Lamspringe: Ein Gartentraum und ein geheimnisvolles Forsthaus

Christina/ Juli 17, 2023/ Alltagsgeschichten, Kultur

Sommerzeit ist Gartenzeit. Die schöne Idee der offenen Gartenpforten, so durfte ich feststellen, gibt es nicht nur in Braunschweig. Auch andere Landkreise, wie z.B. Hildesheim, bieten Einblicke in private grüne Paradiese. Eine solche Oase stellte an diesem Sonntag das Ehepaar Lagershausen aus Lamspringe zur Schau. Glücklicherweise ließ sich der Besuch im Gartenidyll mit einer sehr schönen Rundwanderung vom Wanderparkplatz Glashütte verbinden. Und schließlich war uns auch das Wetter hold: Nach einem schwülheißen Sonnabend gingen die Temperaturen auf angenehme 25 Grad zurück. Dazu wehte ein angenehmes Lüftchen. Im Leinebergland erleben wir an diesem Sonntag sanfte Hügel, Buchenwälder, idyllische Anwesen und kulturelle Gartenfreuden.

Glashütte im Landkreis Hildesheim
Bei dem Ortsnamen „Glashütte“ denke ich sofort an die Kleinstadt im Landkreis Sächsische Schweiz-Ostererzgebirge in Sachsen und die gleichnamige Uhrenmanufaktur. Heute befinden wir uns aber auf einem Wanderparkplatz zwischen Lamspringe und Rhüden. Das Kloster Lamspringe gründete 1971 eine Glashütte. Die Glasproduktion soll von derart hoher Qualität gewesen sein, dass sogar nach Übersee exportiert wurde. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war dann aber Schluss. 1914 musste der Hüttenbetrieb schließen. Übrig geblieben ist die Darstellung eines Glasbläsers direkt am Wanderparkplatz.

„Hier gibt es Wildschweine“ rufe ich Burkhard zu. Ich ernte einen ungläubigen Blick. Das Symbol auf der Wanderkarte zeigt aber eindeutig einen Schwarzkittel. Gut, neben den Schwergewichten sind auch noch Schmetterlinge, Gabelweihen, Hasen und Meisen abgebildet. Das sind die Namen der Wandertouren rund um Lamspringe.

Wir gehen bergaufwärts durch den Ort und laufen entlang des Waldrands bis wir den Leopoldstein erreichen. Es geht weiter geradeaus. Nach einem Abzweig nach links erreichen wir den Rastplatz „Schwarzes Holz“, wo sich auch eine Spielwiese befindet. Diese überqueren wir und biegen dann rechts in einen weiteren Waldweg ein, vorbei am historischen Treffpunkt von Jagdgesellschaften. Von hier aus werden die Blicke auf Lamspringe immer schöner und der Pfad immer schmaler. Nach gut fünf Kilometern erreichen wir ein Anwesen im Wald. Wir sind zunächst etwas irritiert. Über dem Gelände weht die Schweizer Fahne. Das Areal an sich wirkt extrem aufgeräumt. Wir sind davon fasziniert wie viel Brennholz hier akkurat aufgeschichtet wurde. Von Weitem wirkt das Ganze fast wie eine mittelalterliche Burg. Als wir näher kommen entdecken wir zwei Schuppen, die ebenfalls mit Schweizer Wimpeln dekoriert sind. In dem rechten Schuppen gibt es sogar eine kleine Bar, ein Sofa und ganz viele Bilder mit Motorradmotiven. Wo sind wir hier?

Zehnder’s Eck
Wir sind an Zehnder’s Eck – einem schönen Rastplatz mit zwei Bänken und herrlicher Aussicht über Lamspringe. Erinnert wird hier an Kurt Zehnder, einem Schweizer, der – wie wir später erfahren – wohl viel für die Gemeinde Lamspringe getan hat. Nun führt sein Enkel die Liegenschaft weiter und wir müssen sagen, er versteht sein Geschäft. Ganz neu befindet sich auf der rechten Seite eine Liege aus Holz. Die müssen wir ausprobieren. Das Plätzchen ist so schön, dass wir uns nur mit Mühe wieder aufraffen können.

Über das Feld bergab geht es in den Flecken Lamspringe. An der Hauptstraße 65 soll es heute eine offene Gartenpforte geben. Auf dem Weg dorthin bleiben wir an einem Blühstreifen hängen, in dem sich zahlreiche Hummeln, Bienen und Schmetterlinge tummeln. Im Ortskern stoßen wir auf das Kloster Lamspringe. Wir überqueren das Gelände, bewundern die 300-jährige Platane und den Mammutbaum bevor es weiter zur Klosterkirche St. Hadrian und St. Dionysius geht. Wir werfen einen kurzen Blick in das prächtige Gotteshaus; der Innenraum ist mit einer Glastür verschlossen.

