Christina/ August 9, 2009/ Kultur

Beim Lesen der 62-Seiten starken Studie des kalifornischen Berkman Center scheint der Hauch der Enttäuschung ein ständiger Begleiter zu sein. Tatsächlich, so das Ergebnis, ist die arabische Blogosphäre eine ganz normale. Zunächst beschäftigen arabische Blogs sich mit ihrem Herkunftsland. Nun, das dürfte in vielen westlichen Ländern nicht anders sein. Man(n) oder Frau bloggt also über Persönliches, Freunde, Sexuelles und Religion.

Erbebnisse:

  1. weniger als 1% unterstützt extremistische oder terroristische Ideen
  2. 19% sind ausdrücklich gegen Terrorismus
  3. 1% zeigen Sympathie für den politischen Islam, während ihn 9% kritisieren

Damit scheinen Befürchtungen der amerikanischen Politiker, dass die Nutzung des Internet Haß verbreitet und Terrorismus unterstützt, übertrieben zu sein. Vielleicht kann diese Untersuchung sogar helfen, Stereotype zu entlarven und abzubauen. Vielleicht verhindert sie auch, dass extreme Ansichten die Kommunikation zwischen den Kulturen dominiert. Diese Studie bestätigt, dass extrimistische Ansichten einen sehr geringen Teil der Blogosphäre ausmachen.

Aber der Reihe nach: Das Berkmann Research Center, das zu der amerikanischen „Harvard“ Eliteunversität gehört, hat ein Netzwerk von ca. 35.000 aktiven arabischen Blogs identifiziert und hat dann mit einem arabisch sprechenden Team 4.000 davon näher untersucht. Schwerpunkte sind die Erwähnung von Politik, Medien, Religion, Kultur und internationale Beziehungen in den Blogs.

Das untersuchte Netzwerk besteht aus Blogs aus mindestens 18 verschiedenen arabischen Ländern, als auch arabischen Expats aus Europa, den USA, Südamerika und anderen Ländern.

Was zeichnegt die arabischen Blogger aus? Sie sind überwiegend jung und männlich. Der größte Anteil an weiblichen Bloggern findet sich in Ägypten. Während im Maghreb und in Syrien kaum Frauen vertreten sind. Bei der Themenwahl sind eigene Beobachtungen, die in Form von Tagebucheinträgen geschrieben werden, am Wichtigsten. Diejenigen, die über politische Themen schreiben, beschränken sich auf ihr Heimatland und kritisieren ihr politisches Establishment. Ausländische Politiker werden nur am Rande diskutiert, dann aber eher kritisch bewertet. Lokale Nachrichten werden stärker beachtet als internationale. Politisch gesehen
wird am meisten über Palästina geschrieben, speziell über die Situation im Gazastreifen.

Die USA sind kein dominantes Thema in den arabischen Blogs, auch nicht die Kriege in Afghanistan oder dem Irak. Die meiste Erwähnung finden die USA in den englisch-sprachigen Blogs der Levante oder aus Syrien. Wenn sie thematisiert werden, dann eher kritisch.

Die Studie ordnet die untersuchten Blogs sechs Schwerpunktregionen zu:

  1. Ägypten: vereinigt die größte arabische Bloggergemeinde auf sich. Diese ist von charakterisiert von Bloggern, die dem reformistischen Lager zuzuordnen sind. Und von Mitgliedern der verbotenen islamischen Organisation „Muslim Brotherhood“.Die Hälfte aller Blogger sind hier Frauen. Das durchschnittliche Blogger-Alter ist 18-24 Jahre. Hauptthemen sind das Single-Dasein und das Familienleben.
  2. Saudi Arabien: diese umfassen die zweitgrößte Bloggergemeinde. Diese schreibt in erster Linie persönliche Tagebücher und kaum über politische Themen. In Saudi Arabien wird wenig über Innenpolitik geschrieben. Blogger schreiben in erster Linie im Tagebuchstil und haben eine hohe Affinität zur Internettechnik. Auch hier gibt es einen hohen Anteil an weiblichen Bloggern (46%).
  3. Kuwait: die untersuchten Blogs wurden hier in zwei Gruppen aufgeteilt. In Blogs, die in arabischer Sprache und in Blogs, die in englischer Sprache verfasst wurden. Beide Gruppen schreiben in erster Linie über innenpolitische Themen. Dabei setzen sich die englisch-sprachigen Blogger mehr für Reformen, die Wirtschaft und Frauenrechte ein. Die wirkliche Nachricht dieser Studie ist, dass die Kuwaitis zu den engagiertesten Bloggern gehören. Besonders aktiv waren sie in 2006 nach dem Tod des letzten Emirs und den Unruhen im Zuge der Nachfolge. Sie deckten Unregelmäßigkeiten im Wahlkampf und bei den Wahlen auf. Es gibt Unterschiede zwischen den Bloggern, die in englischer oder in arabischer Sprache publizieren. In arabischer Sprache wird mehr über innenpolitische Themen geschrieben und mehr Kritik an Israel geübt.
  4. Levante/Englische Brücke: Diese Gruppe von Bloggern wohnt zumeist im östlichen Mittelmeergebiet, der Levante. Dazu gehören der Libanon, Jordanien, Syrien, Palästina und der Irak. Die meisten der untersuchten Blogs sind in englischer Sprache verfasst. Als „Brücken Blogger“ wird diese Gruppe bezeichnet, da sie überproportional stark mit Blogs aus Amerika oder anderen westlichen Ländern verlinkt ist.Jordanien: hat in der Levante-Gruppe den höchsten Frauenanteil (über 40%).
  5. Syrien: diese Gruppe ist zeichnet sich durch Kritik an den örtlichen Politikern aus. Sie umfasst arabisch-sprachige Blogs genauso wie englisch-sprachige. Dabei orientieren sich die arabischen Blogs in Richtung Saudi Arabien und die englischen Blogs in Richtung Levante. Diese Blogger-Gruppe hat die meisten Expats (16,7%), die von ihrer gemeinsamen Sprachwahl zusammengehalten werden. Sie sind besonders politisch: diskutieren internationale Meldungen genauso wie lokale Nachrichten. Der Fokus liegt dabei auf Menschenrechten, Frauenrechten und westlicher Kultur. Sie kritisieren oder unterstützen
    die USA am meisten. Die Blogger kommen fast ausschließlich aus dem Land selber und sind größtenteils männlich mit 87%.
  6. Maghreb/Französische Brücke: eine länderübergreifende Gruppe, deren Mitglieder hauptsächlich aus Marokko, Tunesien und Algerien stammen. Viele von ihnen schreiben in „französischen Arabisch“. Andere Blogger aus dem Maghreb veröffentlichen in Französisch und stehen den religiös motivierten Gruppen nah. Im Maghreb bloggen überwiegend Männer mittleren Alters mit einem hohen Anteil
    an anonymen Bloggern aus dem Ausland.
  7. Irakische Blogger: Diese Gruppe tritt innerhalb der arabischen Blogosphäre (zahlenmäßig) nicht hervor. Sie sind eher in der „Englischen Brücke“ zu finden. Das mag daran liegen, dass viele Irakis in englischer Sprache publizieren und mit US-amerikanischen Think-tanks verlinkt sind.
  8. Muslim-Bruderschaft: Obwohl die Mulim-Bruderschaft in Ägypten offiziell verboten sind, sind sie durch Blogs sehr aktiv vertreten. Sie schreiben über Menschenrechte und verteidigen inhaftierte Mitglieder. Sie diskutieren über die Zukunft der Vereinigung und deren Zielsetzungen. Es ist in erster Linie ein Schlagabtausch zwischen dem Establishment und jüngeren Mitgliedern.

