Christina/ Juni 16, 2010/ Kultur

Was weitläufig als „schönster Tag im Leben einer Frau“ bezeichnet wird, gerät mancherorts zu einem Alptraum: die Hochzeit. Die Rede ist hier nicht vom traditionellen „Get together“ von Verwandten und Freunden. Sondern von der unter Androhung von physischer und psychischer Gewalt erzwungenen Vermählung mit einem nicht bekannten und/oder ungeliebten Menschen

Es handelt sich dabei keineswegs um ein neues Phänomen, über das nun im Zuge einer Eilmeldung berichtet werden müsste. Neu ist hier vielmehr die Tatsache, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema auch in Deutschland immer unausweichlicher wird. Bis in die Schulen scheint die Problematik vorgedrungen zu sein, was die Integrationsministerin, Maria Böhmer, dazu veranlasst hat, im Namen der Bundesregierung eine Broschüre mit dem Titel „Leitfaden für Schulen zum Umgang mit Zwangsverheiratung“ herauszugeben. Zweck der Broschüre ist es, Lehrerinnen und Lehrern einen Leitfaden an die Hand zu geben, der „das Schulpersonal auf die Thematisierung von Zwangsheirat in der Schule vorbereitet und ihm ermöglichen soll, gegenüber Schülerinnen und Schülern sowie potentiellen Opfern die richtige Ansprache zu finden“, so eine Meldung auf bildungsklick.net vom 11.07.2010.

In diesem Zusammenhang ist auch von einer Sensibilisierung der Lehrkräfte für das Thema die Rede „Aufmerksame und sensibilisierte Lehrkräfte können möglicherweise erste Anzeichen für eine drohende Zwangsheirat frühzeitig erkennen und den Schülerinnen und Schülern adäquate Hilfe anbieten.“

Über den Inhalt des Leitfadens soll an dieser Stelle gar nicht diskutiert werden, das wurde bereits an anderer Stelle recht ausführlich getan. Wobei sich beim Lesen der Diskussionseinträge die Frage stellt, warum der Meinungsaustausch alsbald den Pfad des eigentlichen Themas verlässt und in den Bereich der persönlichen Animositäten wechselt. Eine weitere Frage ergibt sich aus der bildlichen Darstellung über dem Blog-Eintrag: Was haben steinewerfende Palästinenser mit Zwangsverheiratung zu tun?

Was Unverständnis oder zumindest eine Frage in den Raum stellt, ist ein Blick auf die Seite 33 der Broschüre. An dieser Stelle werden die „Mitglieder der offenen Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Erarbeitung des Leitfadens“ genannt. Wäre es bei einem solchen Thema, dass ja offensichtlich in das Ressorts „Migranten“ fällt, nicht sinnvoll gewesen, Vertreter der entsprechenden Migranten-Gruppen zu Rate zu ziehen? Es kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass sich in den einzelnen Ministerien und Bundeszentralen entsprechende Vertreter befinden. Trotzdem sollte der Dialog mit den betroffenen Kulturen gesucht werden, allein schon, um eine Sensibilisierung für deren Werte und Normen aufzubauen. Ein Vorgehen, das allgemein mit interkultureller Kompetenz beschrieben wird.

Dabei soll hier mitnichten eine Lanze für die Fremdbestimmung von Frauenleben oder für die Gewaltanwendung gebrochen werden. Wohl aber dafür, dass zur Betrachtung eines „Critical Incidents“ (Verlinkung auf vorherigen Artikel), also dem Aufeinandertreffen von interkulturell bedingten Verschiedenheiten, ein Perspektivwechsel gehört, der es ermöglichen soll, vorübergehend die eigene „Kulturbrille“ ab und die der vermeindlich fremden Kultur aufzusetzen.

Die Erstellung und Verbreitung eines Leitfadens, halte ich abschließend, für eine typisch deutsche Lösung. Wenn es ein Problem zu lösen gilt, geht man rational vor und bietet eine Handlungsorientierung. Ich muss aber zumindest damit rechnen, dass es auch durchaus andere kulturell bedingte Denk- und Handlungsweise gibt, so dass mit der „strikten“ Umsetzung der Handlungsanweisungen womöglich nicht getan ist. Trotzdem sollte es als erster Schritt in die richtige Richtung gewertet werden, dass die Regierung die Brisanz des Themas anerkennt und eine Handlungsaufforderung erkannt hat.

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