Christina/ März 14, 2010/ Kultur

In der letzten Woche fand endlich mal wieder ein sehenswerter Film den Weg in die deutschen Kinos: „Die Fremde“ von der deutsch-türkischen Regisseurin Feo Aladag.

Absolut überragend als Darstellerin, wie schon in ihrem Debüt „Gegen die Wand“, mal wieder Sibell Kekilli. Trotzdem kann ich die Meinung des Spiegel-Journalisten, der Frau Kekilli als so genannte Deutsch-Türkin gerne auf die Rolle derselbigen festschreiben möchte, nicht teilen. Auffällig ist vielmehr, dass Frau Kekilli auch in anderen künstlerisch anspruchsvollen Filmen, wie „Winterreise“ oder „Der letzte Zug„, außerhalb des deutsch-türkischen Klischees durch ihre schauspielerische Leistung überzeugen konnte.

Auch stellt sich mir die Frage, ob in der Gewalt gegen Frauen ein rein türkisches Phänomen zu sehen ist. Nun, die Flucht ins Frauenhaus, wie sie Umay – alias Sibel Kekilli – in dem Film nur übrig bleibt, sollte zumindest auch europäische Männer und Frauen nachdenklich machen. Denn, es sind bestimmt nicht nur türkische oder muslimische Frauen, die hier Zuflucht vor gewaltätigen Ehemännern oder Familienvätern suchen.

Die erste Zufluchtsstätte für misshandelte Frauen, so erfahren wir, entstand zumindest in London, im Jahre 1791. Das erste deutsche Frauenhaus wurde dann 1976, damals noch in Westberlin, eröffnet. Und wie lange ist es wirklich her, dass die § 177-179 StGB verabschiedet wurden, die die Vergewaltigung in der Ehe vom Kavaliersdelikt befreien? Noch „am 18. Oktober 1996 scheiterte das Strafrechtsänderungsgesetz zur Reform der Sexualdelikte am Einspruch des Bundesrates.“ Erst im Mai des darauffolgenden Jahres wurde über das neue Gesetz, das Frauen auch innerhalb der Ehe gegen die Vergewaltigung durch den eigenen Ehemann schützen sollte, im Bundestag abgestimmt.

Trotzdem ist der Deutsche schnell dabei den „Ehrenmord“ und die damit in Verbindung gebrachte türkische Gesellschaft zu verdammen. Dies ist kein Plädoyer für den „Ehrenmord“ und auch kein Plädoyer dafür, diesen runterzuspielen. Wer sich aber einen wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema jenseits aller Bildzeitung-Klischees zutraut, dem seien die Bücher des Ethnologen Werner Schiffauer empfohlen. Nach der Lektüre seines Buches „Die Gewalt der Ehre“ mag sich jeder selber ein Bild darüber machen, wieviel er von der türkischen Gesellschaft und dem Leben von Migranten in Deutschland verstanden hat.

Wer dann immer noch meint, dass es Frauen in der westlichen Hemisphäre besser in Ehe und Familie erginge, dem sei der Film „Kaltes Land“ mit einer fullminant spielenden Charlize Theron ans Herz gelegt.

Nachtrag vom 22.04.2010: Ein schönes Filmheft, auch für den Einsatz des Themas im Unterricht, findet sich auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung.

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