[:de]Förderpreise revisited: Herkunft, Familienleben[:en]Award winners revisited: Origin, family life[:]
[:de]Herkunft und Familienleben sind die Oberthemen der Ausstellung „Dokumentarfotografie Förderpreise der Wüstenrot Stiftung revisited„. Warum „revisited“? Nun, bei den gezeigten Künstlern handelt es sich um Personen, die bereits ausgezeichnet wurden und nun die Weiterentwicklung ihres ursprünglichen Werks präsentieren. Herkunft und Familienleben stellen zwei große und prägende Themen im Leben eines jeden dar. Beide Aspekte prägen die Identität eines Menschen. Bekanntlich kann man sich beides nicht aussuchen, nur versuchen, damit umzugehen. Vier Künstler, Espen Eichhöfer, Verena Jaekel, Birte Kaufmann und Maziar Moradi sind ihre Namen, beleuchten in ihren Fotografien Aspekte von Familienkonstellationen, die manchmal überraschen und oftmals den Betrachter hilflos und betroffen zurücklassen.
„Ich werde deutsch“
Ich beginne meinen Rundgang im Torhaus 1. An der Kasse frage ich nach, ob die Tour rechts oder links beginnt. Ich erhalte die Antwort, dass das egal sei. Also entscheide ich mich für den Raum rechter Hand. Dieser liegt im Dunkeln. „Das ist wegen der Projektion“ erklärt mir eine Studentin. Ich könne aber ruhig das Licht anschalten versichert sie mir. Das tue ich sogleich. Zu Beginn bin ich verwirrt über die Bilder an der Wand. Diese zeigen verschiedene Gebäude, mit denen ich zunächst nichts anfangen kann. Über Tafeln erkenne ich, dass es sich um Flüchtlingsheime handelt. Da bin ich schon mitten im Thema. Was ich dann über „Jenny“ und zwei anonyme Interviewpartner von Maziar Moradi lese, erschüttert mich. Jenny ist in Deutschland geboren. Ihre Mutter stammt aus Ghana und dorthin schickt sie die damals fünfjährige Tochter, damit sich die Großmutter um sie kümmert. Zunächst fühlt sie sich in dem westafrikanischen Land fremd. Nach und nach baut sie eine enge Bindung zu ihrer Verwandschaft auf, bis ihre Oma stirbt. Mit 10 Jahren kommt sie zurück nach Deutschland. Nun ist hier für sie Vieles fremd. Ihre Mutter steckt sie in eine Pflegefamilie. Ihr Pflegevater gibt ihr einen Merksatz auf den Weg: „Als Neger musst du immer besser sein als die Deutschen. Das ist der einzige Weg, der dich zum Erfolg führt.“ Noch erschreckender ist allerdings der Grund, warum die Familie das farbige Mädchen bei sich aufgenommen hat. Ihre leibliche Tochter hat eine schwarze Puppe als Spielzeug und wünschte sich, dass diese lebendig würde.
Finde den Fehler
Tief getroffen wende ich mich den Familienportraits von Verena Jaekel zu. Ich verstehe nicht gleich, worum es hier geht. Zunächst wirken die Familienaufnahmen für mich, wie die gruseligen Fotografien der englischen Königsfamilie zu besonderen Anlässen. Oftmals wird hier eine vermeintliche Harmonie dargestellt, wie sie künstlicher nicht wirken könnte. Ich denke mir: „Finde den (Denk-)Fehler“. Und tatsächlich. Bei genauerem Hinsehen erkenne ich, dass es sich um gleichgeschlechtliche Familien handelt. Besonders beeindruckend finde ich zwei Aufnahmen von einer deutsch-indischen Hochzeit zusammen mit den Briefen der beiden Bräutigamme, die sie sich gegenseitig geschrieben haben. Auf einem der Bilder tragen die Familien traditionell indische Kleidung, auf dem anderen westliche Garderobe.