Wer hat denn hier den Kopf verloren?
In der Kirchenmauer sind verschiedene Figuren verewigt. Eine davon fällt mir besonders auf. Warum? Sie trägt ihren Kopf in den Händen. Hm, schaue ich schräg über die Straße, so sehe ich an der Mauer ein sogenanntes Halseisen hängen. Angeblich handelt es sich dabei um eine Relikt aus dem 17 Jahrhundert. An dieses Halsband wurden Verbrecher gekettet, um diese öffentlich zur Schau zu stellen. Das stelle ich mir schon recht unangenehm vor, wenn die Nachbarn vorbeigehen und ich am Eisen hänge. Dabei gilt das 17. Jahrhundert doch als das Zeitalter der Aufklärung, des Barock und des Absolutismus. Aber vielleicht sind die harten Sitten auch dem Dreißigjährigen Krieg geschuldet?

Oberhalb vom Konvent liegt die Hauptstraße. Da ist auch schon die Nr. 65. Wir betreten ein verschachteltes Gelände und schauen uns erst einmal etwas vorsichtig um. Eine freundliche Dame erklärt uns, wo es zum Gartengelände geht. Über eine steile Treppe erreichen wir den Hang-Garten. Wow! Eine illustre Damenrunde lässt es sich bereits am Kaffeetisch gut gehen. Sofort fällt uns das Wikingerschiff-Hochbeet ins Auge.

Willkommen im Gartentraum
Die Hausherrin, Frau Lagershausen, erklärt uns den Rundgang und bittet darum, dass Gattertor am Ende des Gartens zu schließen Da leben Frieda und Anneliese, zwei Schafe, die sich hauptberuflich um das Mähen des Rasens kümmern. Wir verlassen das Wikingerschiff und treffen auf die ersten, wirklich beeindruckenden Gestaltungsideen in diesem Garten. Eine Badewanne wurde hier kurzerhand zu einer Bank umgewandelt; eine ehemalige Auflage dient als Kissen. Weiter oben bestaune ich zuerst ein Bettgestell, das zu einem Hochbeet umfunktioniert wurde. Als nächstes besuche ich einen Teich. Zwischendurch komme ich immer wieder an sehr liebevoll gestalteten Sitzgelegenheiten vorbei. Sofort stelle ich mir vor, wie ich hier abends ein Glass Wein trinke und dabei den großartigen Blick auf die Klosterkirche von Lamspringe genieße.

Das ganze Gartenareal ist so abwechslungsreich, so stimmig und mit einem atemberaubenden Ideenreichtum gestaltet, dass ich mich sofort heimisch fühle. Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Als wir dann auch noch Frieda und Anneliese besuchen ist es um mich geschehen. Ich bin in einem absoluten Gartentraum gelandet, den ich nicht mehr verlassen möchte. Ich bin mir sicher, dass das Anlegen dieser Anlage sehr viel Zeit gekostet hat.

Im Anschluss an unsere Runde kommen wir mit der Besitzerin ins Gespräch. Seit Ende der 80er-Jahre sei man hier am Werk. Den Garten hätte man im Jahr 2014 dazu gekauft und seitdem wird gestaltet. Viele Ideen kommen aus einschlägigen Zeitschriften oder den Besuchen anderer Gärten. Dabei, so erzählt uns Frau Lagershausen, sei es aber gar nicht so einfach, immer die richtigen Materialien oder Dekorationsgegenstände zu finden. Nehmen wir zum Beispiel das Wikingerschiff. Das ist nicht fertig gekauft, sondern selbst gebaut. Zwei Badewannen wurden zusammengeschoben. Freunde aus dem Baubereich haben die Verkleidung des Schiffs zugeschnitten und der Ehemann hat die beiden Figuren am Ende des Schiffs selbst geschreinert.

Ein anderes Beispiel ist das Lavendel-Meer in der Mitte des Gartens. Ursprünglich sollte hier ein Teich hin. Durch die Hanglage war es aber nicht möglich a) einen Bagger für den Aushub auf die Grünfläche zu bekommen und b) war die Frage, wohin mit dem Aushub? Schließlich hat man Lavendel spiralenförmig angeordnet und dem ganz somit das Aussehen eines Meeres gegeben.

Ein geheimnisvolles Forsthaus
Nach der Besichtigung laben wir uns noch am Kuchenbuffet bevor wir den Heimweg nach Glashütte antreten. Unterwegs kommen wir an einem Haus im Wald vorbei, das uns Rätsel aufgibt. Es soll sich um das Forsthaus Rolfshagen handeln. Wir staunen darüber, wie gut das Haus gesichert ist. Ein Schild: „Achtung bissiger Hund, Dobermann“ warnt vor unbefugtem Betreten. Eine hohe Mauer sichert das Gelände zusätzlich. Vor dem Eingang stehen zwei SUVs mit dem Stern und einem Autokennzeichen, dass auf 3000 bzw. 4000 endet. Können das wirklich Forstautos sein? Wir zweifeln und jetzt kommt unsere Fantasie ins Spiel. Ist das hier ein Drogenumschlagplatz oder ein „Hide-away“ der Mafia?

Wir wissen es nicht. Aber das Warnschild am Ende des Weges: „Befahren und Betreten des Weges auf eigene Gefahr“ gibt unseren Vermutungen weitere Nahrung. Schließlich widmen wir uns dem restlichen Wanderweg und gelangen nach 4,5 Stunden und gut 17 Kilometern wieder auf dem Wanderparkplatz in Glashütte. Das war ein fantastischer Tag heute, an dem alles gestimmt hat.

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