Also bisher keine neuen oder gar überraschenden Erkenntnisse. Wer sich mit der Kolonialgeschichte dieser Region auskennt, für den werden die Zuordnungen gleich nachvollziehbar sein.

Weitere Gruppierungen werden nach der Themenwahl vorgenommen:

  1. Islam-Fokus: es handelt sich dabei um eine locker verwobene Gruppe von Bloggen aus verschiedenen arabischen Ländern, die hauptsächlich den Islam thematisieren. Dabei werden persönliche, theologische und politische Aspekte beleuchtet.
  2. Terrorismus: Terrorismus wird vorrangig in der Levante und in Syrien diskutiert. Dabei stehen alle Blogger terroristischen Angriffen sehr ablehnend gegenüber.
  3. Religion: Religion ist ein beliebtes Thema von Blogs. Dieses Thema wird aber mehr aus der persönlichen Sichtweise und Auffassung diskutiert als im politischen oder theologischem Sinne. Die Kritik an anderen Glaubensrichtungen ist gering. Die Ausnahme ist sind eine Reihe von Bloggern aus der islamistischen Ecke, die über den Islam aus einer konservativen Sichtweise schreiben. Oft werden dabei andere Glaubensrichtungen kritisiert.
  4. Menschenrechte + Kultur: Menschenrechte sind eines der Hauptthemen von Blogs. Unter den kulturellen Themen sind Lyrik, Literatur und Kunst populärer als die moderne Popkultur (Musik, TV und Kino).
  5. Arabische Medien: Blogs verlinken auf Web 2.0-Anwendungen wie YouTube und Wikipedia. Al Jazeera ist die Hauptnachrichtenquelle, gefolgt von BBC und Al Arabiya.
  6. Anonymität: Im großen und ganzen schreiben arabische Blogger unter ihrem tatsächlichen Namen. Ausnahmen sind Syrer, Kuwaitis und Maghrebiner. Blogger, die über ihre Verfolgung schreiben. In Algerien schreiben Frauen eher unter einem Pseudonym.

Alte Formen des Meinungsaustausches, wie z.B. passwortgeschützte Foren oder Chats sind wesentlich beliebter unter Arabern, um Repressionen durch den Staat zu entgehen.

Bei allen Ergebnissen muss beachtet werden, dass diese Blogs nur eine bestimmt aufgeklärte und wohlhabende Schicht des Landes repräsentieren. Viele haben keinen oder nur unzureichenden Zugriff auf das Internet. Die Regierung versucht zudem die Aktivitäten auf dem Internet zu kontrollieren. Zu Bedenken gilt auch, dass in 2003 ca. 18 Computer auf 1000 Einwohner kamen. Eine Internetverbindung hatten in 2007 nur 4% der Bevölkerung in der arabischen Welt und es gab nur 19 Mio. Internetuser, d.h. 10 % der Gesamtbevölkerung hatten Zugriff auf das Internet, was immerhin eine 500%ige Steigerung zu 2001 bedeutete.

Download der Studie (1,3 MB)

Weiterführende Literatur:

Promise of new technology in the Arab World (Juli 2005)
Blogging the New Arab Public (Februar 2007)

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