig die junge Bosnierin Aska kennen. Gegen Geld soll Aska das Kind des Paares austragen. Dazu soll sie mit dem Ehemann schlafen. Das Kind kommt während des Krieges in Sarajevo zur Welt, die Italienerin nimmt es mit nach Rom, zieht es dort alleine auf, weil der Vater in Sarajevo bleibt und dort später bei einem Badeunfall stirbt. In der Retrospektive wird die vermeintliche Dreiecksgeschichte in all ihrer Schrecklichkeit aufgelöst. Der vermutete Vater ist nicht der Vater. Vielmehr ist das Kind das Ergebnis der Gefangenschaft Askas in einem so genannten „Vergewaltigungslager“ der Serben. Wer der Vater von den vielen Vergewaltigern ist weiß sie nicht. Der Italiener hat die erste Vergewaltigung in einem Hotel aus einem Versteck heraus mit angesehen und nicht verhindert, um sein eigenes Leben zu retten. Mit dieser Schuld wird er nicht fertig und begeht beim Baden Selbstmord.

In dem Buch gibt es eine weitere Form der Rose von Sarajevo. Aska lässt sie sich von dem Italiener nach der Flucht aus dem Vergewaltigungslager in den Nacken als Tattoo stechen. Genau an der Stelle, wo einer ihrer Peiniger seine Zigaretten auf ihr ausgedrückt hat.

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