Christina/ September 24, 2020/ Alltagsgeschichten

Seit Kurzem hat auch das Laster in Braunschweig eine neue Chance: Im Löwen-Play an der Berliner Straße soll in den oberen Räumen ein Bordell einziehen. Das war mir bislang nicht bekannt. Gestern werde ich auf meiner „Grünen Tour“ von Braunschweig nach Wolfsburg mit den Ängsten und dem Widerstand der anliegenden Bewohnern konfrontiert. In der Nähe des geplanten Etablissements scheint es u.a. eine Grundschule zu geben. Heißt es deshalb jetzt bald „Miederhöschen statt Maske“ in Braunschweiger Bildungseinrichtungen?

In Braunschweig steht ein Hofbräuhaus …
Angesichts der Protestbanner fällt mir sofort der Erfolgshit der Spider Murphy Gang ein: „Skandal im Sperrbezirk.“ Den selbstaufgestellten Holzwegweisern zufolge scheinen sich in der Nähe des geplanten Freudenhauses Schulen und ein Spielplatz zu befinden. Welche Ängste stehen hinter den Protesten? Ob man es will oder nicht: auch Prostitution gehört zu unserem Alltag. Sicherlich kann man diesem Thema soweit wie möglich aus dem Weg gehen, indem man derartige Etablissements an den Stadtrand oder in bestimmte Viertel verbannt. Dann kann man zumindest so tun, als würde es dieses Gewerbe nicht geben. Fakt ist aber auch Folgendes: Die Marktgesetze funktionieren nach Angebot und Nachfrage. D.h. würde es nach dieser Dienstleistung keine Nachfrage geben, dann gebe es auch keine Prostitution. Nicht umsonst handelt es sich hierbei um das „älteste Gewerbe der Welt“. Und ja, wenn man in seinem Freundeskreis Männern die Frage stellt, ob diese schon einmal bei einer Professionellen gewesen sind, so will natürlich niemand etwas davon wissen.

Sind es also nur die „Unterschichten“ und die Außenseiter die diese Dienste nutzen? Das glaube ich nicht. Zumindest nach einer Studie ist der Durschnittskunde schließlich der „ganz normale“ Mann: „Knapp ein Fünftel der Deutschen war einmal bei einer Hure, ergaben Untersuchungen.“ Hm, klingt nicht nach einer Außenseiterbranche. Auch Seitensprünge sind hier keine Seltenheit, d.h. der Besuch von verheirateten Männern bei Bordsteinschwalben. Handelt es sich hier also um ein Problem der Doppelmoral nach dem Motto: „Ich weiß, dass es Prostitution gibt, ich möchte aber nicht damit konfrontiert werden, damit ich dieses „schmutzige“ Geschäft aus meiner Lebenswelt ausblenden kann?“

Nun, zumindestens lohnt es sich einmal, über die wahren Beweggründe des Protests zu reflektieren, egal, ob man die Vermietung des Objekts an das Rotlichtgewerbe nun grundsätzlich gut oder schlecht findet.

Das Wasserschloss von Wendhausen
Nach dieser unerwarteten Begegnung konzentriere ich mich wieder auf meine Grüne Tour Richtung Wolfsburg. Ich komme zunächst nach Volkmarode und folge den Schildern nach Dibbesdorf. Von hier sollte es eigentlich nach Wendhausen gehen. Hm, leider fehlt hier die Ausschilderung. Ich folge einfach dem Wendhäuser Weg und frage einen freundlichen Radfahrer, ob ich mich auf der richtigen Strecke befinde. Ein klares „Ja“ bestätigt meine Eingebung. Über einen Feldweg komme ich in den Ort mit der schönen Mühle. Aber wie geht es jetzt weiter? Ich bin auf der Suche nach dem Fahrradweg nach Groß Brunsrode.

Im Ort selber scheint niemand Groß Brunsrode zu kennen. Durch Zufall entdecke ich ein braunes Hinweisschild, das mich zum Wendhausener Wasserschloss führt. Oh, was für ein schöner Zufallsfund. Ich schaue mich ein wenig um und treffen auf zwei Herren, die ihren Mittagsspaziergang machen. Leider kennen sie den gesuchten Weg auch nicht. „Vermutlich können Sie irgendwie am Waldrand entlangfahren“, lautet ihre Antwort. Naja, das klingt nicht so wirklich nach einem guten Plan. Also trete ich doch den Weg über Lehre an, auch wenn der Fahrradweg an der Landstraße entlang führt.