Albanische Blutfehde
Ich wechsel die Räumlichkeiten. Über die Straße erreiche ich das Torhaus 2 und stolpere dort direkt in eine albanische Blutfehde. Birte Kaufmann hat ihre Fotoserie über eine albanische Familie „Gjakmarrja“ genannt. Der Begriff steht für die Tradition, einen Täter oder ein Familienmitglied zu töten, um die eigene Ehre zu retten. Sofort fühle ich mich sowohl an meine Reise nach Albanien erinnert als auch der Begegnung mit den „Kula“, den Blutrachetürmen. Hier versteckten sich die Männer, die von einer Vendetta bedroht waren. Weiterhin erinnere ich mich an das Buch, „der zerissene April„, das sich um genau dieses Thema dreht. Dass albanische Familien, zumindest in den abgelegenen Bergdörfern, unter dieser Tradition immer noch zu leiden haben, ist schwer für mich zu verstehen. Aber wie heißt es so schön: „Familie kann man sich nicht aussuchen.“ Die Herkunft auch nicht.
The Travellers
Überrascht bin ich von Kaufmann’s Bilderserie „The Travellers„. Diese Nomaden aus Irland, auch Pavee genannt, waren mir gänzlich unbekannt. Vielleicht fühlte ich mich ein wenig an die Amish People in den USA erinnert, wobei aus den Bilder nicht deutlich wurde, ob die Travellers besonders religiös motiviert sind. Die Armut, in der die Menschen offensichtlich mitten in Europa leben, ist schon erschreckend. Sehr bezeichnend fand ich das großflächige Wandbild mit einem toten Hasen, der auf einer Wäschespinne hängt, eingerahmt in eine karge Landschaft und gewitterträchtige Wolken. Da fällt mir der Satz ein: „In manchen Gegenden möchte ich nicht tod über dem Zaun hängen.“
“I’m Becoming German”
I begin my tour in Torhaus 1. At the ticket counter, I ask if the tour starts to the right or the left. I am told it doesn’t matter. So, I choose the room on the right. It is dark. “That’s because of the projection,” a student explains to me. She assures me I can turn on the light, which I do immediately. At first, I am confused by the pictures on the wall. They show various buildings that initially mean nothing to me. Through the panels, I realize that these are refugee homes. So, I am already in the middle of the topic. What I then read about “Jenny” and two anonymous interview partners by Maziar Moradi shakes me. Jenny was born in Germany. Her mother is from Ghana and sends her five-year-old daughter there so her grandmother can take care of her. At first, she feels foreign in the West African country. Gradually, she builds a close bond with her relatives until her grandmother dies. At the age of 10, she returns to Germany. Now, much is unfamiliar to her here. Her mother places her in a foster family. Her foster father gives her a guiding principle: “As a Negro, you always have to be better than the Germans. That’s the only way to succeed.” Even more shocking, however, is the reason the family took in the colored girl. Their biological daughter had a black doll as a toy and wished for it to come to life.
Find the Mistake
Deeply affected, I turn to Verena Jaekel’s family portraits. At first, I don’t understand what they are about. Initially, the family photos seem to me like the creepy photographs of the English royal family on special occasions. Often, a supposed harmony is depicted here, which could not seem more artificial. I think to myself: “Find the (thought) mistake.” And indeed, upon closer inspection, I realize that these are same-sex families. I find two pictures of a German-Indian wedding particularly impressive, along with the letters the two grooms wrote to each other. In one picture, the families wear traditional Indian clothing, and in the other, Western attire.
Albanian Blood Feud
I change locations. Across the street, I reach Torhaus 2 and stumble directly into an Albanian blood feud. Birte Kaufmann has named her photo series about an Albanian family “Gjakmarrja.” The term stands for the tradition of killing a perpetrator or a family member to restore one’s honor. I am immediately reminded of my trip to Albania and the encounter with the “Kula,” the blood feud towers. Here, men threatened by a vendetta hid. I also recall the book “The Broken April,” which deals with this very topic. It is hard for me to understand that Albanian families, at least in remote mountain villages, still suffer from this tradition. But as the saying goes: “You can’t choose your family.” Nor your origin.
The Travellers
I am surprised by Kaufmann’s picture series “The Travellers.” These nomads from Ireland, also called Pavee, were entirely unknown to me. Perhaps I felt somewhat reminded of the Amish People in the USA, although it wasn’t clear from the pictures whether the Travellers are particularly religiously motivated. The poverty in which these people apparently live in the middle of Europe is quite shocking. I found the large wall picture with a dead hare hanging on a clothesline, framed in a barren landscape and thunderstorm clouds, very telling. It brings to mind the phrase: “In some places, I wouldn’t want to be caught dead over the fence.”
