Durch die Braunschweiger Toskana

Christina/ Juli 26, 2020/ Alltagsgeschichten

Drei Dinge auf einmal, das geht nun wirklich nicht? Doch, es geht. Im Braunschweiger Land vereinigen sich Sport, Spaß und Geschichte auf einem Fahrradausflug. Die 93,3 km lange Rundtour durch die Braunschweiger Toskana fordert einiges vom sportlichen Können des geneigten Radfahrers, aber, es lohnt sich. Neben Natur pur gibt es am Wegesrand die ein oder andere historische Überraschung zu entdecken. Abgesehen von Großsteingräbern, Thieplätzen, Klippen und Steinkreuzen ist da das Rittergut in Lucklum, eine Oase der Ruhe. Mein Tipp: Nehmt eure Freunde mit auf die Tour, sollte es auch nur virtuell sein.

Vorsicht Schotter: Radfahrer bitte absteigen
Diesmal finde ich den Einstieg in den Städtepartnerschaftsradweg BS-MD auf Anhieb. Von Riddagshausen geht es über Schapen nach Weddel. In Schapen entdecke ich das erste Kleinod dieser Tour: das Bauernhofmuseum. Beim Lesen der Informationstafel zum Kör-Platz kann ich mir ein Lachen nicht verkneifen und der Schalk sitzt mir mal wieder im Nacken. Das “kören” denke ich, ob das auch mit Männern geht, hi,hi.

Über die “Weddeler Schleife” geht es Richtung Schandelah. Von dort über Gardessen nach Abbenrode. Und hier heißt es vorsichtig sein. Wer glaubt, für die Strecke Braunschweig-Helmstedt würde man keine Fahrkünste benötigen, der irrt. Die Schotterwege, die es unterwegs immer wieder zu passieren gilt, haben es in sich. Der teilweise tiefe Schotter lässt die Räder einsinken und kann zur Falle werden. Nicht umsonst ist am Kiesweg bei Abbenrode das Achtungsschild “Radfahrer absteigen” aufgestellt. Hier würde ich jedem raten, der nicht Evel Knievel heißt oder eine Stuntausbildung hat, abzusteigen und das Stückchen bergab zu schieben.

Ins Bockshorn gejagt
Von Königslutter komme ich über Rottorf nach Groß Steinum. Gleich am Ortseingang werde ich förmlich ins Bockshorn gejagt. Die Bockshornklippen sind das Wahrzeichen des Dorfes. Es handelt sich um ein Großsteingrab und einen geologischen Wanderpfad. Ich würde in diesem Fall allerdings die Erwartungen nicht zu hoch schrauben wollen. So richtig viel zu sehen gibt es für Laien nicht. Ich fühlte mich somit ein wenig ins Bockshorn gejagt🙂

Von Groß-Steinum geht es nach Süpplingenburg. Leider sind auf diesem Abschnitt Landstraße und Radweg gleich, was nicht so schön ist. Im Ort kürze ich die restliche Strecke etwas ab. Ich fahre über Emmerstedt nach Helmstedt und hebe mir die Schleife über Frellstedt für den Rückweg auf. Kurz vor Helmstedt überlege ich noch, ob ich tatsächlich über die ganze Distanz gehen soll und auch den Rückweg mit dem Rad bestreite oder doch den Zug nehme. Als ich in der Kreisstadt ankomme fühle ich mich allerdings noch fit und längst hat mich schon der Ehrgeiz ergriffen. Zudem erreichen mit über Whatsapp unterstützende Worte. Naja, die “Fangemeinde” verfolgt schließlich meinen Status, da kann ich mich natürlich nicht lumpen lassen.

Virtueller Support entlang der Strecke
Bereits in Königslutter hatte ich über Statusmeldungen Kontakt zu meinem Bruder und Freunden aufgenommen, sodass ich mich die ganze Strecke über begleitet gefühlt habe. Der kontinuierliche Austausch puscht mich immer wieder und gibt mir Kraft durchzuhalten. Zudem stoße ich unterwegs stetig auf interessante geschichtliche Gegebenheiten gestoßen, die meine Neugier und Abenteuerlust aufrecht erhalten.

