Christina/ April 3, 2012/ Philosophisches

Reiseführer sind ein wichtiges Utensil. Sie dienen der Orientierung vor Ort. Sie liefern wertvolle Informationen über günstige Unterkünfte, Shopping-Meilen und angesagte Restaurants. Manchmal bewirken sie aber auch mehr, als man ahnt. Die Begegnung mit der (eigenen) Geschichte und somit mit der Vergangenheit. Die wechselvolle deutsch-französische Geschichte scheint im Elsass besonders präsent zu sein.

Bereits 357 n. Chr. haben die Alemannen das erste Mal versucht, das schöne Fleckchen Erde unter ihre Fittiche zu bringen. Ab 389 n. Chr. überschritten sie den Rhein und siedelten im Elsass. 496 nimmt die Konfrontation zwischen Franken und Alemannen zu. Zunächst gelang es jedeoch dem Merowingerkönig Chlodwig Elsass in Frankreich zu integrieren. 842 wurde das Frankenreich in einen französischen und einen deutschen Bereich geteilt. 925 wurde unter König Heinrich I. das Elsass mit Schwaben zum Herzogtum Schwaben und Elsass zusammengeschlossen; 1226 wurde Colmar Freie Deutsche Reichsstadt.

Das Elsass wurde ebenso vom Hunderjährigen Krieg (1339-1453) in Mitleidenschaft gezogen wie vom Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) und der Französischen Revolution (1789/90). 1798 wurde Muhouse französisch, nachdem es seit 1515 zur Schweiz gehörte. Was all diese Kriege und „territorialen Veränderungen“ für die Bevölkerung bedeutet haben mögen, lässt sich höchstens erahnen.

1870/71 wurde Elsass-Lothringen durch den „Frankfurter Frieden“ Teil des Deutschen Reiches. Besonders der Erste Weltkrieg (1914-18) zog das Elsass in Mitleidenschaft. Mit dem Versailler Vertrag wird Elsass-Lothringen dann wieder französisch. Während des Zweiten Weltkriegs ließ Hitler das Elsass dem nationalsozialistischen deutschen Staat einverleiben.

Resümierend lässt sich festhalten, dass das Elsass im Laufe seiner Geschichte immer wieder „umstrittener Zankapfel in Grenzlage“ war. Besonders von 1870 bis 1945 war der Landstrich immer wieder umkämpft zwischen den beiden Nachbarländern – Deutschland und Frankreich. Seine Grenzlage machte das Elsass seither zu einer zerrissenen Region, die in 75 Jahren drei fürchterliche Kriege erlebte, mit katastrophalen Konsequenzen für die Menschen. Im August und September 1870 hagelte es allein in Straßburg fast 200 000 (!) Artilleriegeschosse, die 450 Gebäude in Schutt und Asche legten.

Als besonders erschreckend bleibt mir mal wieder die Zeit des „Dritten Reichs“ im Bewusstsein. Am 28. Juni 1940 marschierten Hitlers Truppen in Straßburg ein. Ein Drittel der Bevölkerung flüchtete vor dem Naziterror nach Südfrankreich. Die direkt Berlin unterstellte Zivilverwaltung erwies sich auf linksrheinischem Gebiet als besonders brutal (Konzentrationslager Struthof bei Schirmeck). Von 1942 an wurden Elsässer zwangsweise in die deutsche Wehrmacht eingezogen und häufig an die Front nach Russland geschickt.

Mit dem Einzug General Leclercs 1944 in Straßburg erlebte das Elsass den vierten Nationalitätenwechsel in nur einem Dreivierteljahrhundert!

Unser erstes Ziel, nach einem „Kaffeeaufenthalt“ in Colmar und Eguisheim, ist Munster. Dem Reiseführer entnehme ich, dass das Städtchen im Ersten Weltkrieg besonders stark von Zerstörungen betroffen war, da die Frontlinie mitten durch die Ortschaft führte. Diese Information hinterlässt ein mulmiges Gefühl bei mir. Unser Hotelbesitzer spricht wie selbstverständlich deutsch mit uns. Er spricht auch – natürlich – französisch, aber auch englisch. Ich frage mich, wie er den „Deutschen“ gegenübersteht. Ich kann ein Gefühl der Betroffenheit und der Gedrücktheit zunächst nicht ablegen.

Bei einem vorherigen Spaziergang durch Colmar fällt mir die Auslage in einem Buchladen auf. Sie ist voll mit Büchern, die an den Algerienkrieg, der nunmehr 50 Jahre zurückliegt, erinnern. Viele Nationen haben im Krieg Unrecht getan, Vieles ist aufzuarbeiten, so scheint mir. Vergangenheitsbewältigung ist ein kaum öffentlich diskutiertes Thema. Dabei scheint in der Seele vieler Nationen noch ein Abgrund zu schlummern, den es zu heilen gilt.

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