In Lehre kenne ich mich ein wenig aus. Über einen Feldweg erreiche ich schließlich Groß Brunsrode. In Lehre bin ich dem Radwegschild nach „Flechtdorf“ gefolgt. In Groß-Brunsrode finde ich auch wieder eine Ausschilderung nach Wolfsburg. Option 1 führt über Flechtdorf, Option 2 über Klein-Brunsrode und Ehmen. Ich wähle die zweite Option. Leider gibt es zwischen Klein-Brunsrode und Ehmen keinen Fahrradweg, hier muss man auf der Straße fahren. Es ist aber so gut wie nichts los. Von Ehmen geht es wieder auf einem Radweg nach Fallersleben. Hier gönne ich mir eine kleine Erkundung der Altstadt.

Die sympathische Hoffmannstadt
Nun befinde ich mich in der „sympathischen“ Hoffmannstadt, wie mir das Ortsschild suggeriert. Die Altstadt ist wirklich hübsch und pittoresk, ein kleines Eldorado für Geschichtsinteressierte. Da der historische Ortskern überschaubar ist, lässt sich alles fussläufig erreichen: Die St.-Marien-Kirche, das Schloss, das Hoffmann von Fallersleben Haus. Wiederum treffe ich auf Herzogin Clara, der ich bereits in Gifhorn begegnet bin. In Fallersleben hatte sie über zwanzig Jahre lang ihren Witwensitz.

Von herrschaftlichen Schlössern und Glaspalästen
Es geht weiter Richtung Wolfsburg. Ich fahre durch einen schönen Park und erreiche den Stadtrand der Industriestadt. Auf einem kleinen Hügel lege ich erstmal eine Mittagspause ein und überlege, was ich noch unternehmen soll. Eigentlich drängt es mich nicht in die Innenstadt von Wolfsburg, aber das Schloss würde ich mir gerne nochmals ansehen. Vorbei an den Zeichen der Moderne, wie dem Kunstmuseum, dem VfL-Stadion und der Autostadt fahre ich zum kleinen Altstadtviertel. Die Stadt kommt mir hektisch und laut vor, doch plötzlich tauche ich rund um das Schloss in die absolute Stille und Idylle ab. Sowohl das Schloss als auch der Schlosspark hatten mir bereits bei meinem letzten Besuch vor gut sechs Jahren gefallen.

Die Insignien der Macht
Um wieder Richtung Fallersleben zu kommen, muss ich an den Insignien der Macht vorbei, dem Hauptsitz des Autokonzerns VW. Die vier Backsteinschornsteine des Werkes sind für mich ganz typische Herrschaftssymbole. Das moderne Wolfsburg, so meine Wahrnehmung, ist stark von dem Automobilhersteller und seinen Ausläufern (Autostadt, Phaeno etc.) geprägt. Ich fahre an den weitläufigen Parkplätzen vor dem Werksgelände entlang, schaue den Arbeitern nach, die gerade von der Schicht kommen. Ich freue mich auf den beschaulichen Rückweg. Ich fahre wieder durch Fallersleben, passiere Ehmen, Klein Brunsrode und Groß Brunsrode. Da entdecke ich doch tatsächlich den Fahrradweg nach Wendhausen. Oh, jetzt bin ich aber gespannt.

Natur-Ausflugsziel bei Groß Brunsrode
Ich folge der Ausschilderung. An einer Gabelung frage ich lieber nochmals bei Einheimischen nach. Diese versichern mir, dass der Weg durch den Wald richtig sei. Ich solle mich halt immer links halten. Nun gut, ich traue mich und fahre in den Forst hinein. Linker Hand treffe ich auf den Otte-Teich, ein Biotop. An dieser Stelle genieße ich nochmals die Ruhe und den schönen Ausblick. Leider haben auch hier mal wieder ein paar Saufköpfe ihre Hinterlassenschaft geparkt – schade.

Unterwegs treffe ich auf einen Radfahrer und ergreife die Gelegenheit, nochmals nach dem Weg zu fragen. „Oh, nach Wendhausen. Hm, Moment, wie bin ich denn gerade gefahren. Ja, links ist richtig. Hier geht es gleich links raus und dann sehen Sie gleich zwee Döfer, eens davon muss es sein„. Ich halte mich also weiter links und komme aus dem Wald heraus, ich sehe auch die Orte. Leider bin ich allerdings erst in Lehre, aber kein Problem. Ich fahre auf dem Feldweg an den Reitställen vorbei und spare mir so die Fahrt durch den Ort.

Über den Radweg gelange ich wiederum nach Wendhausen. Hier fotografiere ich die Mühle im schönen Sonnenlicht, um anschließend frohgestimmt den bereits bekannten Heimweg über Dibbesdorf, Volkmarode und Gliesmarode anzutreten. Eine schöne Strecke, die sich durchaus als „Grüne Route“ nach Wolfsburg bezeichnen darf.

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