In Helmstedt statte ich nochmals den Lübbensteinen einen Besuch ab und diesmal habe ich Glück. Ich habe das Großsteingrab für mich alleine. So genieße ich die besondere Atmosphäre des Platzes und den weiten Blick über die Landschaft. Gedanklich gehe ich den Rückweg durch. Da ich nicht gerne dieselbe Strecke zweimal fahre überlege ich mir über Frellstedt, Räbke und Schöppenstedt zu radeln. Es gibt auch einen ganz schönen Radweg von Helmstedt nach Schöningen und von dort weiter nach Schöppenstedt, aber das wäre nochmals ein ziemlicher Umweg. Ein anderes Mal vielleicht.

Der Thieplatz von Räbke
So nehme ich von den Lübbensteinen den Weg an der B1 bis zur Abbiegung nach Frellstedt, Richtung Erholungspark Nord-Elm. Im Ort kenne ich mich ein wenig aus, da war ich mal im letzten Jahr unterwegs. Ich genieße die tolle Abfahrt direkt in den Ort. Eigentlich müsste hier auch der Städtepartnerschaftsradweg ausgeschildert sein, aber naja. Es wundert vermutlich niemanden, wenn ich sage, dass den hier niemand kennt. Egal, es gibt eine Ausschilderung nach Räbke. Dort erlebe ich eine erneute Überraschung als ich rechter Hand den “Thieplatz von Räbke” entdecke. Dass “Thie” Festplatz bedeutet wusste ich nicht, also habe ich wieder etwas dazu gelernt. Dieser Platz scheint wohl ein Relikt aus dem Mittelalter zu sein. Dortige Funde belegen, dass der Elm und seine Umgebung wohl bereits in der Jungsteinzeit besiedelt waren.

Stempelglück in Schöppenstedt
Mit so viel neuem Wissen gestärkt geht es nach Eitzum weiter und schließlich erreiche ich Schöppenstedt, dem “fast” Geburtsort von Till Eulenspiegel, tatsächlich war es in Kneitlingen. Am Museum erwartet mich schon die nächste Überraschung. Ich ergattere einen weiteren Stempel aus der Serie des Nördlichen Harzvorlands. Ach toll, da macht mein Herz doch glatt noch einen Sprung. Das gibt mir nochmals Kraft für den Weg über Kneitlingen nach Lucklum, wo es fast nur bergauf geht. Die letzten Reserven werden mobilisiert, das schöne Wetter, die schöne Landschaft und das nächste “Fundstück” am Wegesrand motivieren mich.

Völlig unbeachtet von den vorbeirasenden Autos steht linker Hand das Steinkreuz auf dem Olla als mögliches Zeichen der Christianisierung und angeblich aus dem 8. Jahrhundert. Da schau her! Und so etwas steht einfach am Weg herum? Toll, was man alles so entdecken kann, wenn man ein wenig aufmerksam ist. Insgeheim fiebere ich auch bereits meinem nächsten Ziel entgegen, dem Rittergut Lucklum. Zunächst lege ich aber einen weiteren kurzen Stop im nächsten Dorf ein, denn hier steht der Tumulus von Evessen, ein jungsteinzeitliches Fürstengrab mit einer 800 Jahren alten Linde als Bewacher.

In Braunschweigs Toskana
Nachdem ich der ganzen Szenerie meine Aufwartung gemacht habe, geht es weiter nach Lucklum. Und wieder habe ich Glück. Auf dem Rittergut ist nichts los und ich habe das Gelände fast für mich alleine. Ich genieße die Stille und das schöne Gebäude. Ich lerne, dass das Rittergut zum Braunschweiger Pilgerweg zählt und tatsächlich heimse ich dort einen weiteren Stempel ein, diesmal eben vom Rittergut. Ich kann mein Glück kaum fassen. Was für ein Tag, denke ich. Fast wie in der Toskana, nur viel näher.

Dankbar trete ich die letzten Kilometer nach Braunschweig an. Auf der Höhe von Sickte erreicht mich noch der Anruf meines besten Freundes. Ach, da freue ich mich aber. Das ist heute ja fast so, als würden mich alle Lieben auf meiner “Fahrrad-Pilgerreise” durch die Toskana Braunschweigs begleiten. Als ich dann durch Riddagshausen radele fühle ich zwar meinen Hintern und meine Beine werden langsam müde, aber ich bin glücklich. Es war ein toller Tag und ich habe einen tollen (virtuellen) Support genossen. Danke an alle dafür. Da schwingt schon eine große Portion Stolz mit